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Zinsen: US-Anleihemärkte preisen für 2022 und 2023 sehr aggressive Anhebungen ein

(Foto: solarseven / Shutterstock)



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Globaler Überblick: Die mittelbaren Folgen des Ukraine-Kriegs auf wirtschaftlichem und geopolitischem Gebiet betreffen den gesamten Globus, natürlich nicht überall im selben Ausmaß und in derselben Weise. Sofern Russlands Führung diesen Krieg und das Sanktionsregime politisch und wirtschaftlich überlebt, wird sie sich künftig wohl in erster Linie auf China und Asien konzentrieren.

Von Raiffeisen Capital Management

Wirtschaftlich zeichnen sich derzeit die USA sowie die Golfstaaten als Profiteure ab, zum Teil auch China und Indien. Die größten wirtschaftlichen Verlierer sind aktuell – wenig überraschend – die Ukraine, Russland und Europa.

Besonders stark und ebenfalls mit geopolitischer Relevanz könnte sich eine mögliche Nahrungsmittelknappheit auswirken.

Das SWIFT-Zahlungssystem könnte langfristig seine Monopolstellung verlieren; parallel dazu scheinen sich Rubel- und Yuan-Transaktionen stärker zu etablieren; es ist aber sehr unwahrscheinlich, dass der US-Dollar seinen Status als Weltreservewährung in absehbarer Zeit verlieren wird.

Die Finanzmärkte teilen die Sicht der Fed bislang weitgehend und die US-Anleihemärkte preisen sehr aggressive Zinsanhebungen für 2022 und 2023 ein. Zweifel daran, dass diese Zinspläne tatsächlich so umgesetzt werden (können), scheinen aber angebracht. Auch unter diesem Aspekt sowie angesichts der erzielbaren Renditen erscheinen ausgewählte EM-Anleihen (Hart- und Lokalwährung) derzeit schon recht attraktiv.

China: Schon in der Vergangenheit hat Peking sehr opportunistisch die langfristigen Rohstofflieferverträge mit Russland zu für sich sehr vorteilhaften Konditionen gestaltet. Das dürfte sich künftig noch verstärken. Bis auf weiteres erhält China damit jetzt wohl zusätzlichen Zugang zu russischem Öl, Gas und zu Industriemetallen, zum Teil vermutlich auch mit sehr guten Konditionen für die Weiterveräußerung an jene Staaten, die offiziell Sanktionen gegen Russland eingeführt haben bzw. einführen mussten, aber weiterhin auf russische Rohstoffe angewiesen sind. Auch gegen mögliche Nahrungsmittelknappheiten scheint man besser gewappnet als viele andere Staaten, wurden doch schon seit mehreren Quartalen die eigenen Getreidevorräte massiv aufgestockt. Es bleibt abzuwarten, ob sich die zuletzt stark gestiegenen Covid-19-Neuinfektionen samt Gegenmaßnahmen auswirken werden.

Indien: Auch ohne die Effekte vom Ukrainekrieg und die Sanktionen dürfte Indien Gegenwind bei der Binnenkonjunktur bekommen. Dennoch werden für 2022/23 sechs bis sieben Prozent reales Wirtschaftswachstum erwartet, was ein Spitzenwert unter den großen Volkswirtschaften wäre.

Brasilien: Brasilien meldete zuletzt recht gute Konjunkturdaten. Auch für Brasilien dürften v.a. die indirekten Auswirkungen über höhere Weltmarktpreise für Rohstoffe, Düngemittel, Stahl etc. relevant sein. Brasilien importiert z.B. 22 Prozent seines Düngerbedarfs aus Russland. Im Gegenzug könnte Brasiliens eigener Bergbau aber von höheren Preisen für Rohstoffe profitieren.

Russland: Die Wirtschaft wird  wohl kräftig schrumpfen. Im Kreml dürfte man einen Großteil der westlichen Sanktionen einkalkuliert haben, aber bei weitem nicht alle. Z.B. dürften durch die Sperrung/Beschlagnahme großer Teile der Währungsreserven rund 300 Mrd. Dollar in Form von Euro, US-Dollar und Gold vorerst oder dauerhaft dem Zugriff durch Russland entzogen sein, was man bei entsprechenden rechtzeitigen Rückführmaßnahmen auf einen Bruchteil dessen hätte minimieren können. Die Folgen von der Ankündigung, die EU müsse Gas künftig in Rubel bezahlen, sowie die Schwierigkeiten Russlands, sein Öl zu verkaufen, selbst mit großen Preisabschlägen, könnten weitere globale Verwerfungen bei Güterströmen nahezu aller Art sein.

Türkei: Die Türkei wird durch den russisch-ukrainischen Konflikt geopolitisch spürbar aufgewertet; wirtschaftlich gibt es sowohl positive als auch negative Auswirkungen. Es ist davon auszugehen, dass sich Ankara damit wieder sehr viel stärkerer Unterstützung auch finanzieller Art erfreuen darf. Das unlängst sehr akute Devisenproblem könnte damit wohl bis auf weiteres nicht mehr so drängend sein, auch wenn die Konjunktur und die Leistungsbilanz wohl neuerlich belastet werden, etwa durch höhere Energiepreise und den Wegfall russischer Touristen.

CE3 (Polen, Tschechien, Ungarn): Die CE3-Staaten und ihre Unternehmen sind besonders stark exponiert zum Krieg in der Ukraine, den Flüchtlingsströmen und den Sanktionen des Westens bzw. etwaigen Gegensanktionen. Die EU hat die bislang suspendierten Subventionszahlungen an Polen und Ungarn freigegeben. Für die Notenbanken der Region ist die Inflationsbekämpfung jetzt noch schwieriger geworden; überall liegen die Teuerungsraten weit über den Zielwerten.

28.03.2022 | 22:18

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