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Asien: Ein Kontinent mit vielen Facetten

Dr. Ulrich Stephan (Bild: Deutsche Bank)

ASEAN, faszinierend für Anleger.... (Bild: Fotolia / Siamphoto)


Manchmal steht die Größe des Jubilars in keinem Verhältnis zur öffentlichen Wahrnehmung des Geburtstags. So zum Beispiel im August dieses Jahres, als die südostasiatische Staatengemeinschaft ASEAN ihr 50-jähriges Bestehen feierte: Obwohl in den zehn Ländern des Staatenbundes insgesamt 625 Millionen Menschen leben – mehr als in der Europäischen Union –, nahm die breite Öffentlichkeit hierzulande kaum davon Notiz.

Von Ulrich Stephan

Dass die ASEAN, die Association of Southeast Asian Nations, als Wirtschaftsraum vergleichsweise wenig mediale Beachtung findet, mag dabei auch an den gewaltigen ökonomischen Unterschieden innerhalb der Organisation liegen: An ihrem Tisch sitzen hoch entwickelte Volkswirtschaften wie Singapur, das über ein jährliches Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt in Höhe von rund 48.000 US-Dollar verfügt; daneben aber auch Staaten wie eben Myanmar, wo auf jeden Einwohner pro Jahr nur eine Wirtschaftsleistung von 1.300 US-Dollar entfällt und fast drei Viertel der Menschen in der Landwirtschaft tätig sind.

Die unterschiedlichen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und daraus folgenden unterschiedlichen Interessen innerhalb der ASEAN sollten jedoch nicht über den insgesamt großen wirtschaftlichen Stellenwert der Region hinwegtäuschen: Bereits heute werden hier rund 6 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung erbracht – Tendenz steigend. Mit ihrer hohen Diversität bei gleichzeitig hoher wirtschaftlicher Dynamik sind die ASEAN-Staaten ein Musterbeispiel für die Lage in Gesamtasien: Waren dort vor 50 Jahren noch fast ausschließlich Entwicklungsländer zu finden, präsentiert sich Asien heute als die Region mit der weltweit höchsten ökonomischen Dynamik. Erst im April passte die Asiatische Entwicklungsbank ihre Wachstumsprognosen für die Region für dieses und kommendes Jahr von jeweils 5,7 Prozent leicht nach oben an.

Haupttreiber für diese wirtschaftliche Entwicklung ist China, das durch eine gemeinsame Freihandelszone ökonomisch eng mit den ASEAN-Staaten verbunden ist. Noch vor wenigen Jahren galt das Reich der Mitte als „Werkbank der Welt“, das „Made in China“-Emblem prangte vor allem auf billiger Massenware. Seither hat sich der wirtschaftliche Fokus im Reich der Mitte jedoch verschoben – hin zum Dienstleistungssektor und einem höheren Binnenkonsum.

Vietnam hingegen setzt aktuell auf den Export. Wie viele asiatische Staaten verfügt es über eine relativ junge, wachsende Bevölkerung sowie ein vergleichsweise geringes Lohnniveau. Dadurch ist das Land mittlerweile zu einem bevorzugten Ziel für ausländische Direktinvestitionen und eine aufstrebende Exportnation geworden: Die vietnamesischen Ausfuhren legten im vergangenen Jahr um starke 8,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zu. Die Deutsche Bank rechnet für Vietnam 2017 mit einem Wirtschaftswachstum von 6,4 Prozent.

Einen deutlichen Schritt weiter in der wirtschaftlichen Entwicklung sind beispielsweise Südkorea und Taiwan. Zwar spielen auch hier Warenexporte die entscheidende Rolle. Allerdings gehören zu den wichtigsten Ausfuhrgütern weniger billige Massenwaren als hoch technisierte Produkte wie Elektrogeräte oder Halbleiter – Waren also, die im Zuge der Megatrends Elektromobilität und Digitalisierung künftig immer stärker nachgefragt werden könnten. Einen besonders hohen Stellenwert besitzt der IT-Sektor in Taiwan: Mit einer Gewichtung von rund 50 Prozent stellt die Informationstechnologie im Leitindex TAIEX den bedeutendsten Sektor dar.

Nicht immer sind jedoch Warenexporte für die hohe wirtschaftliche Dynamik ausschlaggebend. Auch in Asien gibt es Länder, deren Wirtschaft in erster Linie binnenmarktorientiert ist – etwa Indonesien oder die Philippinen. In beiden Ländern entwickelte sich der für sie wichtige private Konsum im zweiten Quartal des laufenden Jahres stabil oder konnte wie im Falle der Philippinen im August mit einem Plus von 5,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum sogar positiv überraschen.

Neben der wirtschaftlichen Seite gilt es für Anleger jedoch auch, die politische Ebene im Auge zu behalten. Hier unterscheidet sich der Blick auf die beiden Länder: Viele Marktteilnehmer betrachten den philippinischen Präsidenten Rodrigo Duterte skeptisch und als möglichen Unsicherheitsfaktor. Auf die indonesische Regierung um Präsident Joko Widodo blicken die Märkte trotz innenpolitischen Gegenwinds hingegen positiv – auch angesichts ihres Willens, mittels Reformen die wirtschaftliche Entwicklung des Landes langfristig zu unterstützen.

Die positiven Effekte von Reformen auf die langfristige wirtschaftliche Perspektive einer Volkswirtschaft lassen sich beispielhaft nicht nur in China, sondern auch in Indien bereits beobachten: Seit dem Amtsantritt von Premierminister Narendra Modi im Jahr 2014 hat sich die zuvor als schwerfällig geltende Ökonomie des Subkontinents spürbar zum Positiven gewandelt. Modi hat es sich dabei auf die Fahnen geschrieben, dass für seine ausufernde Bürokratie bekannte Riesenreich als Wirtschaftsstandort zu stärken und interessanter für ausländische Investoren zu machen. Wenngleich noch viel Arbeit vor der Regierung liegt: Die Bargeldreform und die Einführung einer landesweit einheitlichen Mehrwertsteuer waren wichtige Schritte.

Zwar sorgten beide Maßnahmen sowohl unter Konsumenten als auch Unternehmen zunächst für Verunsicherung – was sich negativ auf die Stimmung und letztlich die Unternehmensgewinne auswirkte. Dass die indische Börse dennoch seit Jahresbeginn in Landeswährung gerechnet rund 22,5 Prozent zulegen konnte, zeigt aber, dass die Marktteilnehmer an die Reformagenda der Regierung unter Premierminister Narendra Modi glauben – eine Einschätzung, die die Deutsche Bank teilt: Langfristig sollten Indiens Wirtschaft und Unternehmen vom Reformeifer der Regierung profitieren können.

Trotz der insgesamt positiven Vorgaben gilt es für Asienanleger, die wirtschaftliche Entwicklung weltweit und insbesondere in China zu beobachten – schließlich sind viele Staaten in der Region ökonomisch eng mit dem Reich der Mitte verwoben. Darüber hinaus könnte eine Verschärfung des Nordkorea-Konflikts für zusätzliche Unsicherheit sorgen. Im Auge behalten sollten Anleger auch die Geldpolitik der US-Notenbank: Wenn sich die Fed auf ihrem Zinserhöhungskurs schneller bewegt als aktuell erwartet, könnte das höhere Zinsniveau in den Vereinigten Staaten zu Kapitalabflüssen aus Asien in Richtung USA führen.

Insgesamt könnte ein breit gestreutes Investment in asiatische Aktien aus Sicht der Deutschen Bank weiterhin eine interessante Beimischung im Depot darstellen. Gestützt wird diese Einschätzung auch durch die zuletzt positiven Gewinnrevisionen in der Region: Für 2017 rechnen die Analysten für die Unternehmen im MSCI EM Asia – dem Leitindex für asiatische Schwellenländer – derzeit mit Gewinnsteigerungen von 24 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Das ist ein Plus von mehr als fünf Prozent gegenüber den Prognosen von vor einem halben Jahr – und liegt deutlich über den Gewinnerwartungen im breiten Industrieländerindex MSCI World, wo Zuwächse von lediglich 13,7 Prozent erwartet werden. Zudem scheinen asiatische Schwellenländerpapiere nach wie vor günstig: Mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 12,6, bezogen auf die erwarteten Gewinne der kommenden zwölf Monate, ist der MSCI EM Asia aktuell niedriger bewertet als der MSCI World (16,0).

Dr. Ulrich Stephan ist Chef-Anlagestratege für Privat- und Firmenkunden der Deutschen Bank.

13.10.2017 | 00:31

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