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Das Hinterland bröckelt


Die Corona-Epidemie fordert auf vielerlei Ebenen ihre Opfer, und wer lediglich materiell eingeschränkt ist und Ersetzbares verliert, gehört zu den Glücklicheren. Allerdings gibt es auch materielle Verluste, die so schnell nicht aufholbar oder ersetzbar sind. Beispiel: Das oft beschworene Rückgrat der deutschen Wirtschaft, die mittelständischen oder Familienunternehmen.

Von Reinhard Schlieker

Ob die staatlichen Hilfsmaßnahmen zumindest brutale Abstürze verhindern helfen, wird man sehen. Was die Börsen von den zu erwartenden Erfolgen der dort notierten Aktiengesellschaften halten, sieht man überdeutlich. Einen Index für Familienunternehmen gibt es nicht – wenn man von der Sparte absieht, die ebenfalls börsennotiert sind und im GEX-Index der Deutschen Börse geführt werden. Dieser – der German Entrepreneurial Index – hat in etwa analog zum Dax ein gutes Drittel verloren, seit Corona in der Welt ist („in aller Munde“ sollte man hier wohl nicht sagen). Abgesehen von eigenproduzierten Totalausfällen wie Vapiano und auf der anderen Seite Hoffnungswerten wie Drägerwerk, Atemgerätespezialist unter anderem, verteilt sich die jüngere Kursentwicklung, zumeist als Misere, in etwa gleichmäßig auf die 25 Mitglieder. Ansonsten reicht die Palette der Betroffenheit weit. Knapp ein Drittel der Familienunternehmen sind es nur, die noch keine Kurzarbeit beantragt haben, zwei Drittel sichern sich diese überlebenswichtige Maßnahme für jetzt oder später.

Wer – so der Wirtschaftsverband der Familienunternehmer – zwei Monate ohne Einnahmen übersteht, gehört zu den Bessergestellten. Manche, vor allem Kleinunternehmer, haben keine Reserven. Natürlich trifft die gegenwärtige Lage alle Firmen, Selbstständige und Freiberufler – beim Mittelstand allerdings wäre, wenn ohne KfW- oder sonstige Hilfen das Licht in wenigen Wochen ausgeht, das Wiederanlaufen der großen Industrieunternehmen mehr als gefährdet. Die Zulieferbetriebe setzen sich aus zumeist traditionellen Mittelständlern zusammen, die dann eben entweder keine Vorprodukte erhalten oder aber einen Großteil der Kunden nicht beliefern können, weil die in einem derzeit wegen Corona geschlossenen Nachbarland beheimatet sind. Sollte die chinesische Lieferkette wieder funktionieren, was noch dauern kann, fehlt dann die Abnehmerschaft: Allein mit inländischen Aufträgen würden hoch spezialisierte Maschinenbauer zum Beispiel nicht überleben können. Solange Unternehmen wie VW oder BMW ihre Produktion heruntergefahren lassen (müssen), gibt es von dieser Seite auch keine kalkulierbare Nachfrage.

Dies alles lässt heutige Schätzungen von einem Einbruch des deutschen Bruttoinlandsprodukts 2020 von acht Prozent als durchaus denkbar erscheinen. Und da ist noch eingerechnet, dass die Volkswirtschaft nicht länger als bis Mai in etwa gelähmt bleibt. Wenn, wie dieser Tage gemeldet, Siemens Healthineers einen Corona-Schnelltest entwickelt hat, der den bisherigen Verfahren überlegen ist (Testergebnis nach drei Stunden), diesen aber nicht vor Ablauf von einigen Wochen überhaupt zugelassen bekommen wird, dann weiß man die Tugend der Geduld ganz neu zu würdigen. Der Staat, der die Rahmenbedingungen derzeit gewohnt gemächlich anpasst, und regelmäßig den Stall abschließt, nachdem die Pferde entlaufen sind, muss um sein Überleben im Gegensatz zu privaten Unternehmen nicht fürchten.

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03.04.2020 | 09:46

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