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Aktienmärkte im transatlantischen Vergleich

Europa hat viele Symbole - das Atomium in der Stadt der Eurpäischen kommission, Brüssel, ist eines davon (Bild: Fotolia / vedranish)


Vorteil für Europa! Seit Anfang 2017 liegen europäische Aktien vorn. Der STOXX EUROPE 600 konnte gut zehn Prozent hinzugewinnen. Der S&P500 hat lediglich ein Plus von rund sieben Prozent zu verzeichnen. Ist diese Entwicklung nachhaltig?

Von Carsten Mumm

Seit der globalen Finanzkrise 2008 haben sich US-Aktien deutlich besser entwickelt als ihre europäischen Pendants. So hat der US-Standardaktienindex S&P500 in den vergangenen zehn Jahren per Saldo eine Wertentwicklung von über 50 Prozent zu verzeichnen und übertraf bereits 2013 seine Allzeithöchststände von 2007. Demgegenüber konnte der STOXX EUROPE 600 Index erst in diesem Mai das Niveau von Mitte 2007 wieder erreichen.

Die Hintergründe für diese Diskrepanz sind vielschichtig. Ein wichtiger Faktor ist, dass die amerikanische Ökonomie, getrieben durch ein unmittelbares und rigoroses Umschalten der US-Notenbank Fed auf eine ultra-expansive Geldpolitik und die frühzeitige Rekapitalisierung der US-Banken, sehr schnell auf einen nachhaltigen Wachstumspfad zurückkehren konnte. Demgegenüber fiel die Eurozone nach 2009 schon in 2012 erneut in eine Rezession. Zudem wurden US-Aktien von vielen Anlegern als relativ sicher angesehen, während die Kurs­ent­wicklung europäischer Unternehmen immer wieder durch den drohenden Zerfall der Eurozone zurückgeworfen wurde.

Seit Anfang 2017 jedoch liegen europäische Aktien vorn. Der STOXX EUROPE 600 konnte gut zehn Prozent hinzugewinnen. Der S&P500 hat lediglich ein Plus von etwa sieben Prozent zu verzeichnen. Ist diese Entwicklung nachhaltig? Können europäische Aktien zukünftig im relativen Vergleich aufholen? Bei der Beantwortung dieser Frage hilft eine Gegenüberstellung der folgenden Kriterien.

Politik

Mit der Parlamentswahl in den Niederlanden und der Präsidentschaftswahl in Frankreich liegen die größten potenziellen Unsicherheitsfaktoren für die europäischen Börsen bereits hinter uns. Beide Ereignisse haben nicht die Anfang des Jahres für möglich gehaltenen Turbulenzen an den Kapitalmärkten mit sich gebracht, da weder Geert Wilders noch Marine Le Pen einen größeren Einfluss oder gar eine Regierungsbeteiligung erreichen konnten. Die in diesem Jahr noch anstehenden Parlamentswahlen in Frankreich, Deutsch­land und Großbritannien haben keine vergleichbar große Sprengkraft, so dass hierdurch keine deutlichen Auswirkungen auf die Börsen entstehen sollten. Für Unsicherheit könnte einzig die spätestens im Frühjahr 2018 anstehende Wahl in Italien sorgen. In den USA haben die ersten Amtsmonate Donald Trumps hingegen noch nicht die erhofften Steuersenkungen oder Staatsausgabenprogramme gebracht. Hier regieren somit eher Hoffnungen als Fakten.

Konjunktur

Die europäische Konjunktur ist im Vergleich zur US-Ökonomie später auf den Erholungspfad eingeschwenkt. Dafür ist der Konjunkturzyklus hierzulande aber auch noch nicht so weit fortgeschritten. Während in den USA die seit 2010 sinkende Arbeitslosigkeit für einen anziehenden Konsum gesorgt hat, begann diese Entwicklung in Europa erst langsam ab 2013 und hält noch an. Die Unternehmen blicken derzeit ungewohnt optimistisch in die Zukunft. So lag der viel beachtete ifo-Geschäftsklimaindex im April mit 112,4 Punkten auf dem höchsten Stand seit 2011. Sowohl die Kreditvergabe als auch die Investitionen zogen jüngst an, wodurch die konjunkturelle Entwicklung weiteren Anschub erhält. Besonders positiv für Europa ist jedoch die dynamische Entwicklung des globalen Wachstums. Der IWF hat seine Prognose für das BIP-Wachstum für 2017 vor kurzem auf 3,5 Prozent angehoben. Davon profitiert besonders der Export, dessen Anteil am Umsatz bei den größten europäischen Unternehmen mit etwa 50 Prozent deutlich größer ausfällt als bei US-Aktiengesellschaften mit rund 30 Prozent.

Aktienmärkte

Der wichtigste fundamentale Treiber der Aktienmärkte sind die Unter­nehmens­gewinne. Entsprechend der konjunkturellen Entwicklung sind die Gewinnmargen in den USA in den letzten Jahren deutlich stärker gestiegen. Ein wesentlicher Bremsfaktor in Europa war insbesondere die Bankbranche, für die ein Zusammenbruch der Eurozone fatale Folgen gehabt hätte und die unter den Niedrigzinsen und der immer stärker werdenden Regulierung zu leiden hatte. Seit den Wahlen in Frankreich Mitte April gehören europäische Banken jedoch zu den besonders festen Aktien. Dazu beigetragen haben auch die in den vergangenen Wochen gestiegenen Zinsen bei Anleihen mit längeren Laufzeiten – eine wichtige Voraussetzung für steigende Margen. Gesundende Banken sind eine Grundvoraussetzung für einen ökonomischen Aufschwung und könnten so auch die konjunkturelle Entwicklung weiter befeuern. Außerdem hat der Bankensektor in vielen europäischen Indizes ein deutlich größeres Gewicht als in den USA. Für europäische Aktien sprechen zudem die günstigere Bewertung sowie die im Vergleich zu Zinsen für die jeweiligen Staatsanleihen höhere Dividendenrendite. Nicht zuletzt wurden die steigenden Kurse von einer zunehmenden Nachfrage außereuropäischer Investoren getragen, was auf ein steigendes Interesse hindeutet.

Fazit

Zusammenfassend sprechen derzeit alle genannten Kategorien für einen anhaltenden Vorteil europäischer Aktien im Vergleich zu US-Titeln. Das bedeutet nicht, dass die Kurse in den kommenden Wochen ähnlich rasant ansteigen werden, wie seit Jahresanfang. Nachdem die größten positiven Überraschungspotenziale in 2017 bereits gehoben werden konnten, ist zunächst mit einer Seitwärtsbewegung auf hohem Niveau zu rechnen. Angesichts des weiterhin positiven konjunkturellen Umfeldes haben Aktien jedoch bis Jahresende noch weiteres Steigerungspotential.

Carsten Mumm ist Leiter der Kapitalmarktanalyse bei der Privatbank Donner & Reuschel.

25.05.2017 | 01:18

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