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Gold - mal ganz ehrlich …

Michael Blumenroth, Edelmetallhändler der Deutschen Bank

Michael Blumenroth, Edelmetallhändler der Deutschen Bank



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Michael Blumenroth, Edelmetallhändler Deutsche Bank

Hui, was für Wochen liegen hinter uns! Kaum Zeit zum Verschnaufen, Hektik an den Märkten, schiere Panik, Weltuntergangsszenarien, von himmelhochjauchzend- bis-zu-Tode-betrübt innerhalb von Stunden.

Gerüchte über kollabierende Banken, die sich dann fast im Zuge der „self-fullfilling prophecy theory“ von selbst erfüllt haben. Hoher Blutdruck in Handelssälen, aber wissen Sie was? Wenn man von dem unangenehmen Gedanken absieht, dass Banken gefährdet waren, und dass dies gar nicht für jemand gut ist, dessen Gehalt von einer Bank bezahlt wird, dann war es irgendwie eine unheimlich spannende Zeit.

Kursbewegungen von 25% in Silber innerhalb von drei Stunden oder 100 US-Dollar in Gold innerhalb von 6 Stunden ließen mein Traderherz höher schlagen. Auch Platin und Palladium als die beiden verbleibenden Edelmetalle ließen sich nicht lumpen: Hätte mir jemand vor drei Monaten prophezeit, dass Platin innerhalb von fünf Monaten von 2.400 US-Dollar auf 780 US-Dollar/Unze fallen könnte, dann hätte ich ihn als mental derangiert entmündigen lassen ... Nur Händler in VW-Aktien hatten sicherlich noch mehr Spaß (oder Pein!) als wir Edelmetallhändler. Sind wir doch mal ehrlich: Der Mensch ist ein Wesen, das gern spielt – und so ein bisschen Adrenalin hat noch keinem geschadet, besonders jetzt, wo die Tage kurz und dunkel sind, und nur noch der neue James-Bond- Film und die plötzliche Erkenntnis, dass es irgendwie auch dieses Jahr wohl wieder ein Weihnachten geben wird, uns aus der Jahresendlethargie herausreißen können.

Gold in der Zwitterrolle

Übrigens: Interessant dabei ist die absolute Zwitterrolle von Gold! Schwächere Metalle hätte dieser Konflikt quasi innerlich zerrissen, aber nicht mein geliebtes Gold. Einerseits wurde Gold als ‚Sicherer-Hafen‘-Investment nachgefragt. In den USA sind innerhalb kürzester Zeit immense Beträge in Goldinvestments – insbesondere Gold-ETFs – geflossen. Für die Mathefüchse unter Ihnen: Die Rede war von nahezu zehnstelligen Dollarbeträgen. In Deutschland waren erstaunlicherweise Münzen und Barren innerhalb kürzester Zeit so sehr nachgefragt, dass es einfach keine mehr gab. Gleichgültig, ob man nach einem anstrengenden Tag in der U-Bahn nach Hause gefahren ist oder nur mal kurz eine gewisse Lokalität aufsuchte, um auszutreten: Immer und überall hörte man Leute, die vor drei Monaten nicht mal wussten, wie man Gold schreibt. Diese diskutieren darüber, ob man nicht Gold kaufen solle, weil das Wirtschaftssystem eh zusammenbrechen würde.

Spätestens da klingelten die Alarmglocken laut, denn, was lernen wir auf der Händlerschule? Sobald JEDER über ein gewisses Investment redet, dann ist es meistens mit der Rallye vorbei. Vor allem dann, wenn eine Aktie oder ein anderes Investment wie Gold es auf die Titelseite der BILD-Zeitung geschafft hat, ist eh alles schon zu spät, und man sollte so schnell wie möglich die Verkaufsaufträge an die Börse schicken! Und so geschah es ... Es kam, was kommen musste, nämlich der alle enttäuschende Kursrutsch!

Von den ‚halbedlen’ Metallen…

Damit komme ich auf die Zwitterrolle des Goldes zurück. Die weißen Metalle Silber, Platin und Palladium sind in den letzten Jahren immer mehr als Industriemetalle gehandelt worden, und haben vergessen, dass sie ja eigentlich edle Metalle sind. Eine Schande. Nichtsdestotrotz, das macht es mir natürlich einfach, den Kurssturz dieser drei, sagen wir mal halbedlen, Metalle zu erklären. Sich eintrübende Konjunkturaussichten, die auch Öl, Base Metals und Agrarprodukte auf eine rasante Talfahrt schickten, düstere Wolken über den Absatzerwartungen z.B. der Autohersteller, und schon brauche ich nichts mehr zu sagen. Nebenbei bemerkt: Der Hauptzweck von Palladium besteht darin, in Katalysatoren verarbeitet zu werden. Also: trübe Konjunktur, trübe Preise!

Das ‚Zwittrige’ am Gold

Gold jedoch wäre zu edel, um es in einen Katalysator zu stopfen. Definitiv. Nichtsdestotrotz darf man nicht vergessen, dass normalerweise 80% der Nachfrage von der Schmuckindustrie kommen. Davon ausgehend, dass dieser Text hauptsächlich von Männern gelesen wird, kann ich natürlich diese Geschenkidee nur wärmstens empfehlen ... und, da Frauen sehr informierte Wesen und Anleger sind (habe ich nicht umwerfenden Charme???), werden sie die Goldpreisentwicklung dieses Jahr genau verfolgt haben und zu schätzen wissen, dass Sie keine Kosten gescheut haben, Ihrer Angebeteten eine Freude zu machen.

Leider denken nicht alle Männer so ritterlich wie ich, und deswegen schrecken viele vor den höheren Preisen zurück und die Nachfrage bricht ein. Und das ist genau das ‚Zwittrige’ am Gold: Einerseits flüchtet der nervös gewordene Anleger ins Gold hinein, andererseits ersetzt diese Nachfrage nach Münzen und Barren gerade mal die wegfallende Schmucknachfrage. Ein Nullsummenspiel quasi, und wirkliche Preisbewegungen finden nur statt, wenn jemand auf dem falschen Fuß erwischt wird. Das trifft insbesondere diejenigen im Optionsund Terminmarkt, aber auch die Hedgefonds, die massiv an den Metallmärkten unterwegs sind. Welche unsere Lieblingsopfer zu werden scheinen, siehe die VW-Aktie!

Nun, „what next“? Ganz ehrlich? Keine Ahnung! Mittel- und längerfristig würde ich Gold höher erwarten, aber im Moment könnte ich keinen Grund nennen, warum Gold extrem ansteigen sollte. Wir werden sehen. Ein Münzwurf könnte eine mehr Erfolg versprechende Idee sein, als zu versuchen, den Markt logisch zu erklären. In diesem Sinn: Viel Glück und gute Nerven!

26.11.2009 | 00:00

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