boerse am sonntag - headline

Der Crash ist noch nicht vorbei!

Den Märkten fehlt es an Gegenmitteln. Ein Mundschutz hilft nicht weiter. (Foto: yy_Appartment / Shutterstock.com)


Drei Mal hat die Börse am Sonntag seit Jahresbeginn eindringlich vor massiven Rückschlägen an den Aktienmärkten gewarnt. Unsere Leser konnten wir so hoffentlich vor Kursverlusten bewahren. Anders als manche Analysten, die jetzt einen Einstieg empfehlen und das große Comeback prophezeien, bleiben wir kritisch und skeptisch. Mit guten Argumenten.

Ein wenig hatte es zum Wochenanfang ausgesehen, als würden sich die Märkte schnell erholen, den Crash aus den Tagen zuvor zu einer temporären Korrektur erklären und wieder an Fahrt aufnehmen. Schon sah manch Experte günstige Einstiegsmöglichkeiten. Und es war ja auch verlockend. Nach der Wahnsinns-Rally des vergangenen Jahres, die kaum Rücksetzer bereithielt, war sie nun auf einmal da die Chance, zu reduzierten Preisen zuzugreifen. Und dann an der bestimmt eintretenden Erholung – die Notenbanken würden schon helfen und die Ausbreitung des Virus in den kommenden Monaten würde schon eingedämmt -  kräftig zu partizipieren.

Allein, daraus wurde nichts. Wer sich zu einem Einstieg hinreißen lies, der wurde noch gleich zum Wochenende hin abgestraft. Am Freitag präsentierten sich die wichtigsten Indizes weltweit erneut in tiefroter Farbe. Der Dax verlor zwischenzeitlich fast vier Prozentpunkte, am Ende blieben 11.528 Zähler. Am Montagmorgen waren es noch knapp über 12.000 Punkte gewesen. Nicht nur, dass sich das Coronavirus weiter rasant ausbreitet – weltweit sind bei 3.400 Todesopfern inzwischen mehr als 98.000 Menschen infiziert – es verdichten sich schlicht die Anzeichen, dass dieser Crash keine kurz- bis mittelfristige Korrektur sein wird, sondern mehr.

Das liegt an einer handvoll Gründe, die sich ihrerseits zu einem gefährlichen Virus vermengen, der die Märkte vollends zu infizieren droht. Ein Gegenmittel gibt es bislang genauso wenig, wie einen Impfstoff gegen Covid-19. Star-Ökonom Nouriel Roubini, der bereits die Finanzkrise von 2008 vorhergesagt hatte, warnt entsprechend: „Diese Krise ist viel tiefer greifend für China und den Rest der Welt, als die Investoren bisher geglaubt haben.“ Ähnlich sieht das Dhaval Joshi vom Investmentberater BCA Research. Die Anleger würden die weit reichenden Folgen des Coronavirus nach wie vor nicht ausreichend einpreisen, der Weg nach unten sei noch weit.

Fünf Argumente

1. Crash-Logik und Charttechnik

Die Erfahrung zeigt, dass es nach Korrekturen um zehn bis 15 Prozent nie sofort und schnurstracks wieder nach oben ging. Statistisch gesehen dauern Korrekturen exakt 196 Tage. Es wäre also noch etwas Zeit zu gehen. Und danach sieht es aus, gerade schließlich befinden sich die Märkte im freien Fall. Blickt man exemplarisch auf Deutschlands Leitindex, hat dieser inzwischen alle wichtigen Trendlinien nach unten durchbrochen. Klare Unterstützungen sucht man in näherer Umgebung vergeblich. Die 10.532 Punkte aus dem Dezember 2018 fallen als Dreijahrestief ins Auge. Das käme aber auch schon einem weiteren Abschlag von rund zehn Prozent zum derzeitigen Tief gleich. Zu den fehlenden charttechnischen Unterstützungen gesellt sich die Panik der Anleger. Viele dürften spätestens jetzt, nach dem erneuten Einbruch, ihre Gewinne retten wollen. „Die Nerven liegen blank“, schrieb CMC Markets-Analyst Jochen Stanzl. Tatsächlich war so viel Unsicherheit wie derzeit wohl seit 2008 nicht mehr im Markt.  

2. Der überreife Markt

Apropos Markt. Dieser präsentierte sich jüngst überreif. Über zehn Jahre dauert die Hause an den Börsen nun schon an. Und sie gipfelte vielleicht in den Rekordläufen der großen Indizes im vergangenen Jahr. 2018 hatte es den ersten Rückschlag seit langer Zeit gegeben, auch da die FED sich daran probierte die Zinsen schrittweise wieder zu erhöhen. Doch dann verlangsamte sich das globale Wachstum und schwups, die Notenbanken sprangen wieder ein. Das gab Anlegern Sicherheit und nahm ihnen gleichzeitig die Alternativen zum Aktienkauf. Das hat die Märkte überhitzt. Nun tritt ein, was niemand hat vorhersehen können. Ein unkontrollierbares externes Ereignis, das die moderne Weltwirtschaft in ihren Grundfesten erschüttert. Das hätte zu jedem Zeitpunkt zu Verlusten an der Börse geführt, so aber ist nun die Fallhöhe wesentlich größer. Seit 1950 hat es insgesamt 38 größere Korrekturen von 10 Prozent oder mehr im S&P 500 gegeben. Das entspricht einer Korrektur rund alle 1,81 Jahre. Insofern ist der jetzige Rückschlag ohnedies überfällig.

3. Die Börse und die Zukunft

Es ist keine neue Erkenntnis, dass an der Börse die Zukunft gekauft wird. Mit Blick auf die derzeitige Lage ist sie jedoch besonders bitter. Die zunächst gehegte Hoffnung es könnte bei einer Corona-Epidemie in China bleiben, ist dahin. Covid-19 breitet sich global aus, der Peak ist wohl noch lange nicht erreicht. In Deutschland waren am Freitag 545 Fälle bestätigt. In Italien waren an dem Virus zum gleichen Zeitpunkt bereits 148 Menschen gestorben. Es könnte Europa am Ende genauso ergehen wie China, das Risiko zumindest besteht. Bis Klarheit herrscht, wie stark sich das Virus auf der Weltkugel ausbreitet und welchen Schaden es anrichtet, dürfte viel Zeit ins Land gehen. Viel Zeit, für einen Blick in eine unsichere Zukunft.

4. Die realwirtschaftlichen Schäden


Das Coronavirus trifft die Weltwirtschaft zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Der Motor stottert schließlich schon länger und auf einmal bleibt keine Zeit mehr, um zu reparieren. Experten zufolge könnte sich das chinesische Wirtschaftswachstum im laufenden Quartal von sechs Prozent auf 2,5 Prozent mehr als halbieren. Die OECD korrigierte ihre Erwartungen für die Weltwirtschaft nun nochmals nach unten, von 2,4 auf 1,5 Prozent. Die US-Bank JP Morgan hat ihre Wachstumsprognose  im ersten Quartal sogar auf 1,3 Prozent reduziert. Behält das Geldhaus recht, stünde am Ende das schwächste Quartal seit der Finanzkrise 2008. Timo Wollmershäuser, Konjunkturforscher am Münchner Ifo-Institut sagte: Das Virus „hat das Potenzial die Weltwirtschaft zum Erliegen zu bringen“. Sein Chef, Clemens Fuest, sprach im Deutschlandfunk von einer „ernsthaften Krise“. Auf der einen Seite sei die Nachfrage nach allen möglichen Produkten und Dienstleistungen reduziert, auf der anderen Seite gebe es aber auch einen „Angebotsschock“.

Wie sich all das auf die Bilanz von Unternehmen auswirkt, lässt sich bislang nur schwer abschätzen. Die Investmentbank Goldman Sachs warnt allerdings schon vor einem  Wachstumsstillstand, was die Gewinne von US-Unternehmen anbelangt. Die anstehende Berichtsaison wird Klarheit bringen. Es ist davon auszugehen, dass sie die Märkte nicht beruhigt. Es werden einige Unternehmen sein, die katastrophale Zahlen vorlegen oder zumindest ihre Prognosen für die folgenden drei Monate kräftig zurechtstutzen. Noch nie waren Firmen und Konzerne global derart vernetzt wie heute. Und es ist das erste Mal, dass die weltweiten Liefer- und Wertschöpfungsketten in diesem System ernsthaft gefährdet sind und längere Zeit unterbrochen werden könnten.

Das könnte vor allem die Autobranche zu spüren bekommen, weiß Nikolaus Lang von Boston Consulting. Unmittelbar belastet sind freilich Konzert- und Messeveranstalter, Reiseanbieter oder Airlines. Die Aktien von Eventim beispielsweise haben in den vergangenen vier Wochen über 20 Prozent an Wert verloren. Die Papiere der Lufthansa fast 25 Prozent. Besonders hart trifft es auch die Aktien der Banken. Durch den erwartbaren, abrupten Wachstumseinbruch dürften Unternehmen mit nicht so hohem Liquiditätspuffer unter Druck geraten. Das wiederum würde einigen Geldhäusern Kreditausfälle bescheren. Der Kurs der Deutschen Bank-Aktie rauschte entsprechend in den Keller. Ausgehend vom 14. Februar steht nun schon ein Minus von 35 Prozent zu Buche.

5. Die Notenbanken und das verschossene Pulver

Dass der Corona-Ausbruch zu einer deutlichen Eintrübung der Konjunkturdaten führt und die Weltwirtschaft mindestens nahe an eine Rezession führt, scheint wahrscheinlich. Besonders dramatisch ist nun, dass die Notenbanken, und ganz besonders die EZB, all ihr Pulver bereits verschossen hat. Jetzt, da sich eine ernsthafte Krise auftut, kann sie kaum noch reagieren. Die Zinsen sind im Keller, die Aufkaufprogramme draußen. Zwar sei eine „weitere moderate Zinssenkung“ wahrscheinlich, sagt der Vorstandsvorsitzende von MainSky Asset Management, Eckhard Schulte. Diese sei aber „vermutlich wenig wirksam“. Gleiches gelte für „eine mögliche Anhebung der monatlichen Anleihekäufe oder der Ausweitung der Liquiditätshilfen für den schwachen Bankensektor.“

Ein wenig sieht es danach aus, als würde sich so schnell nichts mehr erholen, an den Märkten. Die Abwärtsspirale wurde womöglich erst in Gang gesetzt.

Lesen Sie auch: Europa: Machtlos im Kampf gegen das Virus?

06.03.2020 | 14:34

Artikel teilen:

-->