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Die schroffe Bergwelt der Amazon-Aktie

(Stand: 5.2.2021)



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Man stelle sich vor, schroffe Klippen entlangzuwandern, tiefe Schluchten und steile Berghänge wechseln sich ab: Das wäre in etwa ein Spaziergang auf der Kursverlaufskurve der Aktie von Amazon.com. Keine großen Höhenunterschiede, trotzdem würde die Luft dünn. Denn am derzeitigen Ende des Pfades stünden allerdings Zahlen wie 3.330 - Dollar.

Von Reinhard Schlieker

Das heißt, man startet auf einer Hochebene, und nach oben scheint dennoch alles offen: Der jüngste Anstieg ist einem Manne namens Andy Jassy zuzurechnen, ein paar Quartalszahlen gab es aber auch. Jassy ist 53 und wird im Herbst Jeff Bezos, den Gründer, als Amazon-Chef ablösen. So weit, so normal; auch Bezos wird als Executive Chairman kein passives Board-Mitglied werden oder gar nur noch Zeitung lesen wie etwa die ihm gehörende Washington Post.

Das Interessante an Jassy hingegen ist das, was er bisher gemacht hat. Er leitet die Sparte AWS, Amazon Web Services. Er ist also mitnichten Buchhändler oder Werbekaufmann, sondern lebt für die und mit der „Cloud“, das rasant an Bedeutung gewinnende Business mit anderer Leute Daten beziehungsweise deren todsicherer (drunter geht es nicht) Verwahrung und Verknüpfung. In der Tat war dieses Geschäft eine Idee, die er Anfang der 2000er Jahre mit Bezos zusammen ausgeheckt hatte und 2003-2006 umsetzte. Harvard-Absolvent Jassy war seit 1997 bei Amazon, damals begann man in Deutschland gerade, das Neuland Internet zu betreten, hatte aber schon den festen Vorsatz, alle deutschen Schulen digital zu ertüchtigen. Auch ganz ohne Corona klappte das ja schon damals nicht, aber das ist eine andere Geschichte.

Amazon jedenfalls übernahm die Regensburger „Buch.de“ und formte das Pionier-Unternehmen in eine Tochter des Konzerns um, dessen bemerkenswertester Glaubenssatz neben der Überzeugung, wirklich alles verkaufen zu können, vor allem war: Bitte keine Gewinne machen. Ja, ganz richtig. Alles was reinkommt geht wieder raus, in Wachstum nämlich. Einige Chefs wurden dennoch zu Multimillionären, auch Jassy soll schätzungsweise 330 Millionen Dollar besitzen inzwischen, natürlich eine steile Klippe, von der Milliardär Bezos auf seinem alpinesken Dollarberg da auf ihn hinunterschaut.

Man darf annehmen, dass Cloud Computing ein künftiger Schwerpunkt von Amazon bleibt und sogar noch zulegt – schon heute beherrscht AWS mehr als ein Drittel der Marktkapazität vor Microsoft und Google. Die Kunden können auf Dauer oder per Buchung auf virtuelle Computer zugreifen oder auch tatsächlich vorhandene nutzen, sie bündeln und damit riesige Rechenkapazitäten nutzen, ohne selbst einen einzigen Server zu besitzen. Das Angebot richtete sich zunächst vor allem an gewerbliche Nutzer, die auf der Plattform Amazon ihr eigenes Onlinegeschäft einrichteten, und denen der Aufbau eines physischen Rechenzentrums viel zu teuer gewesen wäre. Allerdings gibt es da auch solche Kunden wie die NASA oder zum Beispiel Netflix, auf anderen Gebieten scharfer Konkurrent. AWS bietet neben den Rechnerkapazitäten Softwarelösungen an, Kundenverwaltung und allerlei mehr, was nur eines voraussetzt: Eine erschütterungsfreie Internetverbindung. Aber da sitzen ja alle im selben Boot – ohne Internet auch keine private Kundschaft. Bisherige Aussetzer kamen nur alle paar Jahre vor, 2012 zum Beispiel waren mal Reddit, Pinterest und Netflix nicht handlungsfähig, das wurde diskret behoben.

Mit solchen Kleinigkeiten wird sich Jassy kaum noch befassen können, schließlich ist das Unternehmen zunächst einmal der größte Marktplatz der Welt, verkauft oder verleiht Bücher, Elektronik, Haushaltswaren genauso wie Medikamente, betreibt physische Bioläden in den USA, sendet Filme, Hörbücher und E-Books ins Volk und unterhält es mit Musik oder einer Video-TV-Plattform (Twitch), hat Tablet-Computer im Angebot und ist wohl mit verantwortlich dafür, dass niemand, der noch ganz bei Trost ist, seine Tochter heute „Alexa“ nennen würde, denn so heißt Amazons virtueller Kammerdiener mit Mikrofon und Lautsprecher und Netzanbindung.

Ganz down-to-earth gibt man sich mit eigenen Frachtflugzeugen und berechnet zahlenden Stammkunden selbst bei schnellster Zustellung keine Liefergebühren; nur eines der Angebote des „Prime“-Service. Vermutlich kann man sich für die Zukunft einige Geschäftsfelder ausdenken, auf denen Amazon nicht ist, aber man muss sich anstrengen. Das, wie auch die eher berüchtigte als berühmte Behandlung der einfachen Mitarbeiter und auch der „freien“ Händler führt manchmal zu wenig schmeichelhaften Bezeichnungen als „Krake“, wobei Kraken nur eine begrenzte Zahl von Fangarmen besitzen. Amazon ist öfter und dauerhaft inzwischen im Fokus von Wettbewerbsbehörden weltweit, wird von der US-Regierung argwöhnisch beäugt und immer mal wieder hört man, eine Zerschlagung des Riesen sei nun aber angezeigt.

Die Aktionäre des Unternehmens könnten vermutlich sogar an einem solchen Ereignis noch verdienen, aber ausgemacht ist das natürlich nicht. Zu Amazon lassen sich auch heute noch fast nur positive Analystenstimmen vernehmen, wobei der gute Rat, „an schwachen Tagen nachzukaufen“ hier schon unfreiwillig komisch wirkt. Ein schwacher Tag bei einem Stand von über 3.000 Dollar? Nun ja, alles eine Frage des Blickwinkels. In den USA kann man – natürlich online - tatsächlich eine einzelne Amazon-Aktie zum an-die-Wand-Hängen kaufen, es gibt dann ein Faksimile, denn die Originale sind natürlich virtuell. Im nussbaumgestylten Rahmen befindet sich sodann allerdings der Beweis, dass man eingetragener Anteilseigner von Amazon.com in Seattle ist. Für den, der schon alles hat, und den Geist des Kapitalismus wehen hören möchte, ein nettes Geschenk. Und kein Neid bitte gegenüber denen, deren Papiere, wären sie denn Papier, eine Turnhalle ausfüllen könnten. Es wurde schließlich niemand gehindert, 1997 Amazon-Aktien zu kaufen, oder?

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05.02.2021 | 11:04

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