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Tech-Aktien vor dem Ausverkauf?


Lange trieben die Technologie-Konzerne die Kurse nach oben. Doch jetzt lösen die FAANG-Aktien eine Talfahrt aus. Ist die glorreiche Zeit der jungen Stars schon wieder vorbei, oder kommt jetzt die große Chance für Einsteiger?

Vor kurzem waren sie noch die wertvollsten Unternehmen der Welt und lieferten sich eines der spannendsten Kopf-an-Kopf-Rennen der Finanzbranche um die Billionen-Dollar-Marke: Apple und Amazon. Zu Wochenbeginn ist die gehypte Apple-Aktie um 5,5 Prozent eingebrochen, nachdem das Zulieferer-Unternehmen Lumentum seine Gewinn- und Umsatzprognose drastisch gesenkt hat. Der Grund: Einer der wichtigsten Abnehmer, nämlich Apple selbst, habe Orders gekürzt, die im Laufe des vierten Quartals ausgeliefert werden sollten.

Mittlerweile hat Microsoft die beiden Kontrahenten überholt und auch Facebook und IBM deutlich hinter sich gelassen. Der sozialen Netzwerkplattform schadet der Datenskandal und eine schwache Wachstumsprognose, während IBM mit der 33-Milliarden-Dollar-Übernahme von Red Hat kämpft – und das, obwohl das Unternehmen eine Dividendenrendite von sechs Prozent bietet. Wie stark die Verluste der Technologie-Konzerne im vergangenen Oktober waren, zeigt ein Blick auf die Technologiebörse Nasdaq (Nasdaq 100). Allein im vergangenen Oktober verlor der technologielastige US-Börsenindex 8,7 Prozent – so viel wie in keinem Monat seit fast zehn Jahren. Jahrelang hatten die Tech-Aktien die Börsen angeheizt. Prügeln sie die Kurse jetzt wieder nach unten? Und Warum treffen die Börsenturbulenzen die  Technologie-Branche besonders hart?

Felix Herrmann, Kapitalmarktstratege beim US-Finanzinvestor Blackrock, sieht die wesentlichen Gründe für den Absturz der Tech-Werte in der Warnung des Internationalen Währungsfonds (IWF) vor erhöhten Risiken für die Finanzmärkte und in den Spekulationen über Zinserhöhungen. „Investoren sichern sich nun Kursgewinne“, meint Herrmann und ergänzt darüber hinaus: „Fundamental stehen die Unternehmen solide da, was auch das weiterhin überdurchschnittliche Weltwachstum widerspiegelt.“ Doch wie solide stehen Apple & Co. tatsächlich da? Die Bewertungen vieler Technologiekonzerne begründen sich auf Wachstumsversprechen, die gerade in unruhigen Zeiten zu einem großen Problem werden können. Cashflows werden erst nach einigen Monaten erwartet. Steigen also die Zinsen, müssen zukünftig Gewinne höher diskontiert werden, was – wie auch bei Anleihen mit langer Laufzeit – zu einer Neubewertung und Kursabschlägen führt.

Alec Young vom Indexanbieter FTSE Russel führt den Kurssturz des vergangenen Monats ebenfalls auf die Angst vor steigenden Zinsen zurück. Diese hätten vor allem für den Streaming-Anbieter Netflix gravierende Auswirkungen. Erst vor kurzem hat das Unternehmen einen hochverzinsten Junk-Bond aufgelegt, um den negativen Cashflow zu finanzieren. Der Grund: Filme, Serien und Lizenzen müssen vorab finanziert werden, spielen aber erst über Jahre Gewinnen ein. Deshalb fließt netto mehr ab, als brutto reinkommt. Laut Tuna Amobi von CFRA könnte das schnell zum Problem werden: „Steigende Zinsen könnten Netflix zunehmend anfällig für höhere Kapitalkosten machen“.

Lange Zeit galten Papiere von Tech-Unternehmen als Zugpferde der Börse. Jetzt, da sich der Börsenhimmel eingetrübt hat, möchten Anleger Kursgewinne mitnehmen. Und das geht eben besonders gut dort, wo die Gewinne am größten sind. „Technologieaktien sind in den vergangenen Jahren einfach unglaublich gut gelaufen“, sagt Joachim Schallmayer, Leiter Kapitalmärkte und Strategie der Deka-Bank. Deshalb sei es nicht verwunderlich, dass gerade Tech-Aktien in diesen Tagen verkauft werden.

Doch liegt der Negativtrend ausschließlich an externen Faktoren? Wohl kaum. Tech-Konzerne haben zwar überwiegend solide Quartalszahlen vorgelegt, aber gleichzeitig vorsichtige Wachstumsprognosen für die kommenden Monate ausgesprochen. So nennt Amazon ein Umsatzwachstum, das nur noch halb so groß ist wie am Anfang des Jahres - nämlich 15 anstatt 30 Prozent. Auch Facebook schwächelt: Während sich Gewinn pro Aktie noch im Rahmen der Börsenerwartungen bewegte, entwickeln sich Umsätze und Nutzerzahlen schlechter als prognostiziert, vor allem in Europa. Tech-Gigant Apple knackte zwar vor kurzem die 1-Billion-Dollar-Marke, bleibt aber trotzdem unter den Erwartungen der Anleger – nicht zuletzt, weil das nächste Big Thing der Kalifornier ausbleibt. Google Mutter Alphabet hat es ebenfalls erwischt, dabei waren die Zahlen gar nicht so schlecht – im Gegenteil, das Unternehmen hat die Erwartungen sogar geschlagen. Doch Anlegern gefielen die Umsatzerwartungen für die kommenden Monate nicht. Einzig und allein Netflix überrascht mit einem starken Kundenzuwachs, auch im laufenden Quartal. Das hat seinen Preis: Anleihen im Nettoumfang von 7,6 Milliarden Dollar sorgen für einen negativen Cashflow, der mit steigenden Zinsen als Bumerang zurückkommen könnte.

Für weniger pessimistische Stimmung sorgt das Ergebnis der Midterm-Wahlen in den USA. Mit der Mehrheit der demokratischen Partei im Repräsentantenhaus geht die Hoffnung einher, dass sich der vom impulsiven US-Präsidenten Donald Trump angezettelte Handelskrieg mit China beruhigt. Für Apple und Amazon, die unter den Strafzöllen leiden, sind das gute Nachrichten. Auch die Ergebnisse des Forschungsinstituts Gartner sprechen dafür, dass ein Ausverkauf der Tech-Aktien zu früh käme, denn im Wirtschaftsraum EMEA (Europa, Mittlerer Osten und Afrika) erwarten die Forscher einen Anstieg der IT-Ausgaben um zwei Prozent auf insgesamt 973 Milliarden Dollar.

Jahrelang haben die Tech-Giganten die Börse angetrieben, jetzt schwächen die FAANG-Werte die Kurse deutlich. Zwar legen Investoren immer noch viel Wert auf Aktien von Apple & CO, allerdings ist der Anteil mittlerweile so gering wie zuletzt in Zeiten der Finanzkrise 2009. Klar ist aber auch, dass die Digitalisierung der Weltwirtschaft ungebrochen ist und der Markt für Tech-Aktien deshalb langfristig stabil bleiben sollte. Kurzfristig wird der Winter für Anleger aber deutlich kälter als in den Vorjahren. Wie lang die kalte Jahreszeit dauern wird, hängt auch davon ab, wann das nächste Big Thing kommt, das das vorhandene Marktpotential ausschöpft und damit den Wachstumserwartungen der Börsianer gerecht wird. Bis dahin bieten die fallenden Kurse sicher gute Einstiegschancen für Anleger. Denn generell schätzen Analysten die Lage nach wie vor positiv ein, was die gesamte Industrie angeht – auch wenn sie gleichzeitig beginnen, die oft so luftigen Kursziele langsam nach unten zu korrigieren. Wenn Fed-Chef Jerome Powell die geplante Zinserhöhung im Dezember absagen würde, könnte sich der aktuelle Negativtrend nochmals umkehren. Wahrscheinlichkeit: gering.

Florian Spichalsky

15.11.2018 | 17:19

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