boerse am sonntag - headline

Boeing – 737 Maximale Sorgen



Jobsalle Jobs

Der US-Flugzeughersteller Boeing schliddert immer tiefer in die Krise. Im September hat das Unternehmen keine einzige Maschine verkauft. Und dann hat die Welthandelsorganisation der Europäischen Union in dieser Woche auch noch zugestanden, Strafzölle auf US-Waren zu erheben. Die Aussichten für Anleger: wolkig

Von Reinhard Schlieker

1916 war es schon zum In-die-Luft-gehen. Wilhelm Boeing aus Hagen hätte sicherlich auch in der Boomregion des rheinischen Industriereviers sein Auskommen gefunden, war aber 1868 in die USA ausgewandert, wo sein Sohn, dessen Vater-Land nun eine Gedenkplakette aufweist statt Industrie-Innovation, wo jener Junior also als Holzfachmann den Stoff beherrschte, aus dem vor allem Flugzeuge gebaut wurden: Neben Holz waren es Leinen und Draht. Damit konstruierte William Boeing zunächst einmal Wasserflugzeuge und später jene Clipper, die mit Bezeichnungen etwa so sexy wie heutige Teslas benannt waren, „Modell 40“ zum Beispiel.

Da Boeing auch selbst Luftverkehr betrieb, war der Run auf staatliche Aufträge eröffnet und die US Postal Services ließen Boeing, von dem heute jeder zu wissen glaubt, dass es ein uramerikanisches Unternehmen ist, Postflüge fast im Monopol anbieten, bis 1934 der erste Schiebungsskandal aufflog. Das führte zur Aufspaltung des Konzerns, die Luftverkehrsparte hieß später passend „United Airlines“, und Boeing baute „nur“ noch Fluggerät. Damit waren vor dem Zweiten Weltkrieg eigentlich alle Zutaten beisammen, die man in der heutigen Diskussion um den zuletzt glücklosen Hersteller wiederfindet: Strafen wegen Subventionen zum Beispiel. Aktuell droht die EU-Kommission: Ein internationales Schiedsgericht gestattete gerade den Europäern vier Milliarden Dollar Strafzölle auf US-Importe, falls es keine Einigung in den diplomatischen Mühen der Ebene gibt. So könnte nun also Ketchup teurer werden, weil Boeing gepampert wurde.

Das alles sind schon unerfreuliche Nachrichten für Anleger, aber fast Hintergrundrauschen gemessen an den wirklich desaströsen Entwicklungen. Wie so oft an der Börse bleiben jene Aktionäre weitgehend verschont, die schon vor Jahrzehnten eingestiegen sind, in unserem Fall gab es eine Boeing-Aktie Anfang der Siebziger für einen halben Dollar. Da sind die heutigen rund 165 Dollar ein schöner Wert – wenn, ja wenn man nicht den März 2019 betrachtet (rund 450 Dollar). Boeing liegt zwar weiterhin fast allein im Rennen, wenn es um amerikanische Rüstungsaufträge geht – vor Jahren wurde Airbus einmal, als es eine Ausschreibung gewann, unsanft wieder aus dem abgekarteten Rennen geworfen.

Aber will man auf solch einer Basis eine fundierte Anlageentscheidung treffen? Aus jeder Ecke könnte eine neue Untersuchungs- und Aufspaltungsdiskussion kommen, sobald man des Tech-Bashings überdrüssig wird und die Googles und Facebooks eingenordet worden sind. Dann nämlich käme es auf die inneren Werte an, die Holzspezialist Boeing seiner Schöpfung nicht so nachhaltig eingehaucht hatte, als es Zeit dafür gewesen wäre. Boeing verkaufte im September laut eigenen Aussagen nicht eine Maschine an Kunden, die freiwillig Kunden gewesen wären; stattdessen gab es Stornierungen bereits bestellter Flugzeuge. Das den Amerikanern allein anzulasten, wäre unfair, allerdings lauert im Hintergrund noch immer das selbstgebaute Desaster namens B-737 Max. Statt einen Siegeszug am Himmel anzutreten, forderte das hastig modernisierte Flugzeug in der neuen Version bei zwei Abstürzen 346 Todesopfer, vor allem, weil die Steuerungssoftware unbekannte Verhaltensweisen an den Tag legte, dies wiederum, da die neu verbauten großen Triebwerke einen anderen Startwinkel erforderten als frühere Versionen und dies automatisch und notfalls gegen den Willen des Piloten durchgesetzt wurde von einer Software, die den Kunden nicht groß erklärt wurde – um teure Schulungen bei den Airlines zu vermeiden. Der Geist dahinter ist derjenige der gemauschelten Postflugausschreibungen von anno dazumal: Wird schon gutgehen, und man kann ja mal ein bisschen nachhelfen. In Ethikfonds kommt Boeing damit nicht, wäre wegen der Militärmaschinen und Drohnen aber sowieso kein realistisches Ziel.

Airbus war es zuvor gelungen, mit seiner A 320 neo das Flugsegment erfolgreich zu bedienen – just nun aber, wo die B 737 Max vor der Wiederzulassung steht, ist das gesamte Luft-Business im Corona-Tiefdruck gefangen. Was drastische Kurseinbrüche ab März und nur halbherzige Erholung im Juni bedingte. Flankierend wirken die Luftverkehrsgesellschaften als Depressiva, deren viele mit staatlicher Sonderhilfe fliegen und alles an Geld zusammenhalten müssen, was sie sich borgen oder schenken lassen können. Das gewachsene Misstrauen gegen die neue B 737, die ohne Computerhilfe eigentlich gar nicht in die Luft gehen könnte, wie einige Ingenieurs- und Pilotenvereinigungen verblüfft feststellten, lässt sich in Epidemiewelten weit langsamer ausgleichen als zu normalen Zeiten. Dabei hatte Boeing mit seiner Vorstellung, dass die Zukunft bei kleineren Maschinen für direkte Verbindungen liegen würde, sogar recht gehabt. Airbus dagegen muss seine großen Flugzeuge, die für die Aufnahme von Zubringerdiensten zu großen „Hubs“ gedacht sind, in eine ebensogroße Mottenkiste endlagern.

Es hilft nichts: Heutige Boeing-Aktionäre, darunter als großer der weltgrößte private Investor Blackrock, dürften Geduld mitbringen müssen. Wird die umgerüstete B 737 ein Renner wie ihre Vorgänger, und flaut die Pandemie weltweit ab, ist wohl die Zukunft gesichert. Zunächst aber wird Boeing die 737 Max unter Wert verkaufen müssen – und die Fluggesellschaften dürften die Reaktionen von Passagieren, Piloten und Öffentlichkeit sehr genau im Auge behalten. Dass ein über hundert Jahre altes Industrieunternehmen derart durchgeschüttelt wird und ein Anteil zum Risikopapier mutiert, passiert auch nicht alle Tage. Immerhin: Für einen halben Dollar wird es eine Boeing-Aktie wohl nicht wieder geben.

Lesen Sie auch: Amazon und Apple fachen US-Tech-Rally neu an

16.10.2020 | 10:30

Artikel teilen:

-->