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Nehmt unser Geld, bitte!


Die Gesellschaft für Konsumforschung in Nürnberg ist eine Institution – was Quoten, Zahlen, Prozente angeht, lässt sie manchen hinter sich, der auch viel forscht, aber keineswegs diese Glaubwürdigkeit besitzt, ja mitunter schon bei bloßer Betrachtung seiner Ergebnisse mit gesundem Menschenverstand rasant an Charme verliert. Aber es soll hier nun nicht von der Bertelsmann-Stiftung die Rede sein, das wäre nämlich ein Fall für sich. Die GfK also hat die Konsumfreude der Deutschen gerade wieder gemessen und für recht strahlend befunden, immer natürlich im Angesicht der Virus-Krise und ihrer Folgen.

Von Reinhard Schlieker

Zum Teil macht man dafür die befristete Senkung der Mehrwertsteuer als Antrieb aus: Natürlich werden Anschaffungen, bei denen sich das lohnen soll, nur vorgezogen. Ob nun Sofa oder Auto, Handwerksleistung oder neue Küche: Das meiste hätte man sowieso gekauft, nur eben später. Nun aber ruft man dem Händler zu: Nimm unser Geld, und nimm es jetzt! Unter dem Strich wirkt damit nur, dass in der noch herrschenden Lähmung etwas Nachfrage entsteht, die später, nach dem Ende der Pandemie, von selbst weiterläuft. So weit die Theorie. Es handelt sich, wie es in der Natur der Sache liegt, um Konsum, nicht um Geldanlage. Der Aktienkauf unterliegt keiner Mehrwertsteuer, nur der Verkauf gegebenenfalls der Gewinnbesteuerung.

Wer sich den Konsum versagte, und beispielsweise die bis vor kurzem noch gefeierte Wirecard-Aktie kaufte, sitzt nun unschuldig im Minus – besser als hinter Gittern, wie ein großer Teil des Wirecard-Vorstands derzeit. Aber Einkaufen wäre hier besser gewesen. Denn Wirecard wollte das Geld der Leute, ohne das Versprochene zu liefern, das aus stetigem Gewinnwachstum bestanden hätte, wäre es denn wahr gewesen. Anders als der Möbelhändler des Vertrauens und der Küchenlieferant entzog sich die Leistungsbereitschaft bei Wirecard jeder Nachprüfung. Wer alles darauf hereinfiel, das ist eine bunte Mischung von Profis jeder Couleur, staatliche wie private, und der Skandal wird sich noch munter ausbreiten. Immerhin spricht die Staatsanwaltschaft München von bandenmäßigem Betrugsansatz, das könnte auch die Mafia charakterisieren.

Der flüchtige Ex-Vorstand Marsalek, der im russischen Einflussbereich untergekommen sein soll, bietet filmreife Stoffe von Agenten- bis Söldnertätigkeit, asiatisch umwittert und arabisch geheimnisvoll. Markus Braun, Ex-Chef und Großaktionär, gibt insofern Rätsel auf, als seine Motive völlig nebulös erscheinen. Wäre es ihm um Genuss ohne Reue gegangen, hätte er sich mit Milliardengewinn längst aus dem Staub machen müssen, statt äußerlich bieder und beflissen auf seinen persönlichen Haftbefehl zu warten. Wollte er ganz groß herauskommen mit seinem Fintech, dann hätte er spätestens 2015 anfangen müssen, nachzudenken: Ab da nämlich sollen die Chefs um Braun als uncharismatischstem Sektenführer aller Zeiten in tiefer Ergebenheit mit all den Bilanzfälschungen begonnen haben. Der Glaube, das ewig so weitermachen zu können, hätte viel mit Größenwahn gemein. Wobei, wenn vom Bundesfinanzministerium über BaFin, Fondsgesellschaften wie DWS, Wirtschaftsprüfer wie Ernst & Young buchstäblich alle getäuscht werden können, die eigenen Allmachtsphantasien schon gedeihen können. Fast erstaunt es inzwischen, dass Wirecard tatsächlich neben der komplexen Organisation eines Betrugsschemas noch Zeit hatte, wirkliches Geschäft zu machen. Jedenfalls waren die Mitarbeiter voll bei der Sache, wie bei einem Startup. Und doch in einem potemkinschen Dorf tätig.

Noch heute wird auch die Wirecard-Aktie noch lebhaft gehandelt und notiert um die 1,70 Euro mit heftigen Schwankungen. Das hat mit Geldanlage nicht viel zu tun – an Schwankungen verdienen zu wollen, mag ja in Ordnung sein. Allerdings bewegt sich die Aktie um einen Wert, der illusorisch erscheinen muss, spätestens im Lichte der Ereignisse der abgelaufenen Woche. Es ist als riefen die Anleger noch heute täglich: Nehmt unser Geld, bitte! Was ihr damit macht, ist egal! Wer da heimlich etwa noch auf Entschädigung durch Ernst & Young hoffen mag oder gar des Bundes in Gestalt der BaFin, der sollte schon einmal seine Erben mit ins Boot holen. Denn mindestens jahrelange Prozesse sind garantiert. Und der Staat wird unrechtmäßig erworbenen Gewinn der Akteure abschöpfen, während in der politischen Arena noch wilde Auftritte zu erwarten sind.

Ablaufmäßig bildet der Bilanzskandal um Enron 2001 eine schöne Studienvorlage (ja genau, die Amerikaner lassen sich auch hinters Licht führen). Der Skandal brachte immerhin die damals erhabene Unternehmensberatung Arthur Anderson um ihre selbständige Existenz. Und führte – mal wieder - zu strengeren Börsenregeln und Gesetzen. Was hilft’s, wenn jemand wie Wirecard nach außen hin alles einhält und erfüllt? Dem düpierten Privatanleger bleibt die zweifelhafte Freude auf steuerliche Entlastung angesichts seines Verlustes, und ansonsten die Hoffnung auf die Statistik: So eine Pleite wie Wirecard ereignet sich alle Jahrzehnte mal in diesem Ausmaß. Immerhin kann man sagen, man sei dabei gewesen.

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24.07.2020 | 10:29

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