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Brasiliens Börse trotzt der Baisse


Der frisch gewählte Rechtspopulist Jair Bolsonaro gilt als "Trump der Tropen“. Finanzmärkte sind über wirtschaftsliberales Programm begeistert. Doch kann der neue Präsident wirklich liefern?

Rund um den Erdball knackt es im Gebälk der Aktienbörsen. Überall fallen die Kurse? Nicht ganz. Ausgerechnet in Brasilien sieht es rosig aus. Der Bovespa-Aktienindex it in den vergangene drei Monaten um 11 Prozent gestiegen. Auf Jahresfrist steht gar ein Zugewinn von 18 Prozent zu Buche. Davon können Aktionäre hierzulande nur träumen.

An den Finanzmärkten kommt vor allem der Wahlsieg Jair Bolsonaros gut an. Schon seit Mitte September, als der Rechtspopulist in den brasilianischen Wahlumfragen zulegte, steigen die Aktienkurse an der brasilianischen Börse, und die Landeswährung Real erholt sich von ihren vorherigen Verlusten.
Auch seit dem Wahlsieg Bolsonaria, den sie in dem südamerikanischen Land mitunter „O Trumpinho“ nennen, legten Börse und Real weiter zu. Während die deutschen Medien an Bolsonario kein gutes Haar lassen, finden Investoren den Mann richtig gut.

Die Schwellenlandkrise des Jahres 2018 hat in Brasilien ein Ende gefunden.
In der Bevölkerung hat Bolsonaro – wie Trump – Fans in allen Bevölkerungsschichten. Daran ändern auch seine verklärende Sicht auf die Militärdiktatur und seine offen rassistischen, frauenfeindlichen und homophoben Äußerungen nichts. Die Wähler eint die Wut auf das korrupte politische Establishment, vor allem auf die Arbeiterpartei mit ihrem in Haft sitzenden Anführer, dem Ex-Präsidenten Lula da Silva.
Der im Jahr 2014 aufgedeckte Korruptionsskandal, bei dem der staatliche Ölkonzern Petrobras üppige Schmiergelder annahm und im Gegenzug Großaufträge an ein Kartell aus Bauunternehmen vergab, hat die Bevölkerung schockiert. Bolsonaro schaffte es, sich als Antikorruptionskandidat zu etablieren. Außerdem verspricht der Ex-Militär wieder Sicherheit in dem Land mit zuletzt 64.000 Morden im Jahr.

In der Wirtschaft gilt Bolsonaro als das kleinere Übel. „Er ist sicherlich der marktfreundlichere der beiden Kandidaten“, meint Edwin Gutierrez, Schwellenländer-Anleihechef bei Aberdeen Standard Investments. Süffisant schränkt Gutierrez aber ein: „Das liegt nicht so sehr an der Stärke seiner Wirtschaftspolitik, sondern daran, dass er nicht Haddad ist.“

Fernando Haddad ist der Kandidat der jetzt abgewählten Arbeiterpartei. Er wollte die Wirtschaft letztlich durch Staatsausgaben weiter ankurbeln. „Haddad hätte Brasilien wohl näher an eine Schuldenkrise geführt“, meint dazu Mike Hugman, Schwellenländer-Fondsmanager bei Investec AM. Der Schuldenberg wächst mit einem Haushaltsdefizit von fast acht Prozent rasant. Die regierenden Sozialisten hatten vor allem über Verschuldung versucht, sich den Machterhalt zu sichern. Allein in den letzten fünf Jahren sind die Staatsschulden von etwa 60 auf nun 90 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gestiegen. Mit einem Bruttoinlandsprodukt von knapp zwei Billionen Dollar ist Brasilien zwar die größte Volkswirtschaft Lateinamerikas und die Nummer acht weltweit, aber die Verschuldung ist nun eine Erblast.

Privatisierungen geplant

Bolsonaro hat Reformen des Renten- und Sozialsystems, Steuersenkungen und Privatisierungen angekündigt. Im Wahlkampf war von einer radikalen Privatisierung von Unternehmen wie dem Ölkonzern Petrobras, der Post Correiros und der Staatsbank Banco do Brasil die Rede. Auch das goutieren Investoren und kauften die Aktien der betroffenen Firmen.

Laut den Experten von TD Securities wird sich das brasilianische BIP im dritten Quartal auf 0,8 Prozent beschleunigen. Damit dürfte die jährliche Wachstumsrate auf 1,6% steigen, was zwar kein sensationelles Tempo ist, aber die Marktstimmung stützen dürfte.

Gute Nachrichten kommen zum Jahresende nun vom Agrarsektor. Die Kaffeeproduktion in Brasilien wird Behördenangaben zufolge in diesem Jahr ein neues Rekordhoch erreichen. Der Ertrag werde 37 Prozent über dem des Vorjahres liegen, teilte die brasilianische Landwirtschaftsbehörde Conab mit. Grund sei die gute Blüte der Sorte Arabica gewesen, hieß es. Brasilien werde in diesem Jahr rund 62 Millionen 60-Kilogramm-Säcke Kaffee produzieren, erklärte Conab. Die Sorte Arabica macht mit etwa 77 Prozent den größten Teil der brasilianischen Kaffeeproduktion aus. Neben den guten klimatischen Bedingungen hat sich laut Conab auch die Bewässerung sowie die Nutzung produktiverer Sorten positiv auf die Ernte ausgewirkt, etwa der Anbau von gentechnisch modifiziertem Kaffee.

Von den guten Erträgen profitieren

Außerdem will Bolsonaro das Land für ausländische Investoren und den Handel öffnen. Beobachter zweifeln jedoch daran, dass dies gelingen wird. Die Lobbys der Industrie haben bisher jede Marktöffnung Brasiliens verhindern können – egal, ob die Regierung eher rechts oder links war.

Der neu gewählte Präsident hat nach eigenen Aussagen wenig Ahnung von Wirtschaft, doch dafür hat er sich den ehemaligen Investmentbanker und Multimillionär Paulo Guedes als Wirtschaftsberater geholt. Guedes soll Superminister für Wirtschaft, Finanzen, Planung und Privatisierung werden – hat jedoch noch nie ein Ministerium geführt oder mit einem Kongress verhandelt. Bolsonaro hat daher eine ganze Truppe von hichrangigen Regierungsmitgliedern berufen, die Ökonomie an der Universität von Chicago studiert haben. Auch die Spitzen von Petrobras , Zentral-, Staats- und Entwicklungsbanken sind nun allesamt mit den Ökonomen aus der Schule des Chicagoer Ökonomen Milton Friedman besetzt. Die Chicago-Ökonomen wollen den abgeschotteten brasilianischen Markt öffnen, privatisieren und den Staatseinfluss in der Wirtschaft reduzieren.

Allerdings stehen den Wirtschaftsliberalen im Kabinett zahlreiche Militärs gegenüber. Die Militärs aber wittern bei Privatisierungen mit ausländischer Beteiligung schnell den Ausverkauf nationalen Eigentums. Sie stehen für mehr Staat und Einfluss in der Wirtschaft, vor allem auch bei Forschung und Entwicklung.
Anleger in Brasilien könnten sich damit zu früh gefreut haben – zumal die Gefahr besteht, dass die Wahl des Rechtspopulisten das Land weiter spaltet. Gutierrez von Aberdeen Standard Investments fasst das so zusammen: „Es gibt die Hoffnung auf Reformen, aber erwarten sollte sie niemand.“   

BAS

21.12.2018 | 15:08

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