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Pauschalflug ins Niemandsland



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Condor hat sich einen schlechten Zeitpunkt aussuchen müssen, um einen neuen Partner zu suchen. Die Absage der Übernahme durch die polnische LOT-Mutter war eigentlich klar, als Flughäfen weltweit in riesige Jetparkplätze umfunktioniert wurden, mit angeschlossenem Flugbetrieb auf 50er-Jahre-Niveau.

Von Reinhard Schlieker

Der Streit zwischen Condor und der polnischen Regierung, die natürlich keine Entschädigung für die Absage zahlen will, dürfte ein kleiner Nebenaspekt bleiben. In Zeiten, in denen nationale Champions am Boden stehen oder liegen, Aktienkurse der Luftfahrt so aussehen, als ob es kein Morgen gäbe und der Staat alias Steuerzahler die Daumen hebt oder senkt, mutieren ansonsten schlagzeilen- und konfliktträchtige internationale Vorgänge zu „ferner liefen“. Die Reiseindustrie eignet sich naturgemäß in einer weltweiten Pandemie nicht schön, aber gut als Beispiel für die weitreichenden Auswirkungen von Lockdown-Maßnahmen, die ein wenig an weitverzweigte mathematische Ableitungen erinnern. So etwa bedeutet die heutige Parkplatzruhe einer Lufthansa – Kursverlust in zwei Monaten: 50 Prozent – für die künftige Entwicklung: Es gibt rund um den ausfallenden Flugverkehr nichts mehr zu verdienen. Großflughafenbetreiber Fraport – Kursverlust in zwei Monaten: rund 40 Prozent – verdient weder am Betrieb noch an den Einzelhändlern am Standort, der Niedergang führt sich fort bis zum Parkhaus.

Das alles bedeutet für die Jobs: Irgendwie über Wasser halten; neue Arbeitsplätze wird es schon gar nicht geben. Die Angestellten aber sind wiederum die Ferienfluggäste etwa einer Condor. Oder wären es, wenn es im Sommer eine Entspannung geben würde – aber beispielsweise das Bundesaußenministerium sieht das nicht einmal am Horizont und warnt vor Reisen in die traditionellen Urlaubsgebiete: Die Rückkehr sei einfach ungewiss. Wer an südostasiatische Strände fliegen will im Juli oder August, bucht, falls es denn überhaupt geht, womöglich eine Reise ohne Wiederkehr; ganz Schlaue spekulieren mit einem Oneway-Ticket nach Bali auf eine staatliche Rückholaktion, und dem wollte das Ministerium gleich mal den Boden entziehen. Solcherart Krisengewinnler sind ungern gesehen – es sei denn, an der Börse. Dort scheffeln derzeit die Eigner von Pharmapapieren verglichen mit der Marktentwicklung geradezu doradohafte Gewinne, aber auch diese Spezialrallye ist riskant und womöglich nicht von Dauer. Es wird eben derzeit nur ein spezielles Medikament wirklich gebraucht, das bereits in der Entwicklung sein kann, oder auch nicht: Man weiß es erst nach langen Testreihen. Und dies wiederum verheißt für zahlreiche Branchen nichts Gutes, denn Zeit haben sie nicht, siehe Flugbranche.

Bis weltweit die Pandemie entweder ausgelaufen ist, oder ganze Länder sich für coronavirenfrei erklären können, oder aber eine zuverlässige Impfung zur Verfügung steht, wird internationaler Verkehr und auch Handel nicht wieder in gewohnten Bahnen verlaufen. Was das wirtschaftlich kann man aus den Folgen früherer Epidemien recht gut herausrechnen, und die Staatengemeinschaft wäre gut beraten, die seit der letzten Pandemie (SARS) oder erst recht der vorletzten (Hongkong-Grippe) dramatisch verbesserten technologischen Möglichkeiten zu nutzen, um Handel und Wirtschaft auf den Beinen zu halten. Billiger als Pleiten und Staatsrettungen wäre das allemal, aber die Hoffnung ist gering, siehe etwa die lang angekündigte Corona-App des Bundes: Es wird mit „Hochdruck“ daran gearbeitet, hieß es zum Wochenende wieder einmal. Das bei Politikern sehr beliebte Wort verheißt traditionell nichts Gutes, in diesem Fall: Vielleicht macht der Mai alles neu. Vielleicht auch nicht. Aber das wird eine andere Geschichte.

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17.04.2020 | 16:43

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