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Was wann für eine Erholung spricht und wie Anleger diese rechtzeitig erkennen

Wer übernimmt wann das Ruder? (Foto: Lightspring / Shutterstock)


Das Coronavirus hat an den Börsen ein Trümmerfeld hinterlassen. Langsam gilt es sich Gedanken zu machen, wie es nach solchen Crashs weitergeht. Wann setzen Bodenbildung und Trendwende ein? Und wie lief das eigentlich 2008? Ein Überblick.

Es waren Wochen der Rekorde. Nur in falscher Richtung. Innerhalb kürzester Zeit hat das Coronavirus alle großen Börsenindizes in die Tiefe gerissen. Manche mehr, manche weniger. Den Dax erwischte es besonders schlimm. Vier Wochen reichten für einen Kursverlust von fast 40 Prozent – der schnellste Crash in der Geschichte des Börsenbarometers. Allein am 12. März verlor Deutschlands Leitindex innerhalb von achteinhalb Handelsstunden zwölf Prozent – immerhin der größte Tagesverlust seit dem Jahr 1989 und der zweitgrößte der Geschichte. Ein fast elfjähriger Börsenaufschwung ging damit jäh zu Ende und das Weltfinanzsystem steht nun vor seinem ersten großen Stresstest seit der Lehman-Pleite 2008.

Damals war der Dax von knapp 8.000 auf rund 3.800 Punkte gefallen – ein Minus von über 50 Prozent. Im Vergleich wäre entsprechend noch Luft nach unten. Auch der zeitliche Horizont verheißt nichts Gutes. Ein gutes Jahr brauchte der Index zu jener Zeit, um zu einer festen Bodenbildung und anschließendem Turnaround zu finden. Freilich sind die Voraussetzungen nun andere. Bei der Coronakrise handelt es sich um einen externen Schock. Entsprechend zügig purzelten die Kurse, könnten, sobald eine Beilegung in Sicht scheint, auch ähnlich zügig wieder anziehen.

Bodenbildung rechtzeitig erkennen


Die zentrale Frage ist die nach der Bodenbildung. Den perfekten Einstiegszeitpunkt vorherzusehen, der dann die Trendwende einläutet, hat viel mit Glück zu tun. Doch es gibt einige Faktoren, an denen sich Anleger orientieren können. Stehen viele von diesen gleichzeitig positiv, kann das als Signal zum Wiedereinstieg verstanden werden.

Prominente Beispiele sind der CNN Greed & Fear-Index und der Volatilitätsindex VIX. Diese Indikatoren messen die Anlegerstimmung und die Schwankungsanfälligkeit der Märkte. Zuletzt stand der VIX zeitweise bei über 70 Punkten. Das ist ähnlich hoch wie in Zeiten der Finanzkrise 2008. Der Greed & Feer Index stand zuletzt auf „Extreme Fear“. Bessert sich das Bild auf, könnte das ruhigere Märkte in Aussicht stellen.

Ebenso lohnt ein Blick auf die Put-Call-Ratio. Mit Put-Optionen setzen Investoren auf sinkende Kurse, mit Call-Optionen auf steigende Kurse. Jüngst lag die Ratio an der Chicago Board Options Exchange (CBOE) auf Fünftagessicht bei 1 zu 1,83. Steigt das Verhältnis zugunsten der Call-Optionen, ist das nicht nur ein Zeichen für eine höhere Risikoneigung unter Investoren, sondern auch dafür, dass eine Mehrheit an steigende Kurse glaubt. Zuletzt lag allerdings die Anzahl der Put-Optionen so hoch wie seit zwei Jahren nicht mehr.

Als weiterer Indikator können die Anleiherenditen herangezogen werden. Jüngst sank die Rendite für US-Staatsleihen mit zehnjähriger Laufzeit auf 0,3 Prozent, da viele Anleger in diese vergleichsweise sichere Anlageform flüchteten. Sobald sich hier ein Turnaround erkennen lässt, könnte das auch darauf hindeuten, dass sich die Stimmung unter Investoren aufhellt.  

Neben diesen relativ klaren Indikatoren gilt es auch ein Auge auf etwaige Gegenbewegungen zu haben. Nur wenn diese in der Breite überzeugen, können sie als Signal für eine längerfristige Trendwende herhalten. Tendieren Investoren darüber hinaus allmählich dazu, sich aus sicheren Häfen, wie Gold, zurückzuziehen, kann das ebenso auf steigende Kurs hindeuten.

Emotionen kontrollieren

Abgesehen davon gilt es in Crash-Zeiten Angst und Emotionen zu kontrollieren. "Sei ängstlich, wenn andere gierig sind. Sei gierig, wenn andere ängstlich sind.", hat Starinvestor Warren Buffet einmal gesagt. Ein berühmtes Motto, das ihm auch dieser Tage wieder als roter Faden gilt, was seine Investmententscheidungen anbelangt. Er halte es für falsch sich momentan am tagesaktuellen Marktgeschehen zu orientieren, sagte er jüngst in einem Interview mit dem amerikanischen Fernsehsender CNBC. Keiner könne sagen wie es weitergeht, Anleger sollten sich bei Investitionen nun auf den Unternehmenswert konzentrieren.

Buffett hatte bereits die Krise von 2008 als Chance begriffen und sich im September 2008 Goldman Sachs-Aktien im Wert von fünf Milliarden Dollar ins Depot gelegt. 2011 verkaufte er seine Anteile und erzielte einen Gewinn in Höhe von 3,7 Milliarden US-Dollar.

Die Lage bleibt ernst – Die Historie macht Mut

Geht es also nun nur darum den richtigen Einstiegszeitpunkt zu erhaschen? Nein. Notenbanken und Regierungen können dieses Mal nicht mehr aus dem Vollen schöpfen, was stabilisierende geld- und fiskalpolitische Maßnahmen anbelangt. Auf der anderen Seite ist eine Krise wie die gegenwärtige, allein bezogen auf die Börse, nichts absurd Ungewöhnliches. Es hat schon immer Crashs gegeben. Und erstaunlicher Weise hat, wer in diesen Zeiten Mut zum Einstieg bewies, meist profitiert. Oft schon nach einem Jahr, spätestens nach fünf Jahren (siehe Grafik). Wer beispielsweise am Black Friday im Oktober 1989 in den S&P 500 investierte, konnte sich fünf Jahre später über ein Kursplus von 64 Prozent freuen. Und stürzte selbiger Index am 20. November 2008 im Zuge der Finanzkrise noch um 6,7 Prozent ab, stand er ein Jahr später schon wieder mit fast 50 Prozent im Plus und fünf Jahre später mit 164 Prozent.

Freilich, das sind nur Statistiken. Die aktuelle Lage verunsichert. Gerade, da im Vergleich zu 2008 weit mehr auf dem Spiel steht, als allein die Funktionsfähigkeit des Finanzsystems. Aber sie sind eben auch Teil der Wahrheit.

 

Die stärksten Tages-Kursstürze des S&P 500 von 1987 bis 2019 und die darauffolgende Erholung

Datum

Phase

Tages-
Kurssturz

Kursgewinne 
nach 12 Monaten

Kursgewinne 
nach 5 Jahren

15. Oktober 2008

Finanzkrise

- 9 Prozent

+24 Prozent

+109 Prozent

1. Dezember 2008

Finanzkrise

-8,9 Prozent

+39 Prozent

+146 Prozent

29. September 2008

Finanzkrise

-8,8 Prozent

-2 Prozent

+70 Prozent

9. Oktober 2008

Finanzkrise

-7,6 Prozent

+21 Prozent

+104 Prozent

27. Oktober 1987

Asienkrise

-6,9 Prozent

+23 Prozent

+9 Prozent

31. August 1998

Rubelkrise

-6,8 Prozent

+40 Prozent

+13 Prozent

20. November 2008

Finanzkrise

-6,7 Prozent

+49 Prozent

+164 Prozent

8. August 2011

Eurokrise

-6,6 Prozent

+28 Prozent

+117 Prozent

13. Oktober 1989

«Black Friday»

-6,1 Prozent

-6 Prozent

+64 Prozent

19. November 2008

Finanzkrise

-6,1 Prozent

+39 Prozent

+148 Prozent

Quelle: Schroders

17.03.2020 | 13:19

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