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Aktien – es gibt nichts umsonst



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Der Spruch „there is no such thing as a free lunch“, unter Wirtschaftswissenschaftlern gern zitiert, entfaltet seine wahre Inbrunst erst in der Krise; in Situationen, wo man Anlegern auch hinterherrufen könnte: „Zu früh gefreut!“. Besonders in Deutschland ist der Niedergang von Börsenkursen gern Anlass zu Spott und gar Missgunst, leben hier doch gerade einmal sechs Prozent der erwachsenen Bevölkerung mit Aktien im Depot.

Dass die Schadenfreudigen zu kurz springen, wird ihnen selbst meist gar nicht klar: Abstürzende Börsen bringen weit mehr ins Trudeln als nur sich selbst. Lebensversicherer, Bankhäuser, Investmentfondsgesellschaften – sie alle, die auch den Normalbürger als Kunden umwerben, leiden. In diesen Tagen, da der Dax sich nicht erholen kann nach dem bösen Jahresauftakt, werden aber noch weitere Zusammenhänge klar. Die Freude manches Heizölkunden und Autofahrers über günstige Mineralölprodukte geht einher mit einem Wertverlust gestandener Firmen, die als Arbeitgeber und Nachfrager einen schwereren Stand haben. Zum Beispiel BASF. Der niedrige Ölpreis gefährdet einige Geschäftszweige des großen Chemiekonzerns. In Ludwigshafen sind nicht nur Mitarbeiter und Aktionäre betroffen, wenn BASF zittert.

Die geopolitischen Folgen des dramatischen Preissturzes sind noch gar nicht abzuschätzen. Zwischen Iran und Saudi-Arabien kriselt es gewaltig, und wenn die Konfrontation anhält, haben nicht nur Rohstoffkonzerne ein Problem. Ganze Länder, meist Schwellen- und Entwicklungsländer, die außer Rohstoffen wenig zu exportieren haben, sind betroffen. Innere Unruhen könnten die Folge sein. Das ölreiche Venezuela, das sich eine weltfremde sozialistische Politik leistet, strahlt auf ganz Lateinamerika aus, wenn es dort keine lohnende Ölförderung mehr gibt.

In Deutschland wackelt der Haushalt vieler Kommunen, seit die Energiekonzerne wie RWE und EON an der Börse nur noch Schatten ihrer selbst sind. Eine spontane und aus dem Bauch heraus eingeleitete Energiewende trieb nicht nur Kapital in falsche Kanäle und förderte so die Pleiten zahlreicher Solarunternehmen, sondern zerbröselte auch das Geschäftsmodell der Energieriesen, deren Anteilseigner eben besagte Kommunen oder deren Stadtwerke sind. Börse zum Anfassen also gibt es unerfreulicherweise für die Bürger im Ruhrgebiet. Angesichts immer noch nicht beendeter Regulierungsarien („Basel xy“) verdient kaum eine Bank noch ihre Kosten, auch die EZB mit ihrer innovativen Zinspolitik wirbelt ökonomische Grundsätze durcheinander.

An der Börse kostet die Deutsche Bank so wenig wie zuletzt auf dem Höhepunkt der Finanzkrise. Andere Dax-Mitglieder kürzen oder streichen Dividenden. Wahrlich also kein Traumland für Aktionäre. Falsche Regulierung, verbohrte Regierungen, sprunghafte Entscheidungsträger – all das muss der Börsianer von heute ins Kalkül ziehen. Waren die Zeiten einmal schlimmer? Aber natürlich. Kein akuter Konflikt in Europa, das ist immerhin schon nicht geringzuschätzen. Langfristig ergeben sich Chancen, und manches ziemlich stabile Papier bringt noch Dividendenrenditen von oberhalb vier Prozent. Was John Cryan, der Deutsche-Bank-Chef, von seinen Eigentümern und Stakeholdern verlangt, ist vielleicht nicht so verkehrt: Zeit, Entschlossenheit und Geduld. Seine Bank ist ziemlich am Boden, da hat man eben sonst nichts. Anleger sollten sich neben den erwähnten Attitüden vielleicht noch eines zulegen: Ein dickes Fell.

29.01.2016 | 15:42

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