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Deutsche Autoindustrie auf Krisenfahrt: Auch BMW patzt

Fährt BMW die Konkurrenz davon? (Foto: shutterstock.com / yousang)


Jetzt also auch BMW. Mit einem Einbruch des Konzerngewinns um 27 Prozent enttäuscht der nächste deutsche Automobilhersteller Anleger wie Analysten. Die Aktie dreht ab. Was nach Einstiegschance klingt, könnte genauso der berühmte Anfang vom Ende sein. Denn die deutsche Vorzeigeindustrie steht von allen Seiten unter Druck. Und weiß ganz offensichtlich nicht, wie sie sich von ihm befreien soll.

Alles neu macht in Bayern der Herbst. Danach sieht es zumindest bislang aus. Erst verlieren die Christsozialen ihre absolute Mehrheit, dann der FC Bayern München die Tabellenführung in der Fußballbundesliga und jetzt patzt auch noch Vorzeigekonzern BMW mit einem überraschend heftigen Gewinneinbruch. Politisch wachgerüttelt, sportlich aufgerüttelt und wirtschaftlich einmal kräftig durchgeschüttelt. Alle drei bayerischen Urgesteine haben schon deutlich bessere Zeiten gesehen, als die heutigen. Von Volkswagen-Tochter Audi ganz zu schweigen. Die Ingolstädter verloren schließlich nicht nur ihren Chef zwischenzeitlich in die Untersuchungshaft, in den letzten beiden Monaten brauste in Sachen US-Absatz nun auch noch Tesla mit beängstigend hoher Geschwindigkeit vorbei.

Und obwohl nun manch einer einer starken CSU oder einem starken Münchner Fußballclub hinterhertrauern mag, sind es die Probleme des Automobilsektors, die bald deutlich schwerer wiegen könnten, als eine verlorene Wahl oder ein schlechtes Fußballspiel. Sind sie schließlich kein allein bayerisches, sondern ein deutschlandweites. Der Automobilindustrie, ob nun in Bayern, Baden-Württemberg oder Niedersachsen, brechen die Gewinne weg. Der wirtschaftliche Motor des Landes strauchelt, schlittert und wankt in bedenklichem Ausmaß.

Doch zunächst zurück nach Bayern. Dorthin, wo BMW-Chef Harald Krüger unter der Woche die Ergebnisse seines Konzerns zum dritten Quartal des laufenden Jahres vorzulegen hatte. Hatte deshalb, da er freiwillig die trotz der bereits zuvor nach unten korrigierten Erwartungen erstaunlich schwachen Zahlen wohl  kaum der Öffentlichkeit präsentiert hätte.

Operative Marge sinkt um die Hälfte

Während der Umsatz um 4,7 Prozent auf 24,7 Milliarden Euro stieg, verschlechterte sich das Betriebsergebnis der Münchner gegenüber dem Vorjahr um deutliche 27 Prozent auf 1,74 Milliarden Euro. Im Kerngeschäft, sprich dem Automobile-Segment, ging der Gewinn sogar um 47,1 Prozent auf nur noch 930 Millionen Euro zurück. Analysten hatten hier mit einem Ergebnis von mehr als einer Milliarde Euro gerechnet. Die operative Marge halbierte sich von 8,6 Prozent im Vorjahr auf gerade einmal noch 4,4 Prozent. Deutlich weniger als die angestrebten sieben Prozent.

Schuld daran sind zwar externe Faktoren und Einmaleffekte, doch die beginnen sich in letzter Zeit zu häufen und kommen auch nicht mal eben von irgendwo her. Chinas Zölle auf US-Autos beispielsweise kosteten BMW im dritten Quartal rund 600 Millionen Euro, da die Münchner einen Großteil ihrer vor allem in China beliebten SUVs in den USA bauen. Hinzu kommen zusätzliche Investitionen im Wert von rund einer Milliarde Euro in Elektrifizierung und das autonome Fahren. Der anstehende Brexit beeinflusst die Ergebnisse bislang zwar freilich nicht, doch auch hier bereitet man sich bei den Münchnern schon mal auf einen „harten“ EU-Ausstieg vor.

Alles drei Baustellen, die auch im kommenden Jahr nicht einfach so verschwinden werden. Hinzu kommt das neue Abgasprüfverfahren, das den Absatz weiter und bis ins Jahr 2019 hinein negativ beeinflussen dürfte. Dieses hätte den „europäischen Markt vollkommen aus dem Gleichgewicht gebracht“, so BMW-Finanzchef Nicolas Peter. Mit Blick auf das dritte Quartal belasteten zudem Rückstellungen hinsichtlich einer 1,6 Millionen Fahrzeuge betreffenden Rückrufaktion die Bilanz. Ursache sollen Probleme mit der Abgasrückführung sein. Ebenso wirkten teurere Rohstoffe und ungünstige Wechselkurse negativ auf das Ergebnis.

Aktie rutscht weiter ab

Auch wenn Vorstandsboss Harald Krüger von einer „Kumulation“ an negativen Effekten und einer „besonderen Situation“ sprach, sowie davon, dass sein Konzern auch weiterhin profitabel und verlässlich bleibe, sorgte dieser erneute Dämpfer bei Anlegern wie Analysten für enttäuschte Gesichter. Der Autobauer habe klar negativ überrascht, fasste Kepler Cheuvreux-Experte Michael Raab die Ergebnisse der Münchner zusammen. Sein Kursziel beließ er bei schwachen 71 Euro, empfiehlt damit bei einem derzeitigen Kurs von rund 74 Euro den Verkauf der Aktie. Auch Metzler-Analyst Jürgen Pieper wurde deutlich: „Hier läuft in München auch im Kerngeschäft etwas falsch, bei der Produktpalette und bei der Preisdurchsetzung“, so der Experte. Seit Jahresbeginn hat die BMW-Aktie nun schon 15 Prozent an Wert verloren, auf Dreijahressicht sind es 20 Prozent.

Verglichen mit der Premium-Konkurrenz aus Stuttgart sind BMW-Aktionäre damit noch gut bedient. Das Daimler-Papier stürzte in den letzten drei Jahren um 35 Prozent ab, seit Jahresbeginn steht ein Minus von 26 Prozent zu Buche. Die Gründe dafür sind ähnlich denen des bayerischen Konkurrenten. Im laufenden Jahr hat Daimler bereits zwei Gewinnwarnungen ausgegeben. Auch VW liegt verglichen mit 2017 in Sachen Ergebnis zurück, wenngleich bei weitem nicht so deutlich wie Daimler und BMW. Die Aktie der Wolfsburger steht deshalb auch nur mit sieben Prozent im Minus und performt bis dato deutlich besser als der Dax, der bereits zwölf Prozent verloren hat. Auf Dreijahressicht hat der Kurs des VW-Papiers sogar um 60 Prozent zugelegt, was zuvorderst freilich daran liegt, dass die Niedersachsen nach Auffliegen des Abgasskandals gemessen an ihren Ergebnissen zwischenzeitlich etwas zu deutlich abgestraft wurden. Aber wohl auch daran, dass sie nicht nur vom Premiummarkt abhängig sind.

Tesla wird immer mehr zur ernstzunehmenden Gefahr

Den nämlich wirbelt es im Rahmen der Elektrifizierung wie es scheint zuerst durcheinander. Im Vergleich zu einem Mercedes, Audi oder BMW, ist ein Tesla nicht teuer und wer einen Wagen aus der kalifornischen E-Auto-Schmiede fährt, der fährt die Zukunft, wirkt hip, jung und cool. Gefährlich, da es Tesla-Gründer Elon Musk nun auch endlich geschafft hat, seinen Konzern profitabel zu machen. Vor allem, da die Produktion des Model 3 nun funktioniert. So verkaufte Tesla in den vergangenen zwei Monaten in den USA 4.500 Neuwagen mehr als Audi und nur 1.460 weniger als BMW. Alarmierende Zahlen, sind die USA hinter China schließlich der größte Absatzmarkt innerhalb der Branche. „Die enorme Stärke der Deutschen, ihre Dominanz bei Verbrennungsmotoren, ist im sich anbahnenden Elektrozeitalter immer weniger wert“, fasst es Analyst Pieper zusammen. Und auch wenn Daimler, BMW und Volkswagen nun Milliarden in die Elektrifizierung stecken, Tesla hat im „elektrischen“ Premiumbereich einen gewaltigen Vorsprung in Sachen Markenpopularität. Und was die weniger teuren Wagen angeht, dürften die Chinesen langfristig die besseren Standortfaktoren besitzen. Nicht nur, dass sie dort günstiger produzieren können, auch einige der bislang größten Batterie-Hersteller kommen aus dem Reich der Mitte.

Anlegern fehlt die Perspektive

Zugegeben ein weiter Blick in die Zukunft, im Jetzt bedroht weiter vor allem der vor sich hin schwelende amerikanisch-chinesische Handelskonflikt die Ergebnisse. Auch US-Zölle auf Auto-Importe aus Europa sind noch lange nicht vollständig vom Tisch. Nicht zu vergessen freilich auch das deutsche Dieselchaos. Das und die damit einhergehenden Abgasumrüstungen sind es, die die deutschen Hersteller für den Moment am härtesten treffen. „Es besteht das Risiko weiterer Gewinnwarnungen“, warnt Frank Schwope, Analyst der NordLB, damit wohl zu Recht.

In München läuft inzwischen immerhin die Neuauflage des so wichtigen 3er-Modells vom Band, im kommenden Jahr dann auch in China. Zudem dürften die neuen SUV-Modelle X5 und X7 zahlungskräftige Käufer anlocken. Doch bei all den anstehenden Herausforderungen könnte das zu wenig sein. Vor allem mit Blick auf den Aktienkurs. Anlegern fehlt ganz offensichtlich die Perspektive, ein klare Idee für die Zukunft. „Wir scheuen keine Herausforderung“, sagt Harald Krüger. Das dürfen sie auch nicht. Nicht in München, nicht in Stuttgart und auch nicht in Wolfsburg.

Oliver Götz

09.11.2018 | 13:24

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