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300.000.000.000.000 US-Dollar! Wie gefährlich ist die rasant steigende globale Schuldenlast?

(Bild: picture alliance/dpa | Boris Roessler)



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Die Pandemie hat die Schuldenlast der Staaten eskalieren lassen. Die Finanzwirtschaft meldet historische Kreditrekorde. OECD, IWF und BIZ warnen vor Risiken. Was bedeutet das für Anleger?
 
Die globale Verschuldung ist auf ein neues Rekordhoch von fast 300 Billionen US-Dollar gestiegen. Nach Angaben des Weltbankenverbands (Institute of International Finance, IIF) stieg die weltweite Gesamtverschuldung zuletzt um 4,8 Billionen US-Dollar auf nunmehr 296 Billionen US-Dollar. Sie umfasst alle Staats-, Haushalts-, Unternehmens- und Bankschulden. Nach einem leichten Rückgang im ersten Quartal liegt der Schuldenstand damit um 36 Billionen US-Dollar höher als vor der Pandemie. „Wenn die Kreditaufnahme in diesem Tempo weitergeht, erwarten wir, dass die globale Verschuldung 300 Billionen Dollar übersteigt“, erklärte der IIF-Direktor Emre Tiftik. Am höchsten wuchs der Schuldenberg in den Schwellenländern. Hier ist die Gesamtverschuldung im zweiten Quartal gegenüber den vorangegangenen drei Monaten um 3,5 Billionen US-Dollar auf fast 92 Billionen US-Dollar gestiegen.

Große internationale Institutionen wie der Internationale Währungsfonds (IWF), die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) oder die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) haben wiederholt vor der wachsenden Verschuldung der Weltwirtschaft gewarnt. Vor allem die drastisch ausgeweiteten Staatsschulden machen den Experten Sorgen. Nach Angaben des Internationalen Währungsfonds (IWF) wird die weltweite Staatsverschuldung im Jahr 2021 auf 97,8 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts steigen. Die Folgen der Corona-Krise hat den Schuldturm enorm wachsen lassen. Als gefährlich bewerten Finanzexperten dabei die Tatsache, dass immer mehr Staatsanleihen direkt von Zentralbanken aufgekauft werden. Die Bilanzsumme ihrer Europäischen Zentralbank (EZB) hat inzwischen die verblüffende Marke von acht Billionen Euro geknackt. In der vergangenen Woche erreichte sie die Rekordsumme von 8,38 Billionen Euro. Seit Beginn der Corona-Krise ist sie in nur 21 Monaten um 3,6 Billionen Euro emporgeschnellt.

Wenn die Zentralbanken Staatsschulden einfach aufkaufen und sich den Finanzierungsbedürfnissen der Politik unterordnen, könnte das letztlich zu Währungskrisen, Kapitalflucht und steigenden Inflationserwartungen führen. Das negative Beispiel der Türkei gilt dabei als Fanal. Auch die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich warnt vor aggressiven Risikoübernahmen an den Finanzmärkten. Höhe Kreditausfälle könnten im Bankensystem Kettenreaktionen und erhebliche Schäden auslösen. Die anziehende Nachfrage nach alternativen Vermögenswerten wie Gold und Kryptowährungen ist zum Teil auf diese Befürchtung zurückzuführen.

Was bedeutet das für Anleger? Vor allem steigen die Risiken. Die Inflation kehrt zurück - und mit ihr auch wieder steigende Zinsen. Der Star-Ökonom Thomas Mayer warnt: "Die Notenbanker glauben, sie können jederzeit gegensteuern und die Zinsen erhöhen.“ Dies trügerische Ruhe könne sich schlagartig ändern. Mayer fürchtet einen neuen Finanzcrash, wenn die Zinsen steigen. „Dann fliegt uns alles ins Gesicht und die Notenbanken werden schnell wieder die Zinsen senken.“ So sei es im vierten Quartal 2018 gewesen: Als die US-Notenbank Fed begonnen habe, die Zinsen zu erhöhen, stürzten die Kurse an den Börsen ab. Fed-Chef Jerome Powell korrigierte daraufhin zügig seinen Kurs und senkte die Zinsen wieder. Den Notenbanken wird damit aber der Handlungsspielraum immer enger, das Risiko einer Vertrauenskrise immer größer.

Aktienanleger und Immobilieninvestoren sollten daher die langfristigen Renditen im Blick behalten. Der Zins ist die zentrale Größe zur Bewertung von Aktien oder Immobilien. Steigende Zinsen reduzieren den Gegenwartswert zukünftiger Einnahmen und damit in Summe den Fundamentalwert eines Assets, beispielsweise Aktien oder Immobilien. Wenn sich lange Zinsen kräftig erhöhen, dann sollte man am Aktienmarkt Gewinne mitnehmen.

In der „Washington Post“ befand Kolumnist Henry Olsen: „Das Risiko einer Inflation ist real – und es wächst.“ Das Magazin „Forbes“ sieht in den USA sogar eine „2021-Inflationspanik“ auf dem Vormarsch. Die Nachrichtenagentur Bloomberg spricht von der „unsichtbaren Kraft, die Wall Street erschüttert“ – eine Rückkehr der Geldentwertung nach der Corona-Krise könnte „alles in der Welt des Cross-Asset-Investings verändern“. Sogar von einem Inflations-„Monster“, das geweckt werde, spricht Olivier Blanchard, der Ex-Chefvolkswirt des IWF.  Die geplanten Schuldenbillionen seien „einfach zu viel“. Fazit: Anleger sollten aufpassen, kurzfristig beflügelt das viele Geld die Börsen, aber mittelfristig steigt die Inflations- und Crashgefahr.

Wolfram Weimer

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16.11.2021 | 12:33

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