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Nachhaltigkeit – zentrales Thema unserer Zeit, aber kein Erfolgsgarant

(Foto: Shutterstock)



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Aktienfonds, die bei der Titelauswahl ESG-Kriterien ("Environmental, Social, Governance") verwenden, sind wahrscheinlich ein Beitrag, den die Finanzwelt zu mehr Nachhaltigkeit und Klimaschutz leisten kann, aber für sich allein noch kein Weg zu mehr Rendite oder weniger Risiko. Dafür braucht es zusätzliche Elemente.

Von Leo Willert, Gründer und Head of Trading, ARTS Asset Management

Nachhaltigkeit ist ein Schlüsselthema unserer Zeit. Bereits zwei von drei jungen Konsumenten in Deutschland achten beim Einkaufen darauf. Für etwas mehr als die Hälfte der 16- bis 35-Jährigen sind Umweltschutz und Klima noch vor der Gesundheit das wichtigste Thema, über das sie sich regelmäßig informieren. Auch in Sachen Geldanlage sind Umwelt, Soziales und verantwortungsvolle Unternehmensführung Faktoren, auf die immer mehr Anleger achten. So gaben im Vorjahr bereits 80 Prozent der institutionellen Investoren an, Nachhaltigkeitskriterien zu berücksichtigen. Ebenso bei Privatanlegern stieg der Anteil jener, die wollen, „dass ihre Geldanlage eine positive Wirkung im Sinne von Nachhaltigkeit zeigt“. Allein im Jahr 2020 nahmen die Assets under Management nachhaltiger Fonds in Deutschland nach Angaben des Forums für nachhaltige Geldanlagen (FNG) um rd. 70 Prozent zu.

EU-Regulatorik verstärkt den Trend zu nachhaltigen Finanzprodukten

Eine maßgebliche Triebfeder dieser Entwicklung ist die europäische Regulierungspolitik, die mit der 2019 in Kraft getretenen "Offenlegungsverordnung" Anbieter von Finanzprodukten seit dem März 2021 dazu verpflichtet hat, die „wichtigsten nachteiligen Nachhaltigkeitsauswirkungen“ auf Unternehmensebene und die „zu erwartenden Auswirkungen von Nachhaltigkeitsrisiken auf die Rendite der Finanzprodukte“ offenzulegen. Weitere Schritte in Richtung einer mehr oder minder sanften Erhöhung des Drucks, vorwiegend in ESG konforme Produkte zu investieren, sind im Rahmen der Klimaschutzbestrebungen zu erwarten. Ob das auch den Anlageerfolg der Marktteilnehmer positiv beeinflussen wird, ist allerdings nicht ausgemacht. Während nämlich die ökologische und gesellschaftspolitische Bedeutung von ESG-Investments einem relativ breiten Konsens unterliegt, ist das in Bezug auf Renditen und Risiko nicht der Fall.

ESG allein, ist noch keine Quelle für Sicherheit & Ertrag

Nachhaltiges Investieren fügt sich nicht nur in die Vision einer zukünftigen klimaneutralen Wirtschaft und sozial gerechten Gesellschaft ein, sondern impliziert auch, das Risiko für den Anleger zu reduzieren. Denn Unternehmen, die schon heute nachhaltig wirtschaften, sind grundsätzlich ökologischen Risiken weniger ausgesetzt, werden von Verbrauchern positiver wahrgenommen und vermeiden regulative Risiken durch höhere Abgaben wie CO2-Steuern. Beispielhaft wird ein ökologischer Musterschüler unter den Erdöl-Konzernen weniger wahrscheinlich der Verursacher einer Umweltkatastrophe sein als sein Konkurrent, der es mit dem Umweltschutz nicht so genau nimmt. Dagegen lässt sich freilich nur schwer etwas einwenden. Aber empirisch bleibt eine Überlegenheit von Risiko- und Ertragskennzahlen allein durch die Anwendung von ESG-Kriterien im Investmentprozess unbelegt.

Ein ESG-Ansatz beim Investieren kann zwar das Risiko singulärer Events reduzieren, aber stellt für sich noch keine gesamtheitliche Risikokontrolle dar. Denn auch ESG-konforme Aktienwerte unterliegen Kursschwankungen und korrelieren oftmals stark mit der allgemeinen Stimmung an den Aktienmärkten. Stürzt der Markt ab, geht auch der Kurs von ESG-Aktienfonds in der Regel auf Talfahrt. Dies verdeutlicht die Entwicklung des nachhaltigen Index MSCI World ESG Leaders Index, der von verschiedenen ETF-Anbietern nachgebildet wird. So wurde dieser in der Finanzkrise von 2008 empfindlich getroffen und verlor rund 54 Prozent an Wert (Zeitraum 9.10.2007 – 9.3.2009). Auch beim Marktcrash im Zuge der Coronakrise im vergangenen Jahr verzeichnete er einen signifikanten Verlust von -33,80 Prozent (Zeitraum 19.02.2020 – 23.03.2020). Eine nachhaltige Anlagestrategie kann also das Gewissen beruhigen, aber nicht unbedingt die Nerven. Ein ESG-Fonds ohne konsequentes Risikomanagement gleicht einem Auto mit Elektroantrieb ohne Sicherheitsgurt und Bremse. Dieses Auto verursacht zwar einen kleineren CO2-Fußabdruck als ein Benziner-Auto, aber nichts desto trotz drohen im Falle eines Crashs schmerzhafte Schäden.

Der stärkere Ansatz: ESG plus Risikomanagement

Das Risikomanagement muss daher als ein ergänzendes Element zur ESG-Strategie gesehen werden, denn auch ESG-Fonds unterliegen Marktrisiken. Dabei sollte Wert auf eine stringente und konsequente Risikobegrenzung gelegt werden, um hohe Verluste in Stressphasen und Marktkrisen effektiv zu begrenzen. Eine langfristig erprobte Technik zur Umsetzung ist rein quantitative Trendfolge, mit deren Hilfe der Investitionsgrad gesteuert wird. Befindet sich der Markt in einem etablierten Aufwärtstrend, werden bis zu 100 Prozent des anzulegenden Kapitals in den (Aktien-)Markt investiert, im Abwärtstrend dagegen wird – je nach Managementansatz – das Risiko entweder reduziert oder sogar auf Null abgebaut, indem in das Kapital in konservativere Anleihen bzw. den Geldmarkt umgeschichtet wird. Mit einem solchen trendfolgebasierten Risikomanagement hätte man einen guten Teil des desaströsen Bärenmarktes im Zuge der Finanzkrise vermeiden können, der in Euro berechnet fast die Hälfte des Börsenwertes der Aktien im MSCI World ESG Leaders Index vernichtet hat. Eine weitere Möglichkeit zur Risikobegrenzung ist der Einsatz von Stopp-Loss-Limiten. Unterschreiten die Werte im Portfolio einen bestimmten vorher festgelegten Kurs, werden sie automatisch aus dem Portfolio abverkauft. Denn die Vermeidung von hohen Verlusten kann über die Zeit auch zu signifikanten Überrenditen führen.

03.11.2021 | 17:29

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