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Ein Crash bahnt sich an – Gegenwind von allen Seiten

Der Wirtschaftsaufschwung verliert bedenklich an Fahrt. Kommt der Crash? (Foto: Manuchi / shutterstock.com)


Zum wiederholten Mal bebt 2018 das globale Börsenparkett. Ein gefährlicher Cocktail aus Zinsängsten, Handelsstreit, trüberen Konjunkturaussichten und politischer Unsicherheit in Europa lässt weltweit die Kurse purzeln. Sowohl der Dax als auch der S&P 500 haben unter der Woche wichtige Widerstände gerissen. Anleger blicken zunehmend besorgt auf den weltweiten Schuldenstand. Recht es sich nun, dass zu viele Risiken zu lange ignoriert wurden?

Mit seiner Handelspolitik schwächt Donald Trump den globalen Wirtschaftsaufschwung. Die Zinswende in den USA schafft Alternativen zum Aktienmarkt und verschärft gleichzeitig das Schuldenproblem. In Europa droht der Brexit endgültig zum Desaster zu werden und Italien könnte mittelfristig die Staatspleite drohen. Klingt bedrohlich? Ist bedrohlich. Ist – um ehrlich zu sein – aber auch alles nichts wirklich Neues.

Zum Teil seit Monaten, zum Teil seit Jahren brauen sich diese und ähnliche Risiken – von der Weltöffentlichkeit ein ums andere Mal erfolgreich ignoriert – zu einem hochexplosiven Brei zusammen. Anfang des Jahres begann er zu brodeln, wie die Kursbeben im Februar und März eindrucksvoll belegten. Inzwischen, so zeigen es die erneuten Turbulenzen an den Märkten, kocht er. Zu lange hat die Politik versäumt, Lösungen zu finden. Oder zumindest einmal nach solchen zu suchen. Und so brennt es – Überraschung – inzwischen an allen Ecken und Enden.

Es war damit nur eine Frage der Zeit, bis es an den Märkten zum nächsten Beben kommt. Gut möglich, dass es sich erneut nur um eine kräftige Korrektur handelt. Doch die Anzeichen für einen größeren Crash mehren sich. „Der deutliche Kursrutsch nährt die Sorge, dass dies der Auftakt zu einem größeren Rücksetzer war“, schrieb CMC Markets-Analyst David Madden. Mit jeder Korrektur ging es in diesem Jahr trotz anschließender Erholung ein Stückchen weiter nach unten. Dass sich noch kein längerfristiger Negativtrend entwickelte, lag wohl hauptsächlich an starken Unternehmensergebnissen, die die Indizes Quartal um Quartal wieder aus der Umklammerung weltpolitischer Unsicherheiten befreiten. Ob sie es diesmal schaffen, bleibt abzuwarten.

Der Dax jedenfalls sackte am Donnerstag zwischenzeitlich auf den tiefsten Stand seit Februar 2017 ab, verlor damit innerhalb von sechs Handelstagen rund fünf Prozentpunkte auf 11.518 Zähler. Und durchbrauch den wichtigen Widerstand bei 11.800 Punkten. Zwischen diesem und der Obergrenze bei 13.600 Punkten hatte sich Deutschlands Leitindex in den letzten eineinhalb Jahren hin und her bewegt. Durch den Bruch könne das rechnerische Abschlagspotenzial nun auf rund 1.800 Punkte taxiert werden, schrieben die Experten der HSBC-Bank. Auch die US-Märkte verloren zuletzt fünf Tage in Folge. Angesichts dessen, dass es eine solche Negativserie seit mehr als zwei Jahren nicht mehr gegeben hat, eine besorgniserregende Entwicklung. Zudem durchbrach der S&P 500 seine 200-Tage-Linie in negativer Richtung.

Zu viele Schulden. Überall.

Mit Blick auf Europa kommt das Chaos vor allem aus Italien. Geht es nach Ifo-Präsident Clemens Fuest riskiert die Regierung dort mit ihrer Haushaltspolitik eine Staatspleite. Dank steigender Sozialausgaben könnte das Defizit im kommenden Jahr bei 2,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts liegen. Mit der EU vereinbart waren 0,8 Prozent. Und schon jetzt steht das Land mit einer Schuldenquote von 130 Prozent seiner jährlichen Wirtschaftsleistung tief in der Kreide, blickt zudem auf ein Bankensystem, dass bis oben hin mit faulen Krediten belastet ist. Beendet die EZB ihre Niedrigzinspolitik, dürfte Italien kaum noch seine Schulden bedienen können. Die daraus folgende Pleite seiner drittgrößten Volkswirtschaft wäre für den Euro-Währungsraum ein Desaster, könnte ihn gar vollständig destabilisieren. Kein Wunder, dass italienische Staatsanleihen inzwischen mit einem dicken Risikoaufschlag versehen sind. Bei 3,6 Prozent liegt der Zins für das Papier mit zehnjähriger Laufzeit. Die Causa Italien zeigt: Die europäische Schuldenkrise ist noch lange nicht gelöst. Der anstehende Brexit und die aufkeimenden populistischen Strömungen destabilisieren die EU und ihren Währungsraum noch zusätzlich.

Schulden sind aber nicht nur ein Problem Europas. Überall auf der Welt sind sie seit der Finanzkrise 2008 exorbitant in die Höhe geschnellt. Vor allem die wirtschaftliche Stärke Chinas und der Boom in den USA sind auf geliehenem Geld gebaut. China hat seine Verbindlichkeiten in den letzten zehn Jahren auf 30 Billionen Dollar verfünffacht. Die Staatsschulden der USA liegen bei 21,6 Billionen Dollar.

Mit dem Ende der ultralockeren Geldpolitik und Zinserhöhungen von einem viertel Prozentpunkt pro Quartal werden die allmählich teuer. Bereits im vergangenen Jahr zahlten die USA jeden Tag 1,5 Milliarden Dollar an Zinsen. Geht es nach Torsten Slok, Chefökonom der Deutschen Bank, dürften es schon bald zwei Milliarden pro Tag sein. Mit Schulden von insgesamt rund einer Billion Dollar haben in den USA darüber hinaus viele Unternehmen ihr Wachstum mit Schulden finanziert. Und auch hier verlangen die steigenden Zinsen ihren Tribut. Firmen mit niedriger Kreditwürdigkeit müssen ihren Investoren inzwischen schon einen Zins von mehr als sechs Prozent garantieren.

Nun beherrscht die Zins- und Schuldenproblematik die Märkte schon seit langem. Doch, dass nun allem Anschein nach auch noch die Weltkonjunktur zu schwächeln beginnt, dürfte Investoren nachdenklich gestimmt haben. Wachsende Schulden, steigende Zinsen, weniger Wachstum. Und dazu von politischer Seite große Unsicherheit. Ob nun mit Blick auf den Handelsstreit zwischen den USA, China und Europa oder der unklaren EU- und Euro-Zukunft. EU-Kommissar Günther Oettinger könnte wuch mit Blick auf die Börsen recht behalten, wenn er sagt: „Die besten, die leichteren Jahre, liegen hinter uns. Richten wir uns auf etwas frostige Zeiten im Herbst 2018 ein.“ Ein dickes Fell dürfte Anlegern da nicht schaden.

12.10.2018 | 17:09

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