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IPOs und SPACs: Aktionäre! Befreit euch aus der Unmündigkeit!



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Leichter gesagt als getan, das. Rund um Börsengänge (IPO, Initial Public Offering) gibt es nicht erst seit den Zeiten des seligen Neuen Marktes, als man jede bessere oder auch nicht bessere Pommes-Bude an den Kapitalmarkt transferieren zu können glaubte, geheimnisumwitterte Insidererkenntnisse.

Von Reinhard Schlieker

Zwar mühen sich Fachblätter wie Publikumspublikationen nach Kräften, verdeckte Motive, offensichtliche Chancen und als solche verkleidete Risiken zu offenbaren (was sie dürfen und sollen, dazu unten mehr). Aber am Ende ist auch bei Börsengängen vieles einfach nur Psychologie und die kann man zu harter Münze machen oder auch nicht. Das alte, kaum noch gehörte Börsenwort des Bankiers Carl Fürstenberg: „Aktionäre sind dumm und frech. Dumm, weil sie Aktien kaufen, und frech, weil sie dann noch Dividende haben wollen“ ist in dieser drastischen Fassung wohl hoffentlich nicht wahr, ebenso wenig wie das ebenfalls von ihm stammende „Der Reingewinn ist der Teil der Bilanz, den der Vorstand beim besten Willen nicht mehr vor den Aktionären verstecken kann.“ Nun herrschten zu Zeiten Fürstenbergs in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts raue Sitten – aber selbst noch bis 1994 zum Beispiel war Insiderhandel in Deutschland kein Straftatbestand - und nur manchmal erhascht man in diesen Tagen einen Blick darauf, wie rau und auf den ersten Blick undurchsichtig sie auch am heutigen Kapitalmarkt sind, trotz zahlreicher Regulierungen und Vorschriften.

So geriet dieser Tage der bislang recht erfolglose Impfstoffhersteller Curevac in die Schlagzeilen, als Vorstandsmitglieder Millionen mit dem Verkauf eigener Aktien umsetzten – ausgerechnet in den Tagen um die Bekanntgabe dürftiger Corona-Wirksamkeitszahlen des Curevac-Impfstoffs, der damit zunächst nicht zulassungsfähig ist. Da Curevac in den USA seinen Börsengang absolvierte, gelten auch dortige strenge Regeln, was solche Verkäufe („Director’s Dealings“) angeht. Und so zeigte sich dann nach kurzer Aufregung allerorten, dass diese Aktienverkäufe lange vorher angekündigt und dann in einem genehmigten Zeitfenster umgesetzt werden müssen.

Nun kann man spekulieren, dass die Vorstände gehofft hatten, in einen Kursboom hineinzukommen, der einer vermeintlichen Zulassung wohl hätte folgen können. Dumm gelaufen ist gar kein Ausdruck. Aber, wie das Unternehmen mitteilte, waren erst zehn Prozent (!) der den Managern zustehenden Aktien überhaupt jetzt handelbar, womit nun keineswegs bei einem Verkauf von 99 Prozent der eigenen Papiere gar nichts mehr da wäre für die Zukunft. Denn da wartet ja noch ein weiterer Manager-Millionensegen, falls denn bessere Zeiten kommen… Wer die genauen Umstände nicht wissen wollte oder konnte, hat nun jedoch einen denkbar schlechten Eindruck von der Zuversicht des Managements bei Curevac. Der Kursrutsch, nochmals in dieser Woche, zeigte es. In aller Regel werden solche Geschäfte, besonders auch und gerade Käufe der Führungskräfte von Aktien des eigenen Unternehmens aufgelistet und beobachtet, denn unabhängig von sonstigen Nachrichten sind sie ein Mosaikstein des Unternehmensbildes in der Öffentlichkeit, und damit natürlich Börsennews.

Schwerer noch für Privatanleger wird die Beurteilung von Unternehmen, die direkt vor einem Börsengang stehen. Das Bemühen, sich möglichst positiv darzustellen, ist menschlich verständlich. Was da nun aber ein Beirat („Junge digitale Wirtschaft“) aus Gründerpersönlichkeiten beim Bundeswirtschaftsministerium gerade entwarf, um die Kapitalmarkt-Chancen frischer Aspiranten in Deutschland zu verbessern, führte völlig zu Recht zu einem Aufschrei: Da sollten Medien verpflichtet werden, auch über kleinste IPOs zu berichten, und das dann auch in den großen Publikationen, und wiedergeben wollte man dann solche Werke auf Firmenwebsites, ohne übliche Lizenzgebühren zu zahlen – und forderte dann auch noch eine „Disziplinierung der Presse“. Dahinter standen dann auch Forderungen, die ohnehin in den Mediengesetzen stehen (Wahrhaftigkeit, Sachlichkeit etc.) – also auf seiten der Autoren die größte anzunehmende Unkenntnis der geltenden deutschen Presserechtslage. Das Pamphlet wurde zwar sogleich zurückgezogen, lässt aber einen Blick auf die Denkweise der Urheber zu: Meinungs- und Pressefreiheit scheinen doch immer noch für manche ein schwer verständliches Konzept zu sein. Würden sich solche und ähnliche offenbar auch durch die Wirtschaftswelt wabernden Ideen verstärkt durchsetzen, wäre es für potentielle Anleger noch schwerer, die Spreu vom Weizen zu trennen.

In Zeiten von Broker-Apps, die für Aktientransaktionen eher eine Gaming-Anmutung bieten und schnell und billig Spontankäufe erlauben, wenn nicht dazu animieren, und von SPACs, die als börsennotierte Hülle erst einmal ein Schwarzes Loch sind, wird die verantwortliche Kapitalanlage nicht leichter, sondern aufwändiger: Leere Börsenmäntel wie eben die „Special Purpose Acquisition Company (SPAC)“, die den Börsengang eines Dritten ohne große Umstände ermöglichen, indem diese mit einem ausgewählten Aspiranten fusionieren, können Totalverluste produzieren – und haben das auch schon getan. Manche SPAC-Gründer waren zu diesem Zeitpunkt dann aber nicht mehr mit an Bord, die ursprünglichen Privatanleger hingegen schon. Wer erinnert sich noch an „AEG Power Solutions“? Es scheint paradox – aber in Zeiten immer neuer technischer Möglichkeiten, digital sekundenschnell verbreiteter Information und dem Austausch über unzählige Netzwerke ist der Kleinanleger in Gefahr wie vielleicht noch nie, uninformiert seine Entscheidungen zu fällen. Da wartet nun die Aufgabe der Selbstermächtigung.

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16.07.2021 | 09:16

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