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Evergrande: Außen Grandeur, innen Katastrophe?



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Andrew Edward Left ist ein aggressiver Shortseller, der in seiner Heimat USA und vor allem in China überbewertete Aktiengesellschaften sucht (und findet), deren Papiere er leer verkaufen kann, was er zumeist anschließend gern öffentlich kundtut. Zuletzt sah man ihn etwas konsterniert bei der Gamestop-Affäre, als die Shortseller in Maßen auf die Mütze bekamen. Allerdings – eine etwas größere Nummer ist da schon die chinesische Evergrande Group.

Von Reinhard Schlieker

Left und sein Vehikel „Citron Research“ gingen schon vor zehn Jahren in den Clinch mit Evergrande und in der Folge auch mit der Börse Hongkong, als Left die zweitgrößte chinesische Immobiliengesellschaft für Pleite erklärte, was natürlich übertrieben war, sich nun aber demnächst bewahrheiten könnte. Andrew Left wurde daraufhin in mehreren Verfahren vom Handel an der Börse Hongkong ausgeschlossen, was insofern für ihn ärgerlich sein dürfte, da er just zum jetzigen Kulminationspunkt seine Finger nicht in diesem Kuchen haben kann. Aber er wird schon Wege zu Wissen und Wohlstand finden.

Es bleibt außerdem festzuhalten, dass Evergrande rein gar nichts mit Ever Given zu tun hat, auch wenn letzteres für eine Weile in diesem Jahr durchaus den Eindruck einer Immobilie machte, die man irrtümlicherweise zu dicht an einem Schiffahrtskanal errichtet hatte. „Ever“ ist international offenbar ein beliebtes Attribut, für Bewegliches und Unbewegliches, sei es in China oder Taiwan, und es scheint wohl Glück bringen zu sollen.

Dies gesagt, wird man alsbald womöglich Zeuge eines Erdbebens in Zeitlupe werden. Die chinesische Regierung hat es just von sich gewiesen, Evergrande bei seinem Schuldendienst unter die Arme zu greifen, denn mehr als 300 Milliarden Dollar Verbindlichkeiten sind eine Menge Geld, die Zinsen dafür auch schon, und was, wenn das Beispiel Schule machte? Andererseits, als zuletzt ein Staat mal zeigen wollte, wo der Hammer hängt, ging Lehman Bros. pleite, und die Folgen hätte sich das US-Finanzministerium nicht schwärzer ausmalen können. Und China ist mit erratischen Regeln, einer schattigen (Geld-)Wirtschaft und unvorhersehbaren Eingriffen der Partei- und Staatsführung schon stets ein heißes Pflaster – prominentes Beispiel der Crackdown auf Alibaba und Alipay, oder der Ungnadenbeweis gegenüber dem Fahrdienstvermittler Didi und sogar seinen ausländischen Konkurrenten wie Uber.

Diesmal haben die Weltbörsen rein vorsorglich nicht nur den Kurs von Evergrande heruntergereicht, sondern ganze Indizes zurückgeholt aus dem Reich der seligen Anleger. Der Kurs der in Deutschland gehandelten Evergrande-Papiere hat in den letzten zwölf Monaten von 2,20 auf etwa 0,30 Euro nachgegeben. Da bekanntlich alles irgendwie mit allem zusammenhängt, reagierten die westlichen Börsen zu Beginn der Woche unisono mit mehrprozentigen Verlusten. Großanleger in China trennen sich von ihren Evergrande-Beteiligungen, Bau- und Rohstoffe verloren massiv. Und Evergrande ist bei weitem nicht nur im Immobiliensektor tätig. Man betreibt mit einer gewissen Grandeur diverse Freizeitparks und Versicherungen, Vermögensanlage und Streamingdienste und baut Autos, elektrische. Ein Konkurs würde zahlreiche Branchen durchwirbeln. Der Immobilienmarkt in China gilt seit Jahren als recht undurchsichtig, zahlreiche Bauträger entwickeln um die Wette – so entstanden in den letzten Jahren regelrechte Geisterstädte da, wo man künftiges Wachstum vermutete, während in den Metropolen des Ostens der Wohnraum so teuer wurde, dass sogar gut situierte Familien ihn sich nicht mehr leisten können.

Evergrande und andere wurden von der Regierung angehalten, die Immobilienpreise zu senken, was wiederum zum heutigen Dilemma beigetragen haben mag. Insgesamt sollen in China Apartments in einem Ausmaß leerstehen, dass für fast jeden Bundesbürger eines dabei wäre: Rund 65 Millionen Einheiten. Was die Börsen vor allem in Fernost an einem Evergrande-Crash fürchten, sind die Schneeballeffekte. Kreditgeber, Lieferanten, Käufer und Anleger bis hin zu den Beschäftigten und ihren Familien würden in der Folge ihren Ruin erleben, mit Auswirkungen auf die Alltagswirtschaft wie auf die Börsen. Während sich die westlichen Aktienmärkte wieder beruhigten, tüfteln Forschungsinstitute an einer vorsorglichen Bestandsaufnahme eines kommenden Desasters. Würde die chinesische Wirtschaft übers Jahr gesehen insgesamt spürbar an Wachstum einbüßen, wäre das natürlich unabhängig von allen Branchen auch eine bittere Nachricht zum Beispiel für deutsche Exporteure. Mit allen Folgen einer Finanz- und Wirtschaftskrise, deren Epizentrum diesmal auf der anderen Seite des Globus liegt, also nicht allzu weit entfernt.

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24.09.2021 | 11:45

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