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Impfstoffhoffung Biontech: Lohnt sich der Einstieg jetzt noch?

Die Gründer von Biontech, die Mediziner Ugur Sahin und seine Frau Özlem Türeci, bezeichnen die Suche nach einem Corona-Impfstoff als "Menschheitsprojekt".

Die Meldung zur Wirksamkeit eines Corona-Impfstoffes hat den Aktienkurs des Mainzer Unternehmens Biontech nach oben klettern lassen (Stand: 10.11.2020).



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Tourismusaktien, Luftfahrttitel, Erdöl: Die Preise an den Märkten steigen nach dem Durchbruch bei der Impfstoffforschung und dem Ausgang der US-Wahlen. Während Anleger an den Börsen weltweit wie im Rausch kaufen, veröffentlicht Biontech Details zur Herstellung und Verteilung des Impfstoffs: Wenn es wärmer wird als 70 Grad unter null, verdirbt das Serum schnell.

Biontech bereitet die Verteilung des Corona-Impfstoffs vor, den das Mainzer Unternehmen gemeinsam mit dem US-Pharmakonzern Pfizer und dem chinesischen Industrie- und Finanzkonglomerat Fosun entwickelt, herstellt und vertreibt. Dabei geht es insbesondere darum, die Kühlkette von der Produktion bis zur Abgabe am Patienten genau einzuhalten. Wie das Unternehmen am Dienstag bei einer Konferenz vor Investoren mitteilte, muss der Impfstoff, dessen Zulassung Biontech in der dritten Novemberwoche beantragen will, bei 70 Grad unter null gelagert werden. Bei dieser Temperatur lässt er sich sechs Monate lang aufbewahren. Je wärmer es wird, desto schneller verdirbt das Serum: Bei acht bis zwei Grad unter null hält es sich nur noch fünf Tage. Biontech präsentierte jetzt Verpackungen und Transportmöglichkeiten, die es erlauben, den Impfstoff möglichst lange unversehrt transportieren und lagern zu können.

Vertrag mit der EU

Während das Unternehmen damit bereits an der Verteilungsinfrastruktur arbeitet, feiert die Börse die Mainzer Forscher um CEO Ugur Sahin und die Strüngmann-Brüder als Investoren. Das Unternehmen hatte am Montag bekannt gegeben, dass auch die abschließende Phase drei bei der Erprobung des Impfstoffs mit dem umständlichen Namen BNT162b2 derzeit erfolgreich verlaufe. Die Zahl von 90 Prozent, die angibt, wie hoch der Anteil der Patienten ist, bei denen der Schutz wirkt, elektrisierte die Investoren. Die Aktie machte einen Sprung um zeitweise mehr als 25 Prozent und legte während der Investoren- und Analysten-Konferenz noch einmal um rund vier Prozent zu. Dazu beigetragen hat auch die Nachricht, dass Biontech, Pfizer und Fosun einen Vertrag mit der EU abgeschlossen haben über den Kauf mehrerer Millionen Impfstoff-Dosen. Auch Gesundheitsminister Jens Spahn geht davon aus, dass Deutschland bei Biontech bis zu 100 Millionen Dosen bestellen kann.

Die Meldung vom Durchbruch bei der Impfstoffforschung hat gemeinsam mit den sich abzeichnenden politischen Veränderungen in den USA zu einem erheblichen Schub an den internationalen Börsen geführt. Der Dax durchbrach zu Wochenbeginn die 13 000 Punkte Marke, der US-Index Dow Jones nähert sich rasant der 30 000 Punkte Marke. Dabei spielt eine Rolle, dass nach der US-Wahl mit Jo Biden ein berechenbarer Präsident der Demokraten ans Ruder kommen dürfte, der aber nur knapp gewonnen hat und damit auf die tendenziell wirtschaftsfreundlicher regierenden Republikaner Rücksicht nehmen muss. Insbesondere im US-Senat zeichnet sich eine Patt-Situation ab, die Biden in ein enges Korsett schnüren wird, was seine Entscheidungen anbelangt. Beide Entwicklungen, der Durchbruch der Forscher und die Entscheidung der US-Wähler, entfachen ein Kursfeuerwerk an den Börsen, von dem neben Biontech und Pfizer vor allem die in den letzten Monaten stark gebeutelten Aktien der Luftfahrt- und Tourismusbranche gehören. Lufthansa, Airfrance-KLM gewannen bis zu 28 Prozent. Im Vergleich zu diesen Unternehmen sahen die Gewinner der vergangenen Monate, deren Kurs schier unaufhörlich gestiegen war, mit einmal alt aus: Amazon, Netflix, aber auch die deutschen Lieferdienste Delivery Hero und Hellofresh konnten da nicht mithalten.

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Die Frage für Aktionäre lautet nun: Ist die Zeit reif, umzuschichten? Und wie sinnvoll ist es, in dieser Phase noch bei Biontech einzusteigen? In Sachen Biontech ist die Antwort einfacher: Dort gibt es limitierende Faktoren, die den Kurs auf Dauer nicht in unübersichtliche Höhen treiben werden. Zum einen ist das Startup hoch verschuldet, bisher gab es in keinem Quartal einen Gewinn und auch die Einnahmen aus der Impfstoff-Produktion werden überschaubar sein. Der Preis für eine Impfdosis liegt nach Schätzungen von Experten nicht über 15 Euro. Angesichts hoher Investitionen in die Entwicklung des Impfstoffs wachsen die Renditen damit nicht in den Himmel. Dazu kommt, dass mit Curevac, Sanofi, Johnson und Johnson, Astrazeneca und andere weitere Hersteller mit Hochdruck an Impfstoffen arbeiten. Mit ihnen muss sich Biontech den Markt bald teilen. Für die Mainzer kommt es darauf an, dass nach dem erwarteten Erfolg mit BNT162b2 im nächsten Jahr weitere erfolgreiche Medikamente folgen, die derzeit für Krebspatienten entwickelt werden. Das Geschäftsmodell von Biontech fußt auf der Einsicht, dass jeder Tumor eines Patienten einzigartig ist und daher jeder Kranke individuell behandelt werden muss. Aus diesem Ansatz heraus entwickelt das Mainzer Unternehmen seine Medizin und hofft auch auf den Durchbruch in der Krebsforschung. Ziel ist es, nach eigenen Angaben das führende Biotechnologie-Unternehmen in der individualisierten Krebsmedizin zu werden.

Bei den übrigen Werten kommt es darauf an, wie sehr das Geschäft zurückkehrt. Während Tourismusunternehmen darauf hoffen können, dass Urlaubsreisen wieder stattfinden, muss die Luftfahrtbranche damit rechnen, dass Unternehmen ihre Mitarbeiter häufiger in Videokonferenzen schicken, als sie um die Welt reisen zu lassen. Damit könnten sich ursprüngliche erhoffte Zuwächse als dauerhafte Illusion erweisen.

Immerhin sind die üblichen Wachstumsindikatoren jetzt auf grün gesprungen. Die Hoffnung auf eine breit angelegte Erholung der Weltkonjunktur spiegelt sich bereits im Erdölpreis. Ein Fass der Rohölsorte Brent verteuert sich am Montag nach den ersten Meldungen von Biontech um fast neun Prozent auf 43 US-Dollar. Und was den einen freut, setzt dem anderen zu: Die erhöhte Risikobereitschaft drückt den Goldpreis. Die Notierung des Edelmetalls brach um 3,6 Prozent auf 1882 Dollar für die Feinunze Gold ein. Am besten fasste der deutsche TV-Moderator und Journalist Frank Plasberg die Situation zusammen: Trump abgewählt, Impfstoff gefunden – es sehe so aus, als mache dem lieben Gott seine Arbeit wieder Spaß.                        

oli

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10.11.2020 | 16:19

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