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Der TUI-Rettungs-Anker-Aktionär



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Reisen bildet, wie es heißt – aber nicht notwendigerweise Vermögen. Zumindest zerrinnt es leicht, was Aktionäre von Lufthansa, ehedem mal dem Weltkonzern Thomas Cook, und jetzt wieder bei TUI erleben durften und dürfen.

Von Reinhard Schlieker

In der Corona-geprägten Gegenwart und näheren Zukunft zählen Urlaubsreisen zu dem, was man sich erträumt, aber nicht so recht genießen kann, ja mitunter nicht einmal darf. Die zahlreichen Beschränkungen dieser Tage zwingen die Reisekonzerne, zumal im traditionell reisefreudigen Deutschland mit normalerweise reichlich bezahlten Urlaubstagen, zum Lavieren und Navigieren, wie sie es sonst nicht in punkto auskömmlicher Rendite, sondern eher auf Weltmeeren und am Himmel gewohnt waren. Ironischerweise wird just zu dieser Zeit ausgerechnet der Staat, der die Leute sicherlich in bester Absicht am Verreisen hindert, zum gewichtigen Aktionär, wahrlich am Ende zum Rettungsanker-Aktionär bei TUI, wie zuvor bei Lufthansa (und Geldgeber beim Reisekonzern FTI). Wettbewerber schauen in die Röhre, aber das Erratische der Politik wird man eines Tages sicher feinsinnig erklären können, spätestens am Steuerzahler-Zahltag.

Irgendwie sieht das alles danach aus, als würde der Gärtner zum Bock gemacht – aber das ist dann eine andere Geschichte. Bei der Bahn braucht der Steuerzahler nicht einzusteigen, da ist er schon drin und ganz bei sich; als Passagier aber auch nicht mehr so viel, weshalb der Binnenverbinder von Stadt und Land in diesem Jahr sechs Milliarden Euro Verlust machen dürfte, das kommt inhaltlich irgendwie zu den Staatshilfen der börsennotierten Konzerne mit auf die Rechnung, aber immerhin mussten Einzelne nicht noch mit sich ringen, dort womöglich Kleinaktionäre zu werden. TUI allerdings erhält nun ein drittes Mal staatliche Hilfen, nachdem einem Umsatzeinbruch im zweiten Quartal um sage und schreibe 98 Prozent keine rettenden Ideen gegenüberstanden. Die Milliarden der staatlichen KfW und des ebensolchen Rettungsfonds WSW halfen, die ebenfalls in die Milliarden gehenden Verluste abzufedern.

Mit sehr gemischten Gefühlen dürfte auch der russische Oligarch Alexej Mordaschow sein Investment neuerdings betrachten, das er seit 2007 eng an sich gedrückt hält und mit immerhin knapp 25 Prozent der größte Anteilseigner ist und bleibt. Nach den Verlusten lohnt sich kein Ausstieg, oder? Eine nahende Kapitalerhöhung soll er wohl ebenfalls mitmachen wollen. Was nicht unberechtigterweise die Frage aufkommen ließ, warum der deutsche Staat soviel mehr bereitstellt (rund 4,3 Milliarden Euro) als die mehrheitlich im Ausland sitzenden privaten Aktionäre. Da spielt womöglich die Tradition hinein, die bis in die Tage der staatlichen Preußischen Hütten- und Bergwerksaktiengesellschaft (Preussag) zurückreicht, die sich neu erfand, wie man heute sagen würde, um statt in die Tiefen der Erzschächte hinab zum Himmel empor zu steigen, um dortselbst Touristen hin und her zu fliegen und zwischendrin mehr oder weniger weich zu betten. Das ist mit Firmensitz in Hannover denn auch leidlich gelungen, durch vielerlei Krisen hindurch. Man erinnert sich: Die tatsächlich pleite gegangene Thomas Cook war ebenfalls am Ende ein formal deutsches Unternehmen. Der Gründer gleichen Namens hatte 1841 begonnen, Zugreisen für Abstinenzler zu organisieren, damit diese innerhalb Englands zu Mäßigungstreffen fahren konnten – womöglich ein löblicheres Werk als heutige All-Inclusive-Ferien, aber die sind ja auch „out“. So wie Kreuzfahrten.

Die TUI-Aktie, die in jüngster Zeit wie ein etwas aus den Fugen geratener Pennystock zwischen rund zwei und sechs Euro hin- und herpendelte, reagierte auf die vergiftete Wohltat staatlicher Rettung übrigens kein bisschen euphorisch. Viel stärker wog da wohl die Analystenempfehlung der Commerzbank, übersetzt ins Umgangssprachliche, die Finger von dem Papier zu lassen. Eingeklemmt zwischen Oligarch und Berliner Staatswirtschaft, so interpretierte es die Börse, ist für den wohlmeinenden privaten Investor nicht viel zu gewinnen. Zumal sich gleich noch die Gewerkschaft „Verdi“ zu Wort meldete, nun müssten aufgrund der staatlichen Rettung auch die Arbeitnehmer etwas mehr bedacht werden, und sei es erst einmal mit Arbeitsplatzgarantien. Wenn man berechnet, wie es das „Handelsblatt“ getan hat, dass die staatliche Unterstützung sich auf rund 430.000 Euro pro Arbeitsplatz(-Inhaber) beläuft, kommt man nicht nur als Börsianer ins Grübeln. Den Älteren fällt dann auch noch Philipp Holzmann ein, und wo ist der Baukonzern nach seiner „Rettung“ geblieben? Es scheint, als seien Touristikaktien auf wohl lange Sicht nur dazu nütze, als abschreckende Beispiele zu dienen.

04.12.2020 | 12:56

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