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Handelskonflikt: Ende noch lange nicht in Sicht


Entspannung im Handelskonflikt. Donald Trump will zunächst keine weiteren Strafzölle auf Einfuhren aus Europa erheben. Und damit auch nicht auf Autos. Gute Nachrichten also für Daimler, Volkswagen und BMW. Doch Obacht: Trump bleibt unberechenbar. Und damit auch die Märkte.

Von Oliver Götz

Etwas überraschend war sie schon, die zügige Einigung zwischen Donald Trump und Jean-Claude-Juncker am vergangenen Mittwoch. Als der US-Präsident und der der EU-Kommission da im Rosengarten des Weißen Hauses standen und lächelnd in die Kameras blickten, sah es fast so aus, als stünden sich da zwei alte Freunde gegenüber. Und so ähnlich behandelten sie sich dann auch. Juncker sprach von einem Treffen, das „gut und konstruktiv“ war und freute sich über den gemeinsam geschlossenen Deal. Trump lobte Juncker als „sehr hartnäckigen, sehr klugen“ Mann und legte Wert darauf zu betonen, dass nun „eine Phase der engen Freundschaft und starker Handelsbeziehungen“ beginne, in der beide, die EU und die USA, gewinnen würden. Ähnlich formulierte es kurze Zeit später die EU-Kommission in einer Pressemitteilung.

Auf Knopfdruck heile Welt also. Das zumindest suggerierten die Bilder, die Zitate, die Interviews. Vor kurzem noch war die EU für Trump ein „Gegner“, nun offenbar wieder ein guter Freund. Und während die EU lange Zeit darauf pochte endlich einmal klare Kante zeigen zu wollen, schmiegt man sich nun doch wieder an die Schulter des US-Präsidenten.

All diejenigen, die dieses Schauspiel nun schon länger beobachten werden sich fragen: Warum nur all der Ärger in den Wochen zuvor? Hätte man Juncker und Trump – wenn sie sich offenkundig im Fall der Fälle dann doch so gut verstehen können – nicht gleich an einen Tisch setzen können? Nun, irgendwie passt das ja alles auch zu Trump. Lange Verhandlungsrunden scheinen nicht das Ding des amtierenden US-Präsidenten. Wenn ihm etwas richtig erscheint, sagt er zu. Er weiß: Seine Wähler haben die lange Ergebnissuche satt. Sie wollen, dass gehandelt wird. Und so handelt Trump lieber einmal zu viel, als einmal zu wenig. Was kann er auch schon verlieren? Wer hindert ihn daran, seine Entscheidungen zu revidieren? Was, Jean-Claude-Juncker vielleicht schon in der kommenden Woche wieder als fürchterlich zu bezeichnen? Niemand und Nichts.

Nachdem ein Teil seiner Befürworter jüngst die negativen Auswirkungen der US-Handelspolitik zu spüren bekam, musste Trump reagieren. Auch der Druck aus der eigenen Partei schien zu groß geworden. Das tat er nun, indem er zwar kaum nennenswertes verhandelte, aber immerhin der EU das Versprechen abrang sehr zeitnah ihre US-Soja-Importe zu erhöhen. Das freilich taugt nun für reichlich plakative Eigenwerbung. Trump nämlich kann so den klugen Dealmaker geben, den US-Bauern zeigen: Kümmert euch nicht um Strafzölle aus China, die gleiche ich für euch an anderer Stelle wieder aus.

Auch die Sorgen der eigenen Bürger vor einer drastischen Erhöhung der Autozölle dürfte er erst einmal im Keim erstickt haben. Sie nämlich, sollen nicht kommen. Prüfen allerdings lässt er sie weiterhin.
In Zukunft vielleicht ganz abgeschafft werden, sollen dagegen Zölle auf alle sonstigen industriell gefertigten Produkte. Und zwar sowohl diesseits als auch jenseits der Atlantiks. Überhaupt soll der Handel zwischen der EU und den USA fairer werden, in dem neben Handelsschranken auch Subventionen abgebaut werden.

Klingt alles schön und gut, Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier war gar völlig aus dem Häuschen, twitterte jubelnd: „Zölle runter, nicht rauf! Freier Handel und Millionen Jobs gesichert!“ Weiterhin attestierte er Juncker sowie EU-Handelskommissarin Cecilia Malmström ein großartiges Verhandlungsgeschick und sprach von einer „Win-Win-Situation für beide Seiten“. Nur blöd, dass bislang nichts zu Papier gebracht wurde. Trump und Juncker haben sich unterhalten, scheinen zunächst eine Einigung erzielt und sich wieder lieb zu haben. Sie haben sich darüber hinaus einiges versprochen, doch gerade Trump ist bekannt dafür zu handeln, bevor er gründlich nachdenkt. Was also, wenn er es sich wieder anders überlegt?

Großartig verhandelt wurde in Washington also eher nicht. Viel eher die Situation gerade noch so deeskaliert. Was natürlich gleichfalls ein Erfolg ist. Doch in diesem Zusammenhang bereits von einem freien Handel und Millionen gesicherten Jobs zu sprechen erscheint schon weit hergeholt. Gerade mit Blick auf die großen deutschen Automobilhersteller und all den Zulieferern, die an ihnen hängen. Denn selbst wenn die höheren Zölle auf Einfuhren aus Europa nicht kommen, der Konflikt zwischen den USA und China spitzt sich gleichzeitig immer weiter zu.

BMW beispielsweise produziert in den USA einige Modelle für den chinesischen Markt. Vergeltungszölle auf US-Autos aus dem Reiche der Mitte treffen so indirekt auch die Münchner. Genauso haben Daimler und VW Werke in Mexiko – ein neues von BMW befindet sich in Bau – und produzieren dort für den US-Markt. Trump allerdings will das Nordamerikanische Freihandelsabkommen (NAFTA) neu verhandeln. Was, wenn am Ende Zölle auf Fahrzeugimporte aus Mexiko dabei herauskommen?

Anleger zeigten sich dennoch zunächst erleichtert. Am Donnerstag notierten die Aktien von VW, BMW und Daimler mit 3,3 Prozent, 3,7 Prozent und 2,6 Prozent im Plus. Vor allem der Sprung bei Daimler zeigt, wie sehr die US-Handelspolitik derzeit die Kurse beeinflusst. Die Stuttgarter meldeten für das zweite Quartal einen Gewinneinbruch. Das Ergebnis ging um 30 Prozent auf 2,6 Milliarden Euro zurück. Der Umsatz um ein Prozent auf 40,7 Milliarden Euro. Mit Blick auf die positiven Entwicklungen im Handelsstreit rückten diese Zahlen jedoch schnell in den Hintergrund. Auch die Papiere von Zulieferern wie Continental und Infineon profitierten, legten gar um fast fünf Prozent zu. Am Freitag allerdings bewegten sie sich gemeinsam mit den Herstelleraktien irgendwo zwischen moderatem Plus und leichtem Minus. Euphorie scheint unter Anlegern also nicht ausgebrochen. Auch mit Blick auf den Gesamtmarkt nicht. Zu unsicher scheint das, was Trump und Juncker da verhandelt haben. Mögen sie es auch noch so freundlich lächelnd in die Kameras verkünden.

27.07.2018 | 19:39

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