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Auch Panikmacher sind Macher



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Untätigkeit, Stille gar, oder im Einzelfall auch Nachdenken, das sind nicht die Tugenden in der hiesigen diskutierenden Öffentlichkeit. Aber es gibt mediale Heulbojen, die richten nicht nur Schaden am guten Geschmack an, sondern tun wirklich was für die Verschlechterung der real existierenden Verhältnisse. Zu nennen seien hier solche Koryphäen wie Gesine Schwan, die sich binnen Kurzem ja gern als präsidial abgeklärt in das höchste deutsche Staatsamt wählen lassen will, und der rührende, und zum Glück normalerweise nicht so rührige DGB-Chef Sommer.

Da haben zwei mit dem Hintergrundschalmeienchor der Gysis dieser Republik gerade einmal eine richtig dunkle Diskussion losgetreten. Dumpfes Raunen vor dem Volksaufstand, wo die Geknechteten dieser Republik sich auf brennenden Barrikaden gegen den Kapitalismus erheben könnten, gibt man ihnen nicht sofort und steuerfrei ein Grundrecht auf Neuwagen – das hat gesessen in den letzten Tagen. In unserem allgemein als zivilisiert angesehenen Nachbarland Frankreich haben immerhin schon zahlenmäßig eher kleine werktätige Massen gewaltsam klar gemacht, was sie von der Schließung ihrer Fabrik halten – und damit dafür gesorgt, dass der Unternehmer bestimmt nicht wieder auf die Idee kommt, in diesem Lande eine neue zu eröffnen, wenn es denn eines Tages wirtschaftlich geraten erscheinen sollte. Derartige Selbstbeschießung des Proletariats also sehen die Arbeiterfreunde mit wohligem Schaudern voraus, nach dem Motto: „Keine Chance der Realität!“. Da haben sie aber den bewundernden Begriff vom „Macher“ wohl missverstanden – der umfasst normalerweise nicht Panikmacher. Auch wenn die natürlich etwas machen: Die alte deutsche Lust an der Depression schüren, die ja gerade in unseren Tagen so ziemlich genau das ist, was wir hier nicht brauchen können. Schade, aber wohl viel beklagt und ebenso unvermeidlich. Man darf schon mal gespannt sein, wie oft wir wieder nach den ritualhaften nächtlichen Erste- Mai-Ausfällen von Kriminellen in Berlin lesen dürfen, es handele sich bei diesen Figuren um „Kapitalismuskritiker“. Mit dem Kampf für diese schemenhafte und noch von niemandem je definierte „Soziale Gerechtigkeit“ auf dem Banner lässt sich in einer aufgeklärten Republik des 21. Jahrhunderts tatsächlich bald jede Schlechtigkeit irgendwie entschuldigen. Was tun? Wir haben im Lande jede Menge nachdenklicher Leute, die noch dazu die Grundrechenarten beherrschen. Je mehr Menschen sich deren Gedanken mal in Ruhe zu Gemüte führen, desto eher bekommen wir im Wirtschaftsleben unseres Landes endlich eine solide Grundlage, die ethisch und moralisch dauerhaft dem Unsinn, aber auch der Selbstbereicherung trotzt. Da wäre zum Beispiel in dieser Woche der recht kluge Plan des Deutschen Aktieninstituts gewesen, wie man in Krisenzeiten und vor Wahlen bitte nicht glaubt, die künftigen Rechnungen bezahlten sich selber. Dass die Demographie weiterhin ein Thema ist, hätten wir nun Krise oder nicht – denn die Zeit macht bekanntlich nur vor dem Teufel halt. Und da ist ein entwickelter Kapitalmarkt – natürlich mit den entsprechend wirksamen Regeln – eine Voraussetzung. Statt das Funktionieren der Marktwirtschaft infrage zu stellen, und dies vor allem, wo wir nun von anderen Systemen wirklich genau wissen, dass sie nicht funktionieren – ist das jedenfalls kein Beitrag zum Fortschritt in der Gesellschaft, und gerade auch nicht zum Wohlergehen der Ärmeren. Wird jemand den Mut haben, diese Gedanken auch noch in Wahlkämpfen auszusprechen? Man mag es kaum glauben. Fast erscheint einem da schon die Nachkriegszeit als eine Art Vorbild: Da ging es den Leuten wirklich schlecht. Und was taten sie? Erfanden ein Modell, das bis heute zumindest gehalten hat. Was erfinden wir?

09.11.2009 | 00:00

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