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Neue Stabilität für die Schwellenländer – trotz Fed

Dr. Ulrich Stephan (Bild: Deutsche Bank)

Wenn die Pythia über der Felsspalte sitzt..... Das Gebäude der Fed in Washington D.C. (Bild: Fotolia / blvdone)


Der Name Ben Bernanke dürfte bei vielen Schwellenländeranlegern nicht die besten Erinnerungen hervorrufen. Vor rund fünf Jahren verkündete der damalige US-Notenbankchef unerwartet den allmählichen Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik. Warum trotz solcher Reminiszenzen, die ja Sorgen hervorrufen könnten, die heutige Lage eher Anlass zur Zuversicht gibt.

Von Ulrich Stephan

Aufgrund dieser Ankündigung des damaligen Fed-Chefs, denn das war Bernanke damals, rechneten Marktteilnehmer plötzlich mit schnell steigenden Zinsen in den USA. Durch den folgenden Zinsanstieg stiegen auch die Zinsen in anderen Regionen, was zu Verlusten bei Anleihen führte. Anleger zogen große Teile ihres Kapitals aus den vergleichsweise risikobehafteten Schwellenländern ab. Infolge dieser Abflüsse gerieten die Währungen und Kapitalmärkte vieler aufstrebender Volkswirtschaften unter Druck. Es dauerte Jahre, bis sie sich davon erholt hatten.

Ende Januar 2018 dürften viele Anleger an Bernanke und das sogenannte Taper Tantrum zurückgedacht haben: Schnell steigende US-Inflationserwartungen und eine damit verbundene Verunsicherung hinsichtlich der künftigen Zinspolitik der US-Notenbank führten zu starken Kursschwankungen an den globalen Kapitalmärkten. Wiederholt sich also die Geschichte?

Die Deutsche Bank geht aktuell nicht davon aus. Zwar stehen einzelne aufstrebende Volkswirtschaften vor erheblichen politischen Unsicherheiten – etwa die Türkei oder Brasilien. Insgesamt scheinen sie jedoch stabiler aufgestellt zu sein als noch vor fünf Jahren. So haben viele Schwellenländer die Inflation aktuell besser im Griff als in der Vergangenheit. Zudem verfügen große Volkwirtschaften wie Südkorea, Taiwan, Indien und Brasilien über höhere Währungsreserven als noch 2013, wodurch sie im Fall von Kapitalabflüssen ihre Wirtschaft und Währung stabilisieren können. Neben Indien und Brasilien konnten viele weitere Länder ihre Leistungsbilanzdefizite in den vergangenen Jahren ausgeglichener gestalten. Für 2018 und 2019 erwartet die Deutsche Bank daher ein reales Wirtschaftswachstum von jeweils fünf  Prozent in den aufstrebenden Märkten.

Dieses dynamische konjunkturelle Umfeld dürfte sich auch auf die Unternehmensgewinne in den Schwellenländern positiv auswirken. Für das Jahr 2018 rechnet die Analystengemeinde mit Gewinnsteigerungen von 15,9 Prozent, die Schätzungen liegen dabei 1,9 Prozent höher als noch vor sechs Monaten. Gleichzeitig sind Schwellenländeraktien immer noch vergleichsweise niedrig bewertet: Das Kurs-Gewinn-Verhältnis im breiten Schwellenländerindex MSCI Emerging Markets (MSCI EM) liegt auf Basis der Gewinnerwartungen 2018 bei 11,8. Auch die Sektorstruktur innerhalb der Emerging Markets könnte für ein Investment sprechen: Zu den dominierenden Branchen gehören Informationstechnologie, Finanzen sowie Grundstoffe – allesamt zyklische Sektoren, die von der weltweit hohen Konjunkturdynamik profitieren dürften.

Bei allem, was für ein Investment sprechen könnte, sollten Anleger nicht die Risikofaktoren außer Acht lassen, die die Schwellenländer unter Druck setzen könnten – etwa die länderspezifischen politischen Unsicherheitsfaktoren, eine unerwartete Abkühlung der Weltwirtschaft oder eine weitere Eskalation der Handelsstreitigkeiten. Insbesondere gilt es, die Zinsentwicklung in den Vereinigten Staaten weiter im Auge zu behalten: Sollte sich die Handelsdebatte legen, dürften US-Zinsen wieder steigen, die zuletzt wegen der Risikoaversion gefallen sind. Insgesamt könnten Schwellenländeraktien aber für entsprechend risikobereite Anleger eine interessante Beimischung im Depot darstellen. Dabei scheint eine breite Streuung des Kapitals über verschiedene Regionen und Branchen innerhalb der Ländergruppe ratsam.

Ulrich Stephan ist Chef-Anlagestratege für Privat- und Firmenkunden der Deutschen Bank.

06.07.2018 | 15:18

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