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Wenn Wirtschaft zur Waffe wird

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Die Wirtschaft ist immer häufiger Schauplatz politischer Auseinandersetzungen und Instrument globaler Machtpolitik. Unternehmen sollten sich genau überlegen, wo und mit wem sie künftig Handel treiben. Das Thema Nachhaltigkeit könnte dabei eine wichtige Rolle spielen.

Von Carsten Roemheld, Kapitalmarktstratege Fidelity International


Moderne Kriege werden nicht nur militärisch ausgetragen, sondern auch ökonomisch. So antworteten westliche Regierungen auf die russische Invasion in die Ukraine mit harten Wirtschaftssanktionen, um Putins Kriegskasse auszutrocknen. Die Negativeffekte für international operierende Unternehmen nimmt man dabei in Kauf. So trifft etwa das Einfuhrverbot für russische Stahlerzeugnisse die stahlverarbeitende Industrie in EU-Ländern, während das von Russland selbst auferlegte Exportverbot für Edelgase zusätzlich die Chipkrise verschärft.

Besonders kompliziert ist die Lage am Energiemarkt. Einerseits droht die Europäische Union Russland mit einem Öl-Embargo, andererseits nutzt Russland selbst Öl und Erdgas als Mittel, um Länder wie Deutschland unter Druck zu setzen. Bereits jetzt sind viele europäische Unternehmen auf Staatshilfen angewiesen. Im Juni genehmigte die EU-Kommission Beihilfen von über 200 Milliarden Euro, um energieintensiven Unternehmen in Europa unter die Arme zu greifen.1

Zuvor haben Unternehmen und Investoren solche geopolitischen und gesellschaftlichen Risikofaktoren oft als wenig relevante Externalitäten abgetan – und trotzdem mit autokratisch regierten Ländern Handel getrieben oder in diese Märkte investiert. Nun kommen politische Risikofaktoren bei Managern weltweit auf den Prüfstand. Dr. Katrin Kamin vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel, mit der ich im Kapitalmarkt-Podcast jüngst über die neue Rolle der Geoökonomie gesprochen habe, nennt den russischen Markt gar „toxisch“ für westliche Unternehmen.

Tatsache ist: Viele global operierende Konzerne stellten inzwischen ihr Russlandgeschäft ein, ließen ganze Produktionsstätten zurück – und werden so schnell keinen Fuß mehr in das Land setzen. Andere verkauften zuletzt Beteiligungen an russischen Konzernen, so wie etwa der britische Ölkonzern BP, der über ein Jahrzehnt Anteile am russischen Mineralölkonzern Rosneft hielt.2

Herausforderung für ESG


Was hier passiert, ist eine klare Veränderung – aber im Grundsatz nicht verwunderlich. Schließlich gehört es theoretisch zum Konzept einer nachhaltigen, an ESG-Kriterien orientierten Unternehmensführung, auch diese Art wirtschaftlicher Risiken zu erfassen und zu reduzieren. Praktisch ist diese Erkenntnis aber neu, wie auch aktuelle ESG-Nachhaltigkeitsratings des Datenanbieters MSCI zeigen: Selbst vier Monate nach Kriegsausbruch kam es dort noch zu keiner Abwertung von Unternehmen, die weiterhin in Russland operieren – und damit letztlich geopolitische Nachhaltigkeitsrisiken außer Acht lassen. Obwohl beispielsweise der Nahrungsmittelkonzern Danone sein Russlandgeschäft bisher nur teilweise eingestellt hat, verfügt er nach wie vor über die Bestnote AAA. Auch andere Ratinganbieter schließen sich dieser Einschätzung an.3

Ich bin überzeugt: Das „S“, also der Faktor der sozialen Nachhaltigkeit, wird ähnlich wie das „G“ für eine vorbildliche Unternehmensführung in Zukunft mehr Gewicht bekommen – und ein Engagement in Märkten autokratischer Regime wie Russland oder auch China wird sich verstärkt als Risikofaktor für die Nachhaltigkeit erweisen. Fidelity arbeitet dazu mit einem eigenen ESG-Rating, das auch solche Externalitäten berücksichtigt.

Fazit

Unternehmen und Investoren sind Akteure der globalen Machtpolitik – ob sie wollen oder nicht. Ein apolitischer Blick auf Märkte und der Gedanke, Wirtschaft und Politik seien getrennte Sphären, gehört damit der Vergangenheit an. In Zukunft wird es immer stärker darum gehen, auch wirtschaftliche Risiken aus einer geostrategischen Perspektive zu bewerten und in der Unternehmens- und Anlagestrategie zu berücksichtigen. Moderne ESG-Ratings erweisen sich dabei als wichtige Orientierungshilfe.

16.08.2022 | 14:20

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