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2020-2021 – keine Zeit für Börsengänge?



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Was auf dem Speisezettel steht, richtet sich häufig nach der Saison – bei Börsendebüts ist es schon manchmal ähnlich. Da gibt es Trüffel (günstig meist nur kurze Zeit), ausgeprägte Angebote diverser Kleingemüse fraglicher Haltbarkeit, und vor allem lange Phasen reiner Gurkenzeit, mitunter sehr sauer.

Von Reinhard Schlieker

Im Zeichen der herrschenden Pandemie wird man später einmal die gegenwärtige Beinahe-Flaute neuer deutscher Börsenkandidaten da irgendwo einsortieren können. Unter den wenigen, die es schafften oder in Kürze planen, daher auch Gesundheitsdienstleister: Curevac etwa, Tübinger Impfstoff-Hersteller mit Beteiligung des Bundes und mehrheitlich von SAP-Mitbegründer Dietmar Hopp finanziert, erwartet im Herbst die Zulassung seines CoVid19-Impfstoffs. Das Unternehmen forscht seit 20 Jahren an mRNA-Anwendungen und erhofft sich Durchbrüche gegen andere Geißeln der Menschheit, vor allem in der Krebsbehandlung und -impfung. Jedenfalls gewann die Aktie gleich beim Börsengang im August 2020 an die 250 Prozent und notiert seither solide beim mehrfachen des Ausgabepreises, auch wenn die Höchststände erst einmal vorbei sind.

Im kommenden Quartal wird wohl Synlab an die Börse gehen, der Laborausrüster gewinnt ebenfalls durch den Bedarf angesichts der derzeitigen Viruspandemie. Das Kunststück aller meist kleinen bis mittleren Gesundheitsdienstleister wird es sein, die Anleger von ihrem anhaltenden Erfolgsgeheimnis zu überzeugen, auch wenn die Pandemie einmal abgeklungen sein wird.

Nicht gelungen ist das kürzlich dem Lebensmittel-Lieferanten Deliveroo, der an der Londoner Börse gleich bei der Erstnotiz vor wenigen Wochen ein Drittel seines Wertes einbüßte und bis dato auch nicht wieder aufbauen konnte. Angesichts des doch bemerkenswerten Erfolges etwa des Dax-Unternehmens Delivery Hero hatte man sich in London mehr erhofft, aber professionelle Anleger winkten in großer Zahl bereits vorher ab, auch nachdem der Ausgabepreis bereits gesenkt worden war.

Die Kunst des Prüfens und des Auffindens von Unverträglichkeiten ist also die eigentliche Aufgabe für Privatanleger, ehe es ans Zeichnen neuer Kandidaten geht. Und der Blick über den nationalen Tellerrand hinaus ist, auch wenn Deliveroo hierfür eher als Kontraindikator gelten mag, besonders wichtig, denn IPO-Flaute ist kaum jemals überall gleichzeitig. Worauf man sich fast schon verlassen kann: Früher oder später taucht jemand mit dem Wort „Siemens“ im Namen auf dem Parkett auf. Das Unternehmen trennt sich alle paar Jahre, so scheint es, von einem Aktivitätenmodell, wenn auch nie so ganz. 2020 kam Siemens Energy an den Start – ohne Neuausgabe von Aktien, sondern per Zuteilung an die Siemens-Aktionäre von einer Siemens Energy-Aktie für je zwei gehaltene Siemens-Papiere. Damit hat das Geschäft mit Turbinen und Windenergie-Anlagen, noch zu 45 Prozent in etwa bei der Muttergesellschaft und deren Pensionsfonds, mehr Ausbreitungsmöglichkeiten – so die Logik. Dass Siemens mehr wert ist als die Summe seiner Einzelteile versucht man nun schon seit dem Börsengang von Infineon nachzuweisen, mit Siemens Healthineers als vorletztem Vertreter (zeitlich gesehen). Es ist wohl derzeit nicht zu erwarten, könnte aber passieren, dass eine erkleckliche Anzahl von Dax-Unternehmen eines Tages vom alten Siemens abstammen könnten. Seit einer etwas missmutigen Phase im letzten Oktober jedenfalls geht es mit Siemens Energy tüchtig bergauf.

International herrschte 2020 eine deutlich aufgeräumtere Stimmung als in Deutschland. Sowohl chinesische Hightech-Firmen als auch amerikanische Dienstleister feierten Börsenrekorde; interessant zu sehen, dass mit der chinesischen Beijing-Shanghai High Speed Railway eine offensive Eisenbahngesellschaft an den Markt ging (Hallo, Deutsche Bahn!). Mit AirBnB landete das international bekannte amerikanische Welt-Bettenhaus an der Wall Street.

Unterdessen liegen in Deutschland rund 810 Milliarden Euro auf privaten Sparkonten, als Termineinlagen und Tagesgelder herum und sehen sich selbst beim Wenigerwerden zu. Auch bei extrem vorsichtiger und konservativer Aktienanlage wäre dieses Vermögen seit Jahren im Wachsen begriffen statt zu schrumpfen. Aber das soll in Deutschland wohl nicht sein. Wer dagegen im wilden Wahn alles, was er besitzt, auf Deliveroo gesetzt hat, ist hier nicht angesprochen – aber das wäre auch mal eine Geschichte wert.

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10.04.2021 | 10:59

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