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Jamaika in Berlin, DAX scheut vor Rekord

(Bild: Fotolia / Winterbilder)


Es ist das derzeit einzige realistische Regierungsszenario. Union, FDP und Grüne könnten ein Dreierbündnis, die sogenannte Jamaika-Koalition, bilden. Es sieht ganz danach aus, als stünden Deutschland vier Jahre „Jamaika“ bevor. Die Finanzmärkte sehen es positiv, oder zumindest sind sie demonstrativ gelassen, und diese Stimmung trägt den DAX auf seinen höchsten Schlußkurs aller Zeiten: 12.976,40 Punkte. Um dann vor neuer Rekordjagd und der magischen Schwelle von 13.000 Punkten zu scheuen. Was acht der wichtigsten Ökonomen derzeit denken und sagen.

Am 17. Oktober starten die Sondierungsgespräche zwischen Union, FDP und den Grünen. Das sorgt für gute Stimmung an den Finanzmärkten, denn damit wird ein Stück Stabilität wahrscheinlich. Dass im Vorfeld der Verhandlungen alle Seiten auf Maximalpositionen beharren, irritiert nicht, denn in wichtigen Fragen sind Korridore zu einer Verständigung erkennbar, so zum Beispiel bei der flüchtlingspolitik oder, und hier hören Börsianer immer genau hin, in der Finanz- und Haushaltspolitik. Führende Ökonomen äußern sich wie folgt:

Clemens Fuest, Präsident des Ifo-Instituts

„Eine Jamaika-Koalition wäre die angemessene Antwort auf diese Wahl. Die neue Regierung sollte Bildung und Forschung, die Digitalisierung und Globalisierung der Wirtschaft, die Energie- und Klimapolitik und die europäische Integration in den Mittelpunkt stellen. Die FDP hat sich zwar klar gegen eine Transferunion in der Euro-Zone positioniert und die Grünen haben sich dafür ausgesprochen, aber diese Unterschiede in der Wirtschaftspolitik sind überbrückbar.“

Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Deka Bank

„Jamaika ist auf den ersten Blick nicht das beste Szenario für Wirtschaft und Finanzmärkte, denn es bringt Unsicherheit, von der Wirtschaftspolitik bis hin zur Europapolitik. Auf den zweiten Blick bietet es jedoch Chancen, mit frischen Kräften Themen neu anzupacken.“

Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer und Vorstandsmitglied des Bundesverbandes deutscher Banken

„Eine Koalition aus Union, FDP und Grünen ist keine Notlösung.“ Im Gegenteil, meint Kemmer, sie biete vielmehr Chancen: „Ein solches Projekt kann den Standort Deutschland stärken, denn zentrale Zukunftsthemen wie Digitalisierung, Bildung und Integration würden sicherlich in den Mittelpunkt der Regierungsarbeit rücken.“

Thomas Gitzel, Chefökonom Liechtensteiner VP Bank

„Dreierbündnisse sind schwierig zu bilden und nicht selten instabil. Am Finanzmarkt könnte es damit (...) zur Furcht vor einem politisch nicht mehr ganz so stabilen Deutschland kommen.“

David Folkerts-Landau, Chefvolkswirt Deutsche Bank

Der Deutschbänker sieht beides, Chancen und Risiken. Aber: „Wenn die Koalition gelingt, wäre das ein Beweis für den Pragmatismus der Parteien in Deutschland – und es stünde damit im Gegensatz zu den Partisanenkämpfen, die in einigen anderen Ländern zu politischen Blockaden führen.“

Jörg Krämer, Commerzbank

„Kompromisse bezüglich der Wirtschafts-, Finanz oder auch Europapolitik sind möglich. (...) Steuersenkungen dürften kommen. Der Knackpunkt bei den Verhandlungen dürfte eher bei der Einwanderungspolitik liegen.“

Otmar Lang, Chefvolkswirt Targobank

„Eine CDU-geführte Regierung, zumal mit der als wirtschaftsfreundlich geltenden FDP in der Regierungsverantwortung, wird von den Märkten positiv aufgenommen. Unter einer CDU-geführten Regierung hat der Dax stets größere Kursgewinne erzielt als unter einer SPD-geführten Regierung. Freudensprünge sind deshalb aber nicht zu erwarten. Die Geldpolitik der Notenbanken, die Nordkoreakrise oder die konjunkturelle Entwicklung in Deutschland wie auch Europa sind (...) entscheidender.“

Holger Schmiedung, Chefvolkswirt Berenberg

„Die Schnittmengen einer Jamaika-Koalition sind nicht so weit von dem entfernt, was wir bisher hatten. Insgesamt gibt es eine größere Chance auf Steuersenkungen und eine Rentenpolitik, die nicht ganz so teuer ist, wie sie es mit der SPD geworden wären. Die wirtschaftlichen Auswirken sind daher nahe Null. In der Europapolitik dürfte sich ebenfalls wenig verändern.“

12.10.2017 | 00:15

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