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Die teuerste Aktie der Welt und der Kampf gegen das Bare: Berkshire Hathaway



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Strafzinsen, also eine Art Negativimpfung fürs Ersparte, treffen keineswegs mehr nur jene, die höhere fünfstellige Summen auf einem Konto herumliegen lassen, das man ehemals zum Beispiel „Sparbuch“ nannte, und das jemand aus ordentlichem Hause als Kind erhielt, um damit den Aufbau eines gewissen Vermögens zu unternehmen.

Von Reinhard Schlieker

Nun gibt es dies und ähnlich strukturierte Konto-Abarten weiterhin, auch wenn man sich den Guthabensaufbau wahrhaftig auf Dauer ersparen wird, wenn man daran festhält. Die aktuelle Inflation liegt aufs Jahr hochgerechnet bei annähernd vier Prozent, in den USA nähert die Zahl sich der sechs vor dem Komma. Kaufkraftverlust plus Strafgebühr für Guthaben sorgen für verlässliches Erreichen der Null-Linie auf dem Anlagekonto, es gibt im Internet genügend Rechner, die den Zeitpunkt der völligen Geldfreiheit für jeden Betrag kalkulieren können. Unkalkulierbar - besser gesagt aufgrund der Historie allerdings: unschätzbar - erscheint einem da zunehmend der Wert eines Aktiendepots. Auch wenn in Deutschland 90 Prozent sämtlicher Ersparnisse (noch) nicht in Wertpapiere fließen, so das Deutsche Aktieninstitut. Die anderen zehn Prozent allerdings schon, und wenn man das auf lange Sicht betrachtet, bildet sich dann mit Sicherheit eine Schere heraus, die selbstverschuldete Unmündigkeit von beherztem Griff nach Sein & Haben unterscheidet. Denn es sind keineswegs nur die bereits Wohlhabenden, deren Euros sich unter den zehn Prozent finden.

Die Schwerpunkte einer persönlichen Anlage sind naturgemäß eben persönlich, unter den zahllosen Strategien allerdings bewährt sich wieder einmal, wie dieser Tage anhand der veröffentlichten Zahlen zu bewundern, die des greisen Investors Warren Buffett aus Omaha, Nebraska, USA. Im zweiten Quartal 2021 veröffentlichte seine Firma Berkshire Hathaway – die achtgrößte Aktiengesellschaft der Welt – erneut erstaunliche Gewinnzahlen. 28,1 Milliarden Dollar blieben bei der Holding hängen – und Buffett sitzt noch immer auf so hohen Barschaften (144 Mrd. Dollar), dass er eigene Aktien zurückkauft. Für den künftigen Zukauf einer neuen Beteiligung sollte es aber wohl dennoch reichen. Wer sich beteiligen will an Berkshire, muss derzeit allerdings rund 372.000 Euro für eine Aktie (Typ A) berappen, das mag wie ein kleineres Hindernis wirken – aber es gibt da noch Teilwerte, wie etwa die Berkshire Hathaway „B“-Papiere, da reichen knapp 250 Euro für den Einstieg. Man sieht, Buffett ist auch ein wenig eigen. Aktiensplits etwa gibt es bei der teuersten Aktie aller Zeiten nicht.
Das ganz Eigene fängt bei seinem Anlagemotto schon an: Er kaufe nur, was er auch verstehe, und das auch nur zu einem vernünftigen Preis. Ein Beispiel: Er beteiligte sich schon früh an amerikanischen Airlines, kann man verstehen. Nicht aber an Flugzeugherstellern (wo mancher beim Produkt mitunter allenfalls versteht, warum das Cockpit vorne ist). Nun ist auch dieser Verständnis-Grundsatz des Mr. Buffett im Laufe der Zeit ins Wanken geraten, denn Berkshire gehören immerhin sechs Prozent von Apple, aber da ging es ihm wohl darum, den Erfolg vorherzusehen, und den kann man anhand der Produkte wohl nachvollziehen.

Für Komplizierteres zeichnet außerdem schon länger Buffetts rechte Hand Charlie Munger verantwortlich. Der Chef selbst wird in diesen Tagen immerhin 91 Jahre alt. Und hat sein Unternehmen schon länger auf den Übergang vorbereitet – angesichts des Rufes von Warren Buffett drohte ansonsten ein Börsenbeben, sollte er ausscheiden. Immerhin ist für ihn seit dem in Deutschland üblichen Ruhestandsalter rund ein Vierteljahrhundert vergangen... Munger übrigens war es auch, der schon vor dreizehn Jahren zunächst zehn Prozent des chinesischen Batterie- und Elektroautoherstellers BYD (sehr chinesisch: „Build Your Dream“) vorantrieb - Buffett versteht nichts von Autos, sagt er. Böswillig könnte man hinzufügen: …und BYD versteht nichts von Design – aber das Investment brachte bis dato allein 3.000 Prozent Gewinn. Aus älteren Tagen stammen einige Firmen, die Berkshire Hathaway vollständig gehören, darunter Duracell, Pampered Chef, Netjets oder Fruit Of The Loom. Bedeutende Beteiligungen sind traditionell Coca-Cola, Kraft Foods und immerhin 19 Prozent von American Express. Wundert sich jemand, wenn unter Buffett Firmen arbeiten, die einerseits Wohnzimmermöbel und andererseits Staubsauger herstellen?

Genau genommen passt schon der Beginn von Buffetts Unternehmungen ins Bild: Er kaufte nach einigem Hin und Her mit Hathaway nämlich eine Textilfirma, die ihre Ursprünge bis 1839 zurückführt. Das Geschäft siechte zwar dahin, aber Buffett hatte geschickt die Schwankungen der Aktie entdeckt und ausgenutzt und übernahm die ehemalige Baumwollspinnerei „Berkshire Fine Spinning Associates/Hathaway Manufacturing Co.“ 1965 schließlich ganz, um alsbald unter dem Dach zugekaufte Versicherungen anzusammeln, sein eigentliches Interesse. Der Umweg über ein schwaches, bereits börsennotiertes Unternehmen (statt direkt in Versicherungen zu investieren) habe ihn über die Jahrzehnte Milliarden an Ertrag gekostet, so Buffett einmal vor Jahren. Heute würde er vermutlich auch keines der modischen SPACs nutzen, aber Äußerungen dazu sind nicht überliefert.
Jedenfalls hat der bargeldflüchtige und bestrafungsunwillige Anleger mit Berkshire Hathaway womöglich den ungewöhnlichsten Aktienfonds der Welt vor sich. Wer es sich leisten kann, mag Berkshire den herkömmlichen Fonds oder ETFs vorziehen: Es ranken sich immerhin deutlich mehr spannende Geschichten um das Unternehmen aus Omaha, Nebraska, USA, als um jede Konstruktion einer herkömmlichen Fondsgesellschaft. Das Bargeldproblem ist außerdem elegant gelöst: Berkshire Hathaway zahlt nämlich grundsätzlich keine Dividende.

13.08.2021 | 11:53

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