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Kein Crash ist umsonst



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In den alten Zeiten, als das Wünschen noch geholfen hat, wusste natürlich niemand etwas von Tesla, oder automobiler Zukunft, oder anderen Dingen, die heute die Börsen beschäftigen. Tesla allerdings stellt sich im Moment so dar, als habe das Wünschen geholfen, sofern ein Anleger sich Rekord-Kurszuwächse gewünscht hat, so etwa im März des Jahres, als Corona reihum die Stimmungen verdarb und die Aktien samt und sonders ins tiefe Tal stürzten.

Von Reinhard Schlieker

Selbst nach einem solchen Sturz, bei so etwa 350 Dollar, lag das Papier des irgendwie außergewöhnlichen Elektromobilherstellers noch ambitioniert im Portfolio. Seither hat sich der Wert zwischendurch mal verfünffacht und macht sich erneut auf zum Hoch bei 1800 Dollar, wenn man dem Trend glaubt, dass er ein Freund ist. Tesla hatte zum Aufstieg zunächst einmal beizutragen, dass ein Gewinn hängenblieb, auch wenn der eher durch den Handel mit CO-2-Zertifikaten gestützt wurde als durch den Verkauf von Unmengen gewinnspannenreicher Fahrzeuge.

Aber so kann man das nicht sehen, meint der optimistische Anleger, der momentan die Meinungsführerschaft betreffend kalifornische Autos innehat. In der Tat wird da die sprichwörtliche Zukunft gehandelt, die bei Tesla gerade damit begonnen hat, dass man neue Fabriken aus dem Boden stampft, was sogar in Brandenburg und nahe an Berlin (ja genau, die mit dem Flughafen) geschieht, wo man Umweltskeptiker geradezu plattwalzt mit mehr Baumpflanzungen als ein Naturschützerbund sich je gewünscht hätte, mit Solardächern auf dem Gebäude und allem, was man in Brandenburg so begehren mag. Elon Musk, der Chef, der straffrei und wohl gar nicht so unwillkommen als „irrlichternd“ ansatzweise korrekt beschrieben werden kann, hat Visionen und die Angewohnheit, Rückschläge auszuhalten, sogar selbst verursachte, wenn er mal mit Katastrophenmeldungen bei Twitter auffällt oder sich zur eigenen Aktiengesellschaft so äußert, dass die Börsenaufsicht SEC in den USA Ermittlungen aufnimmt.

Momentan war es vergleichsweise ruhig geworden bis zur Ankündigung, einen Aktiensplit eins zu vier vorzunehmen, was das Papier optisch verbilligt und es auch kleineren Fangeldbeuteln ermöglicht, mehr als nur Bruchteile der teuren Aktie zu erwerben – de facto bleibt es natürlich bei Marktkapitalisierung und allen anderen Daten, aber die Optik ist halt etwas wert. So sehen das auch die Großanleger, die letztens nun den Kurs trieben gerade aufgrund dieser Neuigkeit, als sei das eine tatsächlich wertsteigernde Maßnahme, anstatt nur ein in den USA allerdings beliebtes Manöver, zu hohe Aktienpreise äußerlich zu senken. Amazon zum Beispiel geht diesen Weg nicht und lässt sein Papier ungerührt vierstellig in Dollar notieren (bei deutlich über 3000).

Sollte sich auf mittlere Sicht herausstellen, dass die ins Feld geführten Vorzüge des Unternehmens Tesla, wie etwa einsame Führerschaft bei Software, Automobiltechnologie im Elektroantrieb und bei den Batterien, nicht so uneinholbar ist wie gern gerühmt, könnte es mit der Aktie auch sehr schnell bergab gehen. Die Anhänger des Shortens haben damit allerdings schon ein paarmal danebengelegen und indirekt durch zwangsweise hektisches Nachkaufen der Aktie den Kursanstieg unfreiwillig beflügelt. Kein Crash ist, wie man weiß, umsonst, bei Tesla kostet sogar dessen Ausbleiben reichlich Spekulantengeld. Dem Unternehmen selbst bliebe nun zur Unterfütterung der wahrlich abgehobenen Ansprüche am besten eine bewährte Möglichkeit: Einfach Produkte herstellen, die Versprechen einlösen, und dies in einer Weise, dass Gewinn hängenbleibt. Ohne Visionen allerdings ginge es auch dann nicht: So viele Autos, dass damit der Unternehmenswert an der Börse vollständig gerechtfertigt würde, verträgt gar kein Markt.

So viel wert zu sein wie alle deutschen und amerikanischen Konkurrenzhersteller zusammen, ist, nun ja, eine gewisse Verpflichtung. Man darf gespannt sein, wie Tesla dieser nachkommen will. Im anderen Fall darf man auch gespannt sein: Darauf nämlich, wann die Realität den Kurs einholt. Das dürfte zum großen Teil davon abhängen, wann es die Anleger mehrheitlich beginnen, so zu sehen – dann tauchen plötzlich jede Menge gute Gründe auf, warum es realiter eben anders ist als es die Börse bis dahin gesehen hat, und man selbst wohl allerdings auch.

Wer nun zu früh verkauft, den bestraft das Börsenleben, wer zu spät kommt, den natürlich erst recht: Letzterer Fall ist erfahrungsgemäß ungünstiger. Die Psychologen forschen noch, ob entgangene Gewinne schlimmer empfunden werden als echte Verluste, aber ein Blick ins Portemonnaie liefert schnell die Antwort. Und: Mitgenommene Gewinne haben noch nie das Entstehen von Armut begünstigt, was man schließlich nicht von allen wirtschaftlichen Aktivitäten sagen kann, mit denen sich die Leute so beschäftigen.

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14.08.2020 | 08:51

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