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Autos fast well done


Ehe wir auf ein den Deutschen wichtiges, womöglich gar sehr wichtiges Thema kommen, lockt eine Betrachtung in die Küche, wo bei vielen Menschen in diesem Lande ein Gerät rührt und raspelt, das ähnlich geheimnisvoll vermarktet und vertrieben wird wie ein iPhone-Prototyp: Der – one and only – Thermomix.

Von Reinhard Schlieker

TM6 ist sein Name, wer Pech hatte vor Jahr und Tag, der besorgte sich einen TM5 und ward alsbald düpiert von der Neuauflage nur Wochen später. Die Kundin wollte das Neueste, Beste, aber nicht dauernd neu bezahlen. Hätte der Vertreiber Vorwerk (unnachahmlich auf den Kern reduziert damals von Loriot, „es saugt und bläst der Heinzelmann, wo Mutti sonst nur saugen kann“), das Update ankündigen müssen? Das Landgericht Wuppertal fühlte mit den geplagten Vorwerkern und sagte: Niemand hat das Recht auf eine vorzeitige Info zu Updates – denn die Bestände müssen ja auch abverkauft werden. 1200 Euro pro Mixmaschine, da läppert sich das Lagern.

In dieser Küche wird es uns jetzt aber zu heiß, daher schnell an einen anderen Krisenherd: Noch schrecklicher sind die Folgen, wenn den Herstellern gepflegter Automobile etwas in die Parade fährt, beim Diesel etwa die Verunglimpfung der Schadstoffklasse 5, sobald eine Klasse 6 zur Verfügung steht – das ist fast wie bei Thermomix oder Windows 10. Da nimmt es nicht Wunder, dass solche Hersteller wie Daimler mit großer Spannung die neueren Verkaufszahlen zunächst erwarteten und dann dem Publikum mitteilten, wie diese Woche geschehen. Insgesamt also wurden 2.340.000 Personenwagen der Kernmarke Mercedes-Benz verkauft, weltweit und auch in Ländern, die schon ziemlich günstig mit Diesel-5-Modellen versorgt wurden, welche man in Deutschland verramschte und weiter scheel anblickt, zumal in den Ballungsräumen. Und wenn man in Stuttgart zeitweise Schnappatmung bekam darob, was unvernünftig ist und den CO2-Ausstoß beim Ausatmen intensiviert, dann war davon nun nichts mehr zu spüren.

Nur die Börse will noch überzeugt werden, wo Daimler in den letzten fünf Jahren seinen Kurs halbieren musste und erst in dieser Woche dann mal kurzzeitig die 50 Euro von unten durchbrach, was das Sprungbrett zu höheren Kursen sein könnte – dann halt vielleicht beim nächsten Mal. Immerhin hat man dem Vernehmen nach sowohl BMW als auch Audi bei den Verkaufszahlen hinter sich gelassen – wäre das auch automatisch ein Vorsprung durch Erlöse, dann könnte man die Stuttgarter Welt als geordnet betrachten und das Weltbild als intakt. Da sind aber immer noch jene Pläne, die Neu-Chef Källenius teils geerbt, teils neu durchdacht hat, nämlich 10.000 Stellen zu streichen. Wäre das möglich, ohne dass es wehtut, dann könnte man ja schließen, Daimler sei überbesetzt. Das allerdings verbietet sich nach dem „Jahr der Herausforderungen“ (Källenius über 2019). Es ist der Vorgriff auf die große Transformation, die bei den Herstellern und Zulieferern demnächst noch für spannende Unterhaltung sorgen dürfte.

Wer da abseits steht und nur im Zuschauerraum der Börse, dem sei verziehen. Wer bei Mobilität etwas anlegen will, setzt vielleicht eher auf einen Branchenindex. Oder gönnt sich was in der heimischen Küche, sobald Insiderinformationen über die nächste Thermomix-Revolution die Runde machen. Das Zusehen beim Mixen und Mantschen könnte womöglich, gar oder halbgar, ganz neue Anlageideen aufkommen lassen. Vorwerk ist allerdings nicht börsennotiert und behält alles Geld für sich alleine. Eine Schande, sicherlich, aber was will man machen.

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10.01.2020 | 15:50

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