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Stimmungen sind ein schlechter Börsenratgeber

Aktien Anlagetipp von Chris-Oliver Schickentanz, Commerzbank

Chris-Oliver Schickentanz, Chefanlagestratege der Commerzbank


Die vergangenen Börsentage hatten es wahrlich in sich. Innerhalb von nur zehn Handelstagen gab beispielsweise der deutsche Aktienindex Dax sämtliche Jahresgewinne ab und hat über 2.000 Punkte verloren. Dabei wird insbesondere der letzte Montag in die Geschichtsbücher eingehen. Schließlich standen hier zwischenzeitlich mehr als sieben Prozent Kursverlust für den deutschen Leitindex zu Buche. Was man als Anleger vielleicht noch von Einzelwerten als Reaktion auf eine heftige Gewinnwarnung oder enttäuschende Quartalszahlen gewohnt ist, hat auf Indexebene absoluten Seltenheitswert. Die Kernfrage, die immer wieder gestellt wurde: Wie tief können Aktien denn noch fallen? Und als konsequente Fortsetzung: Wann lohnt es sich, wieder zuzugreifen?

Die Antwort, die man als Anlagestratege darauf geben muss, ist für Viele ernüchternd. Der Tiefpunkt einer solch dynamischen Abwärtsbewegung lässt sich nicht seriös prognostizieren. Schließlich sind in solchen Marktphasen zu viele Automatismen am Werk, die schnell eine Eigendynamik entfalten und sich gegenseitig aufschaukeln können: Institutionelle Anleger, die ihre Risikobudgets aufgebraucht haben und daher verkaufen müssen. So mag sich der kalifornische Pensionsfonds bei asiatischen Währungen vergriffen haben und sieht nun sein jährliches Renditeziel gefährdet. Dann werden eben auch deutsche Aktien auf den Markt geworfen. Nicht, weil man diesen kein Potential mehr zubilligt, sondern weil das Portfoliorisiko „rasenmähermäßig“ und undifferenziert reduziert werden muss; Stopp-Limite, die üblicherweise an technischen Marken ausgerichtet werden und dann auf einen Schlag ausgelöst werden. Der so entstehende Verkaufsdruck erklärt die treppenmäßige Abwärtsbewegung, die nach kurzen Ruhephasen immer wieder mit starkem Schub nach unten ging. Und nicht zuletzt momentum-orientierte Anleger, die auf derart dynamische Trends aufspringen und die Kursausschläge durch Leerverkäufe verstärken.

Trotz dieser zahlreichen Einflussfaktoren, gibt es Indikatoren, die eine nahende Trendwende signalisieren können. Dazu zählen zum einen die Volatilitätsindizes. Springt beispielsweise der V-Dax – die Volatilitätskennzahl für deutsche Aktien - deutlich über 40 Punkte ist dies historisch betrachtet meist der Beginn einer nachhaltigen Trendwende. Noch zuverlässigere Signale können Stimmungsindikatoren liefern. Sie versuchen, das aktuelle Marktsentiment zu quantifizieren. Dabei sind sie als klassische Kontrasignale zu verstehen. Bedeutet konkret: Wird die Stimmung extrem pessimistisch, spricht das für Käufe und wieder steigende Kurse. Wir setzen dabei bevorzugt auf den Ned Davis Sentimentindikator, der verschiedene Stimmungssignale aggregiert und dadurch ein austariertes Gesamtbild liefert.

Wenn – wie am Montag dieser Woche – sowohl die Volatilitätsindizes neue Höchststände markieren als auch extrem pessimistische Niveaus beim Sentiment erreicht werden, ist dies ein klares kurzfristiges Kaufsignal. Natürlich gibt es auch dann keine Gewissheit, dass die Kurse steigen. Aber beide Instrumente können dabei helfen, die eigenen Anlageentscheidungen zu disziplinieren. Denn eines ist sicher: Stimmungen sind ein schlechter Börsenratgeber. Wer prozyklisch investiert, wird den größten Teil der Performance liegen lassen.

Chris-Oliver Schickentanz ist Chefanlagestratege der Commerzbank.

04.09.2015 | 10:34

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