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„Im Osten und Süden der Welt drohen Hungersnöte“



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Bayer-Chef rechnet wegen des Krieges mit Ernteausfällen in der Ukraine. Russische Aggression und Lieferkettenengpässe lösen Wandel der Globalisierung aus. Wirtschaft dennoch zuversichtlich.

Von Björn Hartmann

Als Folge des Krieges in der Ukraine rechnet Bayer-Chef Werner Baumann mit Hungersnöten. Die ukrainischen Bauern verfügten zwar über Saatgut, Dünger, Pflanzenschutzmittel, sagte er beim Global Player Summit auf dem Ludwig-Erhard-Gipfel, die Frage sei aber, ob sie ihre Felder überhaupt bestellen könnten. Zudem rechnet er mit Ernteausfällen. Unklar sei auch, wie die Ernte später aus dem Land geschafft werden könne. „Im Osten und Süden der Welt drohen signifikante Hungersnöte“, sagte Baumann. Die Ukraine gehörte bisher zu den wichtigsten Getreidelieferanten der Welt.

Mit einer anderen Folge des russischen Angriffs auf den Nachbarn kämpfen die Unternehmen schon länger: steigenden Energiepreise, die manche Existenz bedrohen. Gleichzeitig versucht Deutschland, sich von Russland abzunabeln, dessen Kohle, Öl und Gas es in den vergangenen Jahrzehnten günstig einkaufte, sich dadurch aber auch sehr abhängig machte. Der Ausstieg aus russischer Kohle und russischem Öl sei möglich, sagte BDI-Präsident Siegfried Russwurm. Bei russischem Gas sieht es anders aus. „Kurzfristig haben wir keine Möglichkeit, auf Gas zu verzichten“, sagte Bayer-Chef Baumann. Es wird als Energieträger und vor allem als Rohstoff in der chemischen Industrie benötigt. Russland lieferte 2021 rund 55 Prozent des deutschen Gasbedarfs, inzwischen sind es noch 40 Prozent.

Zusätzlich haben Unternehmen Sorgen, weil der Welthandel weiter mit Problemen in den Lieferketten kämpft – immer noch als Folge der Corona-Pandemie, aber auch, weil, China wegen der strikten Null-Covid-Strategie Shanghai abgeriegelt hat, einer der wichtigsten Häfen der Welt. „In China, den USA und Europa stauen sich die Schiffe“, sagte Rolf Habben Jansen, Vorsitzender des Vorstands von Hapag-Lloyd. Das Hauptproblem: Vor allem Container fehlten, sagte Jansen, die Preise seien sehr, sehr hoch.

Wäre es also besser, alles wieder in Deutschland zu produzieren, kurze Wege, geringe Abhängigkeit? Der Hapag-Lloyd-Chef hält die internationale Arbeitsteilung für gut. Er rechnet allerdings damit, dass sie sich ändert. Für Monika Schnitzer, eine der Wirtschaftsweisen, wird sich die Weltwirtschaft stärker diversifizieren – mehr Verbindungen mit mehr Ländern. „Am Ende bringt das vielleicht sogar mehr Geschäft.“ Das bedeute aber höhere Preise. „Der schnelle Euro wird nicht mehr möglich sein.“

Dabei verschieben sich gerade die Blöcke, ausgelöst durch den Angriff Russlands auf die Ukraine. Weltweit ziehen sich Unternehmen aus Russland zurück, wobei sich bisher niemand recht mit der Frage beschäftigt, wie ein Russland nach dem Krieg aussieht. Chinas Regierung setzt auf China first. Sollen sich Unternehmen da auch zurückziehen? BDI-Präsident Russwurm warnt: „Wenn wir mit Ausschließeritis anfangen, dann wird die Exportnation Deutschland einpacken können.“
Im weltweiten Wettbewerb ist ein einheitliches Vorgehen Europas wichtig. Da sind sich die Teilnehmer der Diskussion einig. So sei eine deutsche Cloud zu klein gedacht, sagte Telekom-Finanzvorstand Christian P. Ilek. „Wir müssen europäisch denken.“ Dabei sei es nicht nötig, Firmen organisatorisch zusammenzulegen. Man könne auch auf Plattformen zusammenarbeiten.

Grundsätzlich sind die Teilnehmer des Global Player Summit tendenziell zuversichtlich, denn die vielen Herausforderungen für die Unternehmen – Pandemie, Lieferketten, Russland-Aggression, dazu die Umstellung der Wirtschaft auf mehr Nachhaltigkeit – bieten Chancen. Deutschlands Stärke sei Innovation, sagte BDI-Präsident Russwurm, kundenorientierte Innovation. Und für Stefan Schaible, Global Managing Partner bei Roland Berger, ist klar: „Um international bestehen zu können, sollte Deutschland Vorreiter für nachhaltige Produktion werden.“

21.04.2022 | 13:17

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