boerse am sonntag - headline

Dax, Dow & Co.: Kaufen, wenn die Kanonen hüsteln?



1822direkt Depot

Jobsalle Jobs

Das Jahr ist noch nicht sehr alt, hat aber an börsenrelevanten Ereignissen schon einiges aufzubieten. Zum Beispiel das kurze Knacken der 14.000-Punkte-Marke beim Dax-Index, was eine schöne runde Zahl ist und gemeinhin zu den „psychologisch wichtigen Marken“ gerechnet wird, was nicht unbedingt heißt, dass Anleger psychotherapeutisch betreut werden, wenn eine solche Schwelle überschritten wird, sondern einfach nur, dass es eine schöne runde Zahl ist.

Von Reinhard Schlieker

Daran orientieren sich die Leute häufig, wie man aus der Forschung weiß, werden Kauf- und Verkaufsorders gern mit runden Werten erteilt und Computer mit ebendiesen gefüttert – was wiederum Spekulanten ermutigt, beim Überschreiten der Schwelle erst recht zuzuschlagen. Nun hat der Index seit seinem Corona-Tief von 8255 Punkten vor erst gut einem Dreivierteljahr also 75 Prozent aufgeholt. Das ist eine Rendite, die man mit Staatsanleihen noch in diesem Jahrhundert nicht wird erzielen können. Beide Entwicklungen haben viel mit der Europäischen Zentralbank zu tun, die eine Flucht in Aktien nahelegt und bereits angekündigt hat, die Fluchtgründe beizubehalten – nun hat sie es so nicht gesagt, aber das sind halt die Reaktionen auf die weitere Flutung des Lebens mit selbstgemachtem Geld.

Manch einer flüchtete jüngst auch in Richtung Bitcoin und dergleichen, aber das ist eine andere, ziemlich wilde Geschichte. In den Vereinigten Staaten hätte es durchaus eine Woche werden können, die ein Kapitel zur Crashgeschichte von Dow Jones und Konsorten hinzufügt – aber es kam ganz anders. Am Tag nach dem Eindringen teils äußerst merkwürdiger Leute ins Kapitol in Washington, in deren Hinterlassenschaft sich nicht nur Schmutz und Schutt, sondern auch Schusswaffen und Rohrbomben fanden, legte der Dow-Jones-Index gleich einmal zu (kaufen, wenn die Kanonen donnern? Oder auch nur hüsteln?) und die Technologiebörse Nasdaq verzeichnete gut zweieinhalb Prozent plus. Im Wesentlichen wohl darauf zurückzuführen, dass Investmentbankern schon andere Bedrohungen unterkommen müssen als Tätowierte mit Wikingerhut oder debil grinsende Leute am Rednerpult des Parlaments, ehe sie sich ernste Gedanken machen.

Die Börsen in den USA honorierten sogleich die Tatsache, dass der künftige Präsident nun mit Brief und Siegel bestimmt wurde, und der bisherige wohl den letzten Rest an Drohpotenzial verloren hat (neben einigen anderen Dingen, die bald niemanden mehr interessieren dürften). Damit erklärt sich auch die Hausse bei den Technologiewerten: Einige Jahre lang standen die Silicon-Valley-Unternehmen unter verschärfter Beobachtung der Trump-Regierung, die sie als unpatriotisch schmähte und mit diversen geschäftsschädigenden Ankündigungen unter Druck setzte. Diese Gefahr scheint vorüber, ebenso steht in den Wünschebüchern wohl eine gewisse Entspannung gegenüber China geschrieben, so dass die auch dort produzierenden Firmen wie Apple und andere nun entlastet werden dürften. Damit steht einer Erholung, wenn man angesichts jüngster Kursrekorde davon noch sprechen kann, nicht viel im Wege – außer der Konkurrenz, versteht sich.

Gute Aussichten räumt man auch der Biotechnologie ein, wo kleinere Hoffnungsträger bei entsprechend großem Risiko als Anlageziele in den Fokus rücken. Fonds und ETFs sind auf diesem Sektor für den Privatanleger wohl ohnehin die bessere Wahl, denn bei den oft auf ein Forschungsziel ausgerichteten Startups kann es im schlimmsten Fall um die Existenz gehen. In Deutschland könnte die Stunde der Corona-Geschädigten schlagen, Reiseunternehmen etwa, sobald sich der Optimismus angesichts vielversprechender Impfzulassungen auch wieder in Buchungen niederschlägt. Von Kreuzfahrten wird schon wieder ganz öffentlich geträumt. An der Börse dann wohl auch über kurz oder lang.

Lesen Sie auch: Aktienmärkte haken Trump ab

08.01.2021 | 16:17

Artikel teilen: