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Geschäft robust, Ruf ruiniert?


Jeff Bezos wirkt beileibe nicht wie das Christkind, das wird niemand bestreiten wollen – er lässt zwar Gaben bringen, aber ob diese immer gut und mildtätig oder gar zur Erbauung geeignet sind, das darf man dann doch verneinen, und Jeff hätte wohl kaum etwas einzuwenden.

Von Reinhard Schlieker

Vielleicht nur das hier: Dank Amazon erreichten Bücher erstmals Winkel der Welt, die sie vor der Gründung des Unternehmens nicht erreichten. Das gilt inzwischen für Waschmaschinen wie Wollpullover, Geschenke und Gutscheine, und das Weihnachtsgeschäft ist für Aktionäre stets ein Zittern und Bangen, bis die Deckung des börslichen Gabentisches dann nach den Feiertagen intensiv begutachtet und bewertet werden kann. Dieses Jahr macht sich die Amazon-Aktie wieder in Richtung 2.000 Dollar auf den Weg und treibt mit ihrem Plus die ganze NASDAQ in die Höhe – Windfall Profits sozusagen für die Technologiewerte jeder Couleur. Amazon wurde da anfangs belächelt als Warenkrämer, der das Internet eigentlich nur brauchte, um Kontakt zu Kunden zu halten und auf der anderen Seite die US-Post mit Aufträgen zu versehen: Was für ein Irrtum.

Seit 1998 etwa kann man schön beobachten, wie sich der Wert einer Aktie doch immer wieder verdoppeln kann; von den rund 1,50 Dollar anno 1998 bis zum heutigen Gewicht ist das doch mehrmals passiert. Nicht wenige werden bei fünf Dollar 1999 geglaubt haben, dies sei nun die endgültige Bescherung gewesen, aber nichts da. Gründer Jeff Bezos, der in Deutschland seine ersten Gehversuche machte, indem er die Regensburger Plattform „buch.de“ übernahm, betätigt sich in seinem zweitwichtigsten Markt mittlerweile auf allen denkbaren Feldern zwischen Handel, Dienstleistung und Logistik und betreibt als Plattform-Inhaber nicht nur das Makeln zwischen selbstständigen Unternehmern und Abnehmern, sondern verwaltet auch deren Daten in der Cloud.

Wobei man davon ausgehen kann, dass nichts geschieht, ohne dass es Amazon nützt, und sei es in fernerer Zukunft. In einem ist sich Bezos übrigens treu geblieben: Gewinne schätzt er geringer ein als seine Zunftkollegen. Als Multimilliardär könne er sich das ja erlauben, heißt es, aber die Philosophie ist schon ein Begleiter seit Garagentagen. Was reinkommt, wird investiert, so das Motto, und von daher brauchte ihm auch niemand mit Dividenden oder solchen Sachen zu kommen. Das profunde Selbstbewusstsein ließ Bezos von Beginn an daran glauben, dass Kursgewinne mehr bringen würden als kleine Wohltaten quartalsweise. Nun jedenfalls, nachdem man mit Amazon-Aktien spielerisch Millionär werden konnte, wenn man sie denn am besten zwischendurch einfach lagerte wie das Unternehmen seine stapelbaren Versandgüter, nun also werden die bangen Fragen mehr und mehr, die den „Kraken“ Amazon berühren und das Alltagsleben der Kunden und Nichtkunden (falls es letztere noch in nennenswerter Zahl geben sollte).

Mithilfe seiner Sprachbox Alexa horcht Amazon in die Zimmer der Bürger, registriert, übersetzt, führt elektronische Listen und beschäftigt künstliche Intelligenz, um Erkenntnisse zu verarbeiten, nicht unähnlich Google, wo außerdem bei Suchen die Links zu Amazon praktisch immer ganz oben auftauchen (egal ob Amazon das Gesuchte nut hat oder nicht, übrigens). Ganz oben wie die Drohnen des Unternehmens, die Pakete über den Stau fliegen, oder noch weiter oben im Äther die Signale, die Film und Video und E-Books um die Welt jagen. Wenn man anfängt, tiefer ins Geschäftsmodell einzutauchen, wird einem schwindlig – besser, man durchschaut es nicht, wird sich mancher Aktionär sagen. Irgendwo da drinnen lauert der Große Plan des Jeff Bezos, hoffen die einen und fürchten die anderen. Was immer Amazon sein mag und werden wird, es gibt kein Beispiel dafür, nur dass dies nicht mehr der freundliche Sachenverschicker von nebenan ist, das weiß man inzwischen.

Fast schon sympathisch dagegen sind die bisher doch oft recht hilflosen Annäherungsversuche jener Künstlichen Intelligenz, die manchmal dumm ist wie Brot: Zum Buch über Politik werden einem weitere gleichartige empfohlen, zu gekauften Schrauben weiß das elektronische Hirn nur, dass man mehr Schrauben kaufen sollte – und nur der Hinweis auf das, was andere Kunden dazu noch so bestellten, ist irgendwie real, aber dafür braucht man nur zählen können als Computer, nicht kombinieren, oder gar simulieren, dass man denken könnte.

Aber das mitleidige Lächeln wird auch hier nach und nach vergehen, wenn die Maschinerie dazulernt, und der Mensch gewohnheitsmäßig eher nicht. Was die Anleger am Ende doch ziemlich unphilosophisch draus machen, das sieht man immer wieder an der Kurstafel.

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27.12.2019 | 17:13

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