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Top-Banker sehen attraktive Einstiegschancen

(Foto: picture alliance / newscom | John Angelillo)



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JP Morgan-Analyst Marco Kolanovic hält den Markt für überverkauft. Der Aktien-Chef von Goldman Sachs, Peter Oppenheimer, glaubt an eine günstige Einstiegsgelegenheit. Sollten Anleger mutiger werden?

Seit Tagen leuchten die Anzeigetafeln an den Börsen dies- und jenseits der Atlantiks in bedrohlich anmutender Häufigkeit dunkelrot. Unter Anlegern werden die Sorgen vor einem Crash immer größer. Die hohen Inflationsraten, die Zinsanhebungen der US-Notenbank Fed, der Ukraine-Krieg, die großangelegten Corona-Lockdowns in China und die massive Störung essentieller Lieferketten haben sich zu einem Cocktail des Grauens vermengt. Die Aussichten für Aktien waren lange nicht so schlecht, heißt es nun immer öfter. Schließlich lasten nicht nur die einzelnen Zutaten auf den Gewinnen vieler Unternehmen, alles zusammengenommen steht inzwischen eine Art perfektes Rezept für eine Rezession in Europa und den USA geschrieben. All das trifft auf einen heißgelaufenen Aktienmarkt mit so manchem Einzelwert, der im Zuge der Pandemie-Rally noch vor wenigen Monaten astronomische Höhen erreicht hatte. So liegt nun auch ein Rezept für den perfekten Sturm an den Märkten offen da. Da kann man es niemandem verdenken, wenn er seine Aktien verkauft und die Gewinne aus den vergangenen Jahren versucht mitzunehmen.

Der S&P 500 ist seit Jahresbeginn um 16 Prozent gefallen. Genauso viel an Wert hat auch der Dax verloren. Der technologielastige Nasdaq100 ist sogar um 26 Prozent eingebrochen. Einzelne Titel haben inzwischen ihre Gewinne der vergangenen beiden Jahr vollständig eingebüßt. Die Amazon-Aktie ist auf dem Weg zurück zu Kursständen von vor vier Jahren. Die Netflix-Aktie hat in drei Monaten fast 70 Prozent an Wert verloren. Der Meta-Konzern (ehemals Facebook) strauchelt ähnlich bedenklich, selbst Alphabet, Apple und Microsoft musste zuletzt deutlich federn lassen.

Das Wort Crash fällt bislang erstaunlich selten bis gar nicht. Dabei ließe sich zumindest mit Blick auf die Technologie- und Wachstumswerte inzwischen bedenkenlos von einem solchen sprechen. Aktien halbieren sich in steter Regelmäßigkeit im Wert. Einige Papiere haben innerhalb von vier Monaten ihre teils erheblichen Kursgewinne aus fünf starken Börsenjahren abgegeben. Es herrscht vielleicht noch keine Panik an den Märkten, aber die Angst geht um. Täglich werden Milliarden an Börsenwert vernichtet.

Mitten in den Ausverkauf hinein sprechen zwei Top-Strategen US-amerikanischer Großbanken Anlegern nun aber Mut zu. Das könnte Kalkül sein, um die Kurse zu stützen. Schließlich haben die Banken selbst großen Interesse daran, den Abverkauf zu verlangsamen und die Märkte zu stabilisieren. Es könnte aber auch die Erfahrung zweier Top-Banker sein, die da spricht. Schließlich liegt, so abgedroschen wie es klingt, in jeder Krise eine Chance. Und gerade an der Börse, waren schlechte Zeiten für mutige Investoren im Nachhinein oft gute Zeiten. Einzig den richtigen Zeitpunkt gilt es zu erwischen. Ins fallende Messer zu laufen, gilt es zu vermeiden, einen aus emotionalen Ängsten heraus überverkauften Markt zu erkennen.

Für Peter Oppenheimer, Chef-Aktienstratege bei Goldman Sachs, könnte letzteres nun der Fall sein. „Für Anleger mit einem Anlagehorizont von sechs bis zwölf Monaten gibt es jetzt Kaufgelegenheiten“, sagte der Banker im Gespräch mit Bloomberg TV.  Der aktuelle Abverkauf berücksichtige eine große Menge an Sorgen. Diese seien kurzfristig begründet, für mittelfristig und langfristig orientierte Investoren würden einige Aktien inzwischen aber interessant. Er sei optimistisch, dass die Inflation ihr Maximum hinter sich habe. Zudem sei die Berichtsaison für das vergangene Quartal sehr stark verlaufen. Entsprechend sieht Oppenheimer über Sektoren hinweg reale Wertsteigerungen, während die Börsenwerte fallen.

JPMorgan-Analyst Marco Kolanovic empfiehlt Anlegern sogar direkt den Kauf riskanter Vermögenswerte. „Der Markt ist nach den vergangenen Wochen überverkauft“, schrieb er zu Wochenbeginn. Kolanovic setzt darauf, dass die Notenbanken weniger stark auf die Bremse treten, als von vielen Marktteilnehmern erwartet. Es sei nicht im Interesse der Notenbanken eine Rezession heraufzubeschwören und die Zinsen würden die Währungshüter auch nur widerwillig anheben, weil sie müssten. Kolanovic empfiehlt nun speziell Unternehmensanleihen, die zuletzt ebenfalls stark gefallen waren. Die Bank selbst baue ihre Position diesbezüglich aus, sagte er.

Während fast alles nach Crash schreit, machen zwei US-Banker Anlegern also Mut zum Schnäppchen-Kauf. Die Risiken, die gerade den Markt vor sich her treiben, können sie aber auch nicht wegdiskutieren. Am Ende brauchen Anleger derzeit wohl beides: die richtige Portion Angst und die das richtige Maß an Risiko.

OG

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10.05.2022 | 19:02

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