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Alibaba & Co.: Chinesische Schläge



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Um mit China ein Abkommen zu schließen, brauchte die EU gut sieben Jahre. Plötzlich verkündet wurde die Einigung an Heiligabend, zum Jahresende war dann alles beschlossen. Das Investitionsabkommen soll europäischen Firmen einen besseren Zugang zum chinesischen Markt ermöglichen, die ungeliebten Zwangs-Joint-Ventures mit einheimischen Unternehmen aufweichen und die Vorteile chinesischer Staatskonzerne verringern, die bislang noch jeden Wettbewerb gewinnen konnten, ehe er überhaupt in Gang kam.

Von Reinhard Schlieker

Für Aktionäre zum Beispiel exportorientierter deutscher Unternehmen könnte sich eine Gewinnchance ergeben, sobald sich in der Realität erweist, dass etwa Maschinenbauer und Autoproduzenten in Sachen geistiges Eigentum, Kopierschutz und Konkurrenzgestaltung auf dem riesigen chinesischen Markt bessere Startbedingungen finden. Für die Großen der Automobilbranche war aber schon bisher ihr schieres Gewicht ein Pfund beim Verhandlungsmarathon, der jeder neuen Unternehmung unweigerlich vorausgeht. Ob die Börsen eine nun vielleicht zu erwartende kleine Öffnung auch für Mittelständler honorieren werden, wenn sich die andere Seite der Waagschale nicht erkennbar erleichtert, ist erst einmal Spekulation. Denn der Negativsaldo gerade der jüngsten Zeit in China ist erheblich und wiegt schwer. Da ist zunächst einmal der Bruch aller Hongkong-Vereinbarungen und das Ende der begrenzten Demokratisierung dort.

Wirtschaftlich wird das auch Folgen haben – Hongkong hatte bislang eine eigene Bedeutung im weltweiten Finanzwesen. Während China nach dem dortigen erklärten Ende der Corona-Pandemie in Riesenschritten zulegt - so steigen etwa die Exporte dramatisch - dürfte Hongkong an Bedeutung verlieren. Ob China tatsächlich die Zwangsarbeit von Angehörigen ethnischer Minderheiten zumindest zurückfährt, wird sich weisen müssen. Zentrale Forderungen des Europaparlaments, mit einem Abkommen die Zulassung freier Gewerkschaften zu erreichen, gehört wohl ins Reich der Träume. Allerdings muss das Europaparlament dem Vertragswerk erst noch zustimmen...

Derweil zeigt Peking, was es auf die Schnelle alles anrichten kann. Der Vorzeigekonzern Alibaba des bislang dort wohlgelittenen Jack Ma kam an den Märkten geradezu unter die Räder, als die chinesische Nachrichtenagentur aus heiterem Himmel über bevorstehende Monopolermittlungen gegen Alibaba und verbundene Unternehmen munkelte. Mit in den Sog geriet zum Beispiel Tencent, ebenfalls im Westen zeitweise gehyptes chinesisches Online-Unternehmen. Gut einen Monat zuvor hatten die kommunistischen Machthaber mal eben so den Börsengang von Alibabas Finanzsparte Ant gestoppt und nun den Konzern sogar angewiesen, sein Kreditgeschäft zu begrenzen. Eine drastische Erinnerung aller Fans chinesischer Wachstumsaktien daran, dass wirtschaftliche Kennzahlen und Zukunftsaussichten reine Phantasiewerte sind, sobald es der chinesischen KP und dem autoritären Staatschef Xi Jinping beliebt, dazwischenzugrätschen. Xi Jinping, dessen Sonntagsreden vor westlichem Publikum, etwa in Davos, nur beweisen, dass er zu dreisteren Lügen in der Lage ist als man gemeinhin vermuten würde, befindet sich allerdings in einer ernsten Konfrontation mit den USA.

Das nährte die Hoffnung in Brüssel und Berlin, dass die Europäer im Windschatten ein paar gute Geschäfte machen könnten. Eine trügerische Hoffnung, wenn man das Vorgehen gegen die eigenen Erfolgsstories im Riesenreich ansieht – Alibaba-Gründer Jack Ma dürfte die Zeichen der Zeit verstanden haben und selbst seine nur verhalten geäußerten despektierlichen Bemerkungen über staatliche Banken und andere Konkurrenten künftig vermeiden. Bestrafe einen, erziehe hundert – ein Mao Tse Tung zugeschriebenes zynisches Zitat; in Chinas Gegenwart sicherlich weiterhin probates Mittel der Politik. Anleger sollten sich nicht mit-umerziehen lassen, aber aufmerksam bleiben.

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01.01.2021 | 13:40

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