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Währungsunion – ist der Euro noch zu retten?

(Bild: Shutterstock)



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Die Parität des Euro zum Dollar, der Abgangsversuch Mario Draghis als Miniserpräsident in Italien – all das sind Anlässe, mit Sorge auf den Bestand der europäischen Währungsunion zu blicken. Krisen gab es schon zuvor. Doch diesmal kommt viel Unberechenbares zusammen. Und der Eurokurs sackt ab.

Der Währungsraum steht von vielen Seiten unter Druck. Da ist zum einen natürlich die Klemme, in der sich die Europäische Zentralbank befindet. Eine hohe Inflation in der Eurozone, die entgegen früheren felsenfesten Beteuerungen der EZB keineswegs maßvoll, und auch nicht vorübergehend auftritt, erforderte eigentlich eine energische Reaktion. Bei acht bis neun Prozent Geldentwertung sind höhere Zinsen angezeigt, und nicht nur die bislang in Aussicht gestellten 0,25 Prozent Erhöhung als erster Zinsschritt im Juli. Die Klemme aber erweist sich deutlich beim Blick auf die Staatsverschuldung, derzeit im Mittelpunkt: Italien.

Italienische Staatsanleihen werden an den Märkten mit bis zu vier Prozent Rendite gehandelt. Das ist erheblich mehr als beispielsweise für Bundesanleihen fällig ist. Eine wirksame, also starke Leitzinserhöhung durch die EZB würde Italien erheblich belasten und den Schuldendienst verteuern. In Italien, so das Bonmot, ist der Staat stets arm – der Privatsektor dagegen keineswegs; in Deutschland ist es eher umgekehrt. Hinzu kommt nun noch eine veritable Regierungskrise in Rom, mit der man so schnell nicht gerechnet hätte, ist doch Ministerpräsident Draghi sowohl gewieft also auch durchsetzungsfähig – doch die Anhänger der üblichen politischen Ränkespiele scheinen derzeit noch mächtiger.

Unterdessen handelt die US-Zentralbank Fed deutlich entschlossener, und man darf erwarten, dass sie auch ungewöhnliche Schritte unternehmen wird, um die Inflation von zuletzt 9,1 Prozent in den Griff zu bekommen. Ein wenig ironisch ist das schon – die US-Notenbank hat neben der Geldwertstabilität auch Konjunktur und Arbeitslosigkeit im Blick zu behalten, stürzt sich jedoch auf das erste dieser Ziele. Die EZB hingegen, deren allererste Pflicht die Erhaltung des Geldwertes ist, widmet sich gleichzeitig anderen Aufgaben, über deren Dringlichkeit man streiten kann. Jedenfalls begünstigt auch dies einen schwachen Euro.

Der Krieg in der Ukraine tut ein übriges. Die längerfristigen Folgen sind kaum abschätzbar, eine anhaltende Unsicherheit in Europa die wahrscheinlichste davon. Hier dient nun der US-Dollar als traditionelle Fluchtwährung weltweit und gewinnt seine Stärke vor allem aus seinem starken Ruf. Eine Zusammenballung dieser Art von dunklen Wolken lässt die vorsichtigen unter den Marktbeobachtern inzwischen Szenarien durchspielen, was bei einem Bruch der Währungsunion zu erwarten wäre. Die politischen Folgen wären sicherlich gravierend, sei es etwa, dass der Euro in zwei Währungsräume aufgespalten wird – „Nord“ und „Süd“ zum Beispiel, mit der Folge, dass die südliche Variante „weicher“ daherkommen könnte als die nördliche und damit besser an die Bedürfnisse der höher verschuldeten Staaten angepasst wäre. Der Hintergrund: Wirtschaftsforscher und politische Beobachter besinnen sich wieder auf den schon oft bemühten Geburtsfehler des Euro. Der eine gemeinsame Geldpolitik der Teilnehmer, jedoch keine gemeinsame Fiskalpolitik vorsah. Das eine ohne das andere ist riskant, die Einzelstaaten und ihre Politik und Traditionen streben einfach zu sehr auseinander.

2000/2001, 2008, 2012 und heute – die Krisenerlebnisse der Gemeinschaftswährung sind nicht eben selten. Der Euro kostete schon einmal 1,60 Dollar, aber auch 85 US-Cent. Sehr stabil klingt das nicht – aber: Untergangspropheten behielten nie recht. Nun jedoch weisen die Auguren darauf hin, dass diesmal viele Brandherde zu löschen sind. Nicht allein ein Börsencrash, eine Bankenrettung, oder ein Herauspauken Griechenlands, oder Kursturbulenzen. Elemente all dieser Erfahrungen stecken im gegenwärtigen Geschehen, und eben, wie bekannt, noch einiges dazu. Das bringt Aufwind für Crashwarner, aber auch für ernsthafte Überlegungen, wie es ganz ohne den Euro weitergehen könnte. Ein Szenario: Gesetzt den Fall, die Auflösung der Union geschähe in geordneten Bahnen, würde es zunächst einmal die Rückkehr zu den nationalen Währungen bedeuten. Erhebliche Turbulenzen würden ausbrechen allein schon deshalb, weil die schon existierenden gemeinschaftlichen Schulden, gebündelt in diversen Hilfsfonds und in der Bilanz der EZB, in irgendeiner Weise aufgeteilt werden müssten. Die geordnete Abwicklung der Währungsunion scheint keineswegs weniger kompliziert zu sein als deren Gründung.

Im Laufe dieses Prozesses käme es mit Sicherheit zu Auseinandersetzungen, und vermutlich auch zur Zahlungsunfähigkeit einiger Mitgliedsländer, die anderenfalls keine Chance hätten, ihre Schulden jemals zu bedienen, geschweige denn zurückzuzahlen. An den Finanzmärkten wären neue Anleihen für sie nur zu absurd hohen Zinsen zu plazieren. Leidtragende dieser Situation wären die privaten und staatlichen Anleihegläubiger, und über die internationalen Finanzmärkte praktisch alle westlichen Industriestaaten. Ein Zahlungsausfall mehrerer europäischer Länder hätte andere Schockwellen zur Folge als etwa die Pleite Venezuelas oder Argentiniens. Von daher würde aus dieser Form der Abwicklung eine Katastrophe – mit Run auf die Banken, Firmenzusammenbrüchen, Chaos an den Börsen, sozialen Unruhen und bitterer Rezession - um nur eine kleine Auswahl zu nennen. Das Szenario wird niemand, der noch ganz bei Sinnen ist, herbeiführen wollen. Wenn es als eine Art höhere Gewalt über Europa hereinbräche, dürfte es aber ohnehin für fein abgewogene Pläne zu spät sein.

Aber auch eine geordnete Abwicklung, gestreckt über mehrere Jahre des Übergangs, besäße als Voraussetzung eine Schuldenübernahme durch die „starken Schultern“ der Eurozone. Allen voran Deutschland. Dies ließe sich ausgestalten, so dass die stärkeren Länder von den Konkursbedrohten eine Art von Besserungsscheinen erhielten, die in einer erfolgreicheren Zukunft einen weiteren Schuldendienst vorsehen würden. Es dürfte wahrscheinlich sein, dass die entsprechenden Institutionen Europas, vor allem die nationalen Zentralbanken, Pläne für solch eine Entwicklung bereits in der Schublade haben. Und auch einen Maßnahmenkatalog, um den europäischen Partnern die Furcht vor deutscher Dominanz mit einer superstarken D-Mark zu nehmen.

Schonender wäre sicherlich die Austritt einzelner Länder aus dem Währungsverbund. Auch das ist Neuland und so nicht vorgesehen, natürlich. Vorteil eines derart schleichenden Endes der Eurozone wäre sicherlich vor allem, dass die gebündelten Ressourcen der bleibenden Mitglieder ausreichen dürften, den Neustart des jeweiligen Ex-Teilnehmers zu begleiten und selbst auch zu verkraften. Voraussetzung dieses geordneten Schrumpfungsprozesses: Es muss ein hohes Maß an gutem Willen und Übereinstimmung herrschen; was in einer krisenhaften Entwicklung nicht ohne weiteres wahrscheinlich wäre. Schon in guten Zeiten beklagt man den herrschenden Egoismus in der Union.

Vielen Planspielen ist gemeinsam, dass sie Deutschland als Gewinner einer Rückkehr zu nationalen Währungen sehen. Das ist jedoch nicht ausgemacht. Eine Rückkehr zur D-Mark kann man erst bewerten, wenn denn der Umtauschkurs zum dann alten Euro feststeht – und wie viel Geld man zu diesem Kurs umtauschen darf, Staffelungen und unterschiedliche Umtauschkurse dafür sind wahrscheinlich. Man darf davon ausgehen, dass eine neue D-Mark zu den stärkeren Währungen gehören würde und es ein starkes ausländisches Interesse an Geldanlagen in Mark geben dürfte, womöglich einen Run auf deutsche Investments. Damit einhergehend aber eine starke Aufblähung der Geldmenge und mithin – Inflation. Schulden dagegen, die noch in Euro zu zahlen wären, würden leichter tragbar. Importe würden günstiger, zunächst, je nach Inflationsentwicklung. Ein Nachfrageschock für deutsche Exporteure ist die andere Seite dieser Medaille.

Für deutsche Sparer und Anleger, die stets vorbereitet sein wollen, könnte es sich auszahlen, wenn sie ihre Gelder auch in internationalen Papieren und Währungsräumen angelegt haben, etwa in Schweizer Franken oder US-Dollar, statt nur in Euro. Zumal ein hoher Umtauschkurs in D-Mark eben nicht für jede Art von Vermögen und in jeder Höhe vorstellbar ist. Der Erwerb von Immobilien im Ausland kann ebenfalls ein Ruhepolster sein für die absehbar turbulenten Zeiten, sollte es zum Crash kommen.  Wer sich dieser Tage mit seinem Vermögen aus der Eurozone verabschieden will, hat natürlich bereits einen ungünstigen Zeitpunkt erwischt – der Euro hat dieses Jahr schon zwölf bis zwanzig Prozent verloren, je nach Vergleichswährung. Ein weiterer Kursverlust ist wohl wahrscheinlich. Dennoch – jede Finanzwette gegen den Euro findet derzeit noch ihre Grenze in der Wahrscheinlichkeit, mit der die EZB für ihre Währung kämpfen wird. Ab wann sie ihre „Instrumente“ auspackt, weiß niemand, aber schon einmal holten sich Anti-Eurospekulanten mit ihren Wetten eine blutige Nase: Als Mario Draghi 2012 sein „Whatever it takes“ verkündete. Man glaubte ihm, und damit war das Ziel, der Schutz des Euro, schon erreicht. Bis zum nächsten Mal.

Reinhard Schlieker

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18.07.2022 | 07:57

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