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Stürzt China die Welt in eine neue Finanzkrise?

(Bild: fotolia / jamdesign)


Seit Monaten fallen an Chinas Börsen die Kurse. Wie die vergangenen Wochen zeigen mit zunehmendem Tempo. Hunderte Milliarden an Börsenwert wurden so seit Beginn des Jahres vernichtet. Schuld daran ist der Handelskonflikt mit den USA. Aber nicht nur aufgrund seiner unmittelbaren Folgen, sondern auch weil er aufdeckt, was die Chinesen schon lange versuchen mit allen Mitteln zu verschleiern. Die Wirtschaft des Landes läuft nicht mehr rund. Und auf Pump.

Von Oliver Götz

Am Freitag hat er sie genommen, die nächste Eskalationsstufe. Er, der Handelskonflikt zwischen den beiden größten Volkswirtschaften der Erde, der Volksrepublik China und den Vereinigten Staaten von Amerika. Oder sollte man inzwischen besser sagen: Er, der Handelskrieg? Denn was mit eher harmlosen US-Zöllen auf Stahl und Aluminium begann, hat sich inzwischen zu einem den wirtschaftlichen Weltfrieden bedrohenden Mega-Duell entwickelt, in dem weder Donald Trump noch Chinas Präsident Xi Jinping ihr Gesicht verlieren wollen. Droht der eine, droht der andere. Macht der eine sein Drohung war, folgt der andere nach. So auch am Freitag, als Trumps angekündigte Strafzölle auf verschiedenste chinesische Einfuhren im Wert von 34 Milliarden Dollar in Kraft traten und China gleichzeitig mit Gegenzöllen in derselben Höhe reagierte.

Bereits zuvor hatte Trump angekündigt in diesem Fall erneut Vergeltung üben zu wollen und Zölle im Wert von 200 Milliarden Dollar in Aussicht gestellt. Am Freitag stellte er nun sogar Einfuhrzölle im Wert von 500 Milliarden Dollar in den Raum, was dann schlussendlich und zum Stand von 2017 der Summe aller Einfuhren aus China in die USA entspräche. Über Antworten Chinas darauf, will man da lieber gar nicht erst nachdenken.

Es reichen schon die bisherigen. Die Volksrepublik fange nun an gezielt Technologieaktien an der Nasdaq ins Visier zu nehmen, schrieb CMC Markets-Analyst Jochen Stanzl jüngst in seinem Marktkommentar. Ein chinesisches Volksgericht ziehe nun sogar Chips taiwanesischer Hersteller denen des US-Konzerns Micron vor, obwohl sich beide Nationen „spinnefeind“ seien. Sowohl China als auch die USA prüfen den Aufbau von Investitionshürden. Insidern zufolge sollen die chinesischen Zollbehörden darüber hinaus an wichtigen Häfen bereits US-Güter zurückgehalten haben.
Es wird inzwischen also an vielen Fronten gekämpft oder zumindest ein Kampf vorbereitet. Der Wille zur Deeskalation scheint gleichzeitig in weite Ferne gerückt. Den „größten Handelskrieg der Wirtschaftsgeschichte“ hätten die Amerikaner angestoßen, kam es am Freitag aus China. Na dann – Prost. Kein Wunder, dass Anleger da überall auf der Welt zunehmend die Stirn in Falten legen.

Doch während von dieser Unsicherheit an den US-Börsen noch nicht allzu viel ankam, purzeln vor allem in China seit Beginn dieser historischen Auseinandersetzung die Kurse. Ausgehend von rund 3.550 Punkten Mitte Januar hat der Shanghai Composite Index nun schon fast 800 Zähler verloren. Besorgniserregend zudem: In den letzten Wochen beschleunigte sich der Kursverfall. Am Donnerstag erst fiel Chinas Leitindex auf den tiefsten Stand seit 2016. Mit 2.733 Punkten ist er damit nicht mehr weit von seinem Tief bei 2.650 Punkten aus dem Jahr 2015 entfernt, als in China die große Spekulationsblase platzte, und ein Marktzusammenbruch nur durch die entschiedene Intervention der Zentralbank verhindert werden konnte.

Auch wenn die Chinesen einen Großteil ihres Handelsüberschusses durch Geschäfte mit den USA erwirtschaften – etwa ein Fünftel der chinesischen Exporte gehen in die USA – kann der Handelskonflikt allein für einen solchen Kursverfall kaum verantwortlich gemacht werden. Er scheint mehr eine Art Dosenöffner zu sein. Nur eben mit Blick auf das, was man in China wohl lieber unter Verschluss gehalten hätte.

Die schwächelnde Börse nämlich dient derzeit nur als öffentlichkeitswirksames Abbild einer strauchelnden chinesischen Realwirtschaft. Seit langem schon mehren sich die Anzeichen, dass es in dem bevölkerungsreichsten Land der Welt nicht mehr so ganz rund läuft. So platzten jüngst immer mehr Kredite, die Unternehmensverschuldung nahm zu und die Aktienkäufe auf Pump stiegen auf das Niveau von 2015. Darüber hinaus bekommt auch China die Vorläufer einer wahrscheinlichen Konjunktureintrübung zu spüren, im Juni gingen sowohl der Einkaufsmanagerindex PMI als auch der Frühindikator des Wirtschaftsmagazins „Caixin“ zurück. Dass in den USA die Zinsen steigen, führt zudem vermehrt zu Kapitalflucht ins Ausland. Das wiederum setzt den Renminbi unter Druck. Die chinesische Währung hat gegenüber dem Dollar zuletzt massiv an Wert verloren. Im Juni so sehr, wie nie zuvor innerhalb eines Monats. Solange die Handelsspannungen nicht abnähmen und die FED ihre Zinserhöhungen vorantreibe, sei damit zu rechnen, dass sich die Schwäche der Währung fortsetze, glaubt Commerzbank-Analyst Charlie Lay nicht an eine baldige Erholung.

Auch ein Phänomen, das die chinesischen Märkte bereits 2015 dem Abgrund nahe brachte, rückt wieder in den Vordergrund. Immer mehr Aktien nämlich dienen in China als Pfand für Kredite. Merrill Lynch schätzte deren Wert jüngst auf rund sechs Billionen Yuan oder fast 790 Milliarden Euro, was wiederum in etwa zehn Prozent des gesamten chinesischen Aktienmarktes entspricht. „Wenn die Kurse fallen, die Eigner aber nicht genügend Kapital haben, um zusätzliche Sicherheiten zu bieten, drohen Zwangsverkäufe. Das setzt eine Negativ-Spirale in Gang: Je mehr man verkauft, desto stärker fallen die Kurse, was weitere Zwangsverkäufe nach sich zieht“, zitiert das Manager Magazin Meng Shen von der Pekinger Investmentbank Chanson & Co. In den vergangenen Monaten seien damit Aktien von mehr als 100 chinesischen Firmen ins Trudeln geraten, berichtet das Wirtschaftsmagazin weiter.

Und dann ist da ja auch noch diese gigantische Schuldenblase, die sie sich in China seit 2008 aufgebaut haben. Und die könnte – wenn sie denn platzt – die Märkte weltweit aus dem Gleichgewicht bringen. Seit der Finanzkrise sei die Bilanzsumme der chinesischen Banken um 20 Billionen Dollar gestiegen. Ende 2016 habe sie bei insgesamt 33,4 Billionen Dollar gelegen, was nicht nur 300 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung der Volksrepublik entspreche, sondern vor allem die Schuldensause von Unternehmen und Privathaushalten wiederspiegele, warnten jüngst Experten des Liechtensteiner Vermögensverwalters Incrementum in einem Beitrag. Die Bilanzsumme der US-Banken dagegen sei im selben Zeitraum „nur“ um vier Billionen Dollar gestiegen, auf 16,6 Billionen Dollar. Die gesamten Schulden der Chinesen – das wiederum prognostizierte der IWF – sollen bis zum Jahr 2022 auf 54 Billionen Dollar steigen.

Man muss kein Wirtschaftsprofi sein, um zu erkennen, dass dies gleichbedeutend mit erheblichen Risiken ist. Und die wären auch ohne Handelskonflikt da. Der könnte nun nur dazu führen, dass sich das Wachstum stärker abschwächt als angenommen, immer mehr Schulden nicht mehr bedient werden können und so das berühmte Zünglein an der Waage sein, dass das ebenso berühmte Fass zum Überlaufen bringen könnte. Die Finanzberater von Condor Capital gehen beispielsweise davon aus, dass der Anteil fauler Kredite in China immer weiter zunehmen wird und rechnen mit Kreditausfällen in Höhe von 2,7 bis 3,5 Billionen Dollar.

Da scheint es nur logisch, dass Chinas Nationale Institution für Finanzen und Entwicklung jüngst vor einer Finanzkrise warnte. Das zumindest berichtete die Nachrichtenagentur Bloomberg mit Blick auf eine Studie der Behörde, die kurz im Internet einzusehen war und dann auffällig plötzlich verschwand. „Wir denken, dass China momentan sehr wahrscheinlich eine Panik sehen wird.“, soll unter anderem in ihr zu lesen gewesen sein.

Solche Stimmen passen der chinesischen Regierung offenkundig überhaupt nicht in den Plan. So soll es zuletzt auch vermehrt zu Zensuren heimischer Medien gekommen sein. „Spielen sie den Zusammenhang zwischen Aktienmarkt und dem Handelskonflikt herunter“, zitierte die kalifornische „China Digital Times“ eine angebliche Anordnung. „Wir haben das (den Handelskonflikt) lange erwartet und uns darauf vorbereitet. Die Auswirkungen auf die chinesische Wirtschaft werden in einem kontrollierbaren Rahmen sein“, schrieb derweil Chinas bedeutende Wirtschafszeitung „Jingji Ribao“. Es scheint die Anordnung also wohl tatsächlich gegeben zu haben.

Ob sie etwas hilft? Wohl kaum. Vor allem Anleger dürften Pekings Taktikspielchen längst durchschaut haben. Anders scheinen die horrenden Kursabschläge der letzten Wochen und Monate nicht erklärbar. Und so steckt China nur noch tiefer im eigenen Schlamassel. Um aus diesem herauszukommen bleibt ihnen dort wohl zunächst nur eines übrig. Trump besänftigen. Doch wie, wenn er – so zumindest hat es den Anschein – für den Moment am längeren Hebel sitzt?

07.07.2018 | 18:31

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