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Astrazeneca & Co.: Wie groß ist das Kurspotenzial noch?



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Die beste Zeit für die salopp „Impfaktien“ genannten Papiere ist womöglich rein zufällig mit der beginnenden Saison grippaler Erkrankungen auf der Nordhalbkugel zusammengefallen. Im November und Dezember 2020 erlebten die breit aufgestellten Dickschiffe wie Pfizer und Astrazeneca ebenso ihre Hochs wie die Shootingstars, etwa Moderna, Curevac oder Biontech.

Von Reinhard Schlieker

Die Meldungen über erfolgreiche Impfstoffentwicklungen fielen zusammen mit der allgemeinen Hoffnung, nach erfolgter Impfkampagne die Beschränkungen in den Industrieländern wieder lockern oder aufheben zu können – was bekanntlich eher skeptisch zu betrachten ist, auch wenn diese Vorstellung reichte, viele andere Börsenwerte auf neue Hochs zu hieven. Bis auf Moderna, die mit etwa 170 Dollar nahe den Allzeithochs notieren, gab es in den letzten Monaten keine neuen Rekorde. Zu viel ist seit dem Herbst wieder fraglich geworden.

Typisch für die herrschenden Diskussionen scheint die um den Wirkstoff von Astrazeneca. Mit einer Wirksamkeitsangabe von um die 70 Prozent ist das Medikament inzwischen fast schon zum Paria unter den neuen Mitteln geworden. Astrazeneca, britisch-schwedisches Konglomerat, erlebte bereits Ende Dezember einen Kurseinbruch und erholte sich seitdem nur teilweise wieder – und auch das allerdings unter heftigen Schwankungen. In den letzten zwölf Monaten gab es niedrige Kurse um 64 Euro, und Höchststände bei 110. Im Moment sind es noch rund 85, der gegenwärtigen Debatte geschuldet. Wobei die Wirksamkeit von 70 Prozent viel negativer klingt als sie ist: Nach immer noch verbreiteter Auffassung glauben viele, dass das Medikament nur sieben von zehn Geimpften vor einer Infektion schützen könne, bei Biontech hingegen neun von zehn - was aber nicht ausgesagt ist. Die Zahl bedeutet, weitaus entscheidender, dass die Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung um diesen Prozentsatz geringer ist als bei nicht Geimpften. Und unter den bisher beobachteten Infektionen gab es keine schweren Verläufe oder gar Todesfälle.

Die Daten stammen aus Israel, sind gut belegt und könnten für einen erneuten Aufschwung auch an der Börse sorgen. Wären da nicht noch die häufiger als bei anderen berichteten – auch nur kurzfristigen - Nebenwirkungen nach der ersten Impfung. Bei der Konkurrenz, etwa Biontech mit dem kaum vergleichbaren biotechnologischen Wirkstoff soll die zweite Impfgabe bei einem Teil der Geimpften hingegen eher zu den typischen Auswirkungen der ersten Tage, wie grippeähnliche Symptome, Kopfschmerzen und Fieber führen. Da bislang weit mehr erste als bereits vollständige Impfgaben registriert wurden, hat Astrazeneca hier einen temporären Nachteil. Wobei Mediziner eine heftige Reaktion des Körpers auf die Impfung eher als Beweis sehen, dass die erwünschte Schutzwirkung eintritt, also eher ein positives Zeichen (auch wenn es für Betroffene kein großer Trost sein mag). Das würde längerfristig für die Astrazeneca-Aktie sprechen, zumal bei den verblüffenderen Firmen wie Curevac und Biontech weniger „Kaufkurse“ zu sehen sind.

Curevac, voraussichtlich erst im kommenden Dezember am Markt, sah seit dem Börsengang im vergangenen August Kurse sowohl von etwas über dreißig Euro als auch solche von 125. Das kann man fast schon als börsianisches Nervengift einordnen. Biontech und Pfizer sind derzeit wohl die „Abräumer“, nur gehandicapt durch bislang kaum erfüllbare Lieferwünsche. Biontech, ähnlich atemberaubend in den letzten zwölf Monaten zwischen 25 und 105 Euro unterwegs, notiert weit näher am Hoch mit rund 90 Euro; tägliche Schwankungen: Reichlich.

Sowohl Biontech als auch Curevac dürften aber nicht allein aufgrund der aktuellen Impfstoffentwicklung gut dastehen, sondern vor allem wegen der eingebauten Börsenphantasien, was da wohl noch alles kommen könnte aus dem Labor. Aufgrund der neuartigen Umsetzung biotechnologischer Ansätze ist die Impfsaison wohl in der Tat nur ein Probelauf für weitere Medikamente, die auf Basis von modifizierten Erbinformationen direkt über die DNA des Patienten wirken. Der gesamte Entwicklungspfad verheißt ungeahnte Möglichkeiten für maßgeschneiderte Medizin, vor allem in der Tumorbekämpfung, aber auch bei einer Seuche, die weit schlimmer, und viel ungehinderter wütet als CoVid19: Alzheimer. Wer eines Tages bei einer solchen Menschheitsplage ein Mittel anbieten kann, dürfte die Börsenwelt aus den Angeln heben. Bislang Phantasie, wie gesagt, aber die heute etablierten Börsenchampions, ob etwa im Automobilbau oder der Chemie, zwischen dem „Benz Motorwagen“ und Aspirin, waren anfangs nahezu ausnahmslos ebenfalls reine Hoffnungswerte. Allzu eilig sollte man es auf dem glatten Parkett ja sowieso nicht haben.

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19.02.2021 | 10:33

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