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Warum das Jahresende turbulent werden kann

Wohin geht die Reise an den Märkten? (Foto: Travis Wolf / Shutterstock.com)


Ein starkes und fast historisches Börsenjahr liegt fast hinter uns. Ausgerechnet auf den letzten Metern könnten die beeindruckenden Performances nun aber ins Stocken geraten. Wer eine Jahresendrally erwartet, könnte enttäuscht werden. Sollten Anleger lieber ihre Gewinne sichern?

Von Dr. Eckhard Schulte, Vorstandsvorsitzender MainSky Asset Management

„US-Präsident Trump will Teilabkommen mit China bald besiegeln“, so lautete noch im Oktober eine Meldung aus Washington, in einer anderen ließ Peking verkünden, die Gespräche „liefen reibungslos“ und man würde „wie ursprünglich“ geplant Mitte November auf dem APEC-Gipfel in Chile Phase Eins eines Handelsabkommens unterzeichnen. Heute nun, zwei Monate später wissen wir, dass erstens der Gipfel in Chile nicht stattfand und dass es zweitens wohl mindestens noch bis ins neue Jahr dauern wird, bis ein Teilabkommen zu den zukünftigen Handelsbeziehungen zwischen den USA und China ausverhandelt sein dürfte. Und dass nicht nur, weil man einen Ausweichort für die Unterzeichnung sucht, sondern eher, weil sich beide Parteien noch nicht so angenähert haben, wie sie es den Rest der Welt und die Finanzmärkte mit zahlreichen Wasserstandsmeldungen glauben lassen wollten.
 
Die Quittung gab es in der vergangenen Woche: auf die fast schon überschwängliche Euphorie über einen bevorstehenden Deal folgten Ernüchterung und ein Ausverkauf sowohl an der Wall Street als auch an der Frankfurter Börse. Diese, wenn auch nur kleine Korrektur war auch deshalb berechtigt, da bis heute lediglich jede Menge Hoffnung auf eine baldige Lösung des nun schon zwei Jahre andauernden Konflikts die Aktienkurse getragen hat, Fakten dagegen blieben Fehlanzeige. Außerdem sollte nicht vergessen werden, dass bereits ein sehr starkes und schon fast historisches Börsenjahr 2019 hinter uns liegt. Wer also jetzt noch eine Jahresendrally erwartet, könnte enttäuscht werden. Was aber nicht heißt, dass wir mittel- bis langfristig kein Potenzial mehr für die Aktienmärkte sehen. Im Gegenteil.

Notenbanken als Feuerlöscher

Denn eines hat sich während der Dauer des Handelsstreits geändert. Die Notenbanken sind ein erneut als Feuerlöscher unterwegs und haben bislang schlimmere Abstürze am Aktienmarkt nach diversen Tweets aus dem Weißen Haus erfolgreich verhindert. Mehr noch: Angesichts der zunehmenden globalen Liquidität und des mittlerweile wieder dynamischen Geldmengenwachstums haben sich die Aussichten für Aktien stark verbessert. Denn in der Vergangenheit hat eine solche Konstellation zuverlässig die Unternehmensgewinne positiv beeinflusst. Der Anfang der 2000er Jahre und die Zeit nach der Finanzkrise sind sehr gute Blaupausen für die aktuell vorherrschenden Rahmenbedingungen. Grünes Licht also zumindest schon mal von dieser Seite für ein wieder anziehendes Gewinnwachstum in den Unternehmen.
 
Für eine breite Fortsetzung des Bullenmarktes müssen sich allerdings auch die tatsächlichen fundamentalen Rahmendaten endlich verbessern. Anfang November haben wir bereits davor gewarnt, dass die Aktienmultiplikatoren nicht in diesem Tempo weiterwachsen können und werden. Aufgrund der weiter gestiegenen Kurse ist diese Vorsicht nun noch stärker geboten. Wirtschaftswachstum und Erträge müssen sich jetzt zeitnah verbessern, um die weiter steigenden Börsenbewertungen der Unternehmen zu rechtfertigen.
 
Dafür gibt es einerseits zwar erste zaghafte Signale. So haben wir in den zuletzt veröffentlichten Einkaufsmanagerindizes aus China, den USA und auch der Eurozone eine Stabilisierung gesehen. Und am vergangenen Freitag hat der US-Arbeitsmarkt ein weiteres Mal seine Robustheit bestätigt. Auch in unseren Modellen erkennen wir vermehrt Anzeichen dafür, dass die Talsohle im Welthandel erreicht sein könnte. Optimistisch stimmt uns zudem die wirtschaftliche Erholung in den Schwellenländern. Aber was das kleine Pflänzchen einer konjunkturellen Erholung jetzt gar nicht gebrauchen kann, sind weitere Strafzölle und eine erneute Eskalation des Handelskonflikts.

Achterbahnfahrt rund um die Feiertage?

Die nächste Frist läuft Ende der Woche ab. Sollten die von den USA angedrohten Strafzölle auf chinesische Waren im Wert von 160 Milliarden US-Dollar tatsächlich in Kraft treten, dürfte eine Reaktion der Chinesen nicht lange auf sich warten lassen. Die Spirale aus Maßnahmen und Gegenmaßnahmen würde sich wieder in Gang setzen. Und die Jahresendrally an der Börse wäre endgültig abgesagt. Das Börsenjahr könnte dann durchaus so enden wie das letzte, als sich die Märkte rund um die Feiertage auf Achterbahnfahrt begaben. Bevor dann beide Verhandlungspartner den Pokertisch höchstwahrscheinlich wieder verlassen und den Optimismus aus dem Herbst wieder aufleben lassen. Wir dürfen schon jetzt darauf gespannt sein, wo und wann man dann für die wohl historische Unterschrift zusammenkommen will.

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13.12.2019 | 14:11

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