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Monsanto, Bayer, und die epische Schlachtordnung

(Foto: Lukassek / Shutterstock)



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Bei Bayer aus Leverkusen läuft es eigentlich ziemlich rund. Noch ist nicht aller Tage Abend, wie man so sagt, und man ist solide unterwegs. Freudig fiebern alle mit. Ach so, Verzeihung, das betrifft den Bundesligaverein Bayer 04 Leverkusen, derzeit Sechster in der Tabelle. Anders steht es um die Firma Bayer AG, Mitglied im DAX und jüngst (mal wieder) ernsthaft unter Druck.

Von Reinhard Schlieker

Ein peinlicher Abstieg steht zwar auch hier nicht zur Debatte, aber ein besonders glorreicher Tabellenplatz – das wird wohl so schnell nichts mehr. Eher schon in der Liste der Kapitalvernichter. Nach einem erneuten Rückschlag diese Woche – in den USA, wo sonst – fiel der Kurs an zwei Tagen um insgesamt acht Prozent, dabei war er auch vorher schon elend weit entfernt von den gut 125 Euro aus dem Jahr 2017. Davon sind gerade mal gut über fünfzig Euro übrig geblieben. Der Trainer, beziehungsweise Vorstandsvorsitzende Werner Baumann, lässt sich aber keineswegs auswechseln, das wäre bei den Fußballern wohl anders. Der Misserfolg hat auch nicht viele Väter, muss man sagen. Werner Baumann, heute 58, schlägt sich seit gut vier Jahren mit dem rätselhaften Kauf des amerikanischen Herstellers von Unkrautvernichtern, Saatgut und dergleichen namens Monsanto herum. Und so wird es auch bleiben. Monsanto hat wohl eines der übelsten Images der Branche weltweit, und es ist seit 2016 nur noch übler geworden.

Das Aufatmen der Aktionäre, die damals weit über 120 Dollar je Monsanto-Anteil einstreichen konnten, wehte seinerzeit wie ein heißer Hauch über den Atlantik. Das Nach-Luft-Schnappen der Bayer-Aktionäre hörte man in Gegenrichtung. Bei Bayer ist in dem Zeitraum eigentlich viel passiert, es wurde umstrukturiert, Unternehmensteile wurden abgegeben, anderes modernisiert und – fast möchte man sagen: natürlich – Stellen gestrichen. Dennoch überstrahlt das Monsanto-Debakel alles andere, und heftige Kursreaktionen lösen stets nur neueste Wirrungen um den mit an die 60 Milliarden Euro (66 Milliarden US-Dollar) teuersten Erwerb der Bayer-Geschichte aus. Ein beliebtes Spekulationsobjekt von Hedgefonds, die auf den Ausgang der zahlreichen Verfahren vor US-Gerichten wetten, in denen es um Schadensersatz für die von zigtausenden Klägern behaupteten Nebenwirkungen des Unkrautvernichtungsmittels „Roundup“ und seinem Inhaltsstoff Glyphosat geht.

Zwischendurch wurden schon mal einigen an Krebs erkrankten Anwendern zwei Milliarden Dollar zugesprochen, allerdings bald wieder als übertrieben von der nächsten Instanz kassiert. Dennoch muss Bayer damit rechnen, am Ende einen zweistelligen Milliardenbetrag für die Beilegung solcher Streitigkeiten aufwenden zu müssen. In dieser Woche nun scheiterte ein Versuch, in einem Vergleich alle künftigen Klagen abzudecken, am Unwillen von Richter Vince Chhabria, der in Kalifornien residiert und über dessen Pult so gut wie alle Monsanto-Klagen gehen. Ihm gefiel der alles-muss-raus-Vergleichsversuch der Leverkusener ganz und gar nicht, und die Bayer-Anwälte in den USA sind schon zuvor nicht durch besondere Geschicklichkeit aufgefallen. Man hätte sich durch Akzeptanz eines Warnhinweises auf der Verpackung einsichtig zeigen können (Kalifornien liebt Warnhinweise und warnt auf allen möglichen Produkten vor allem und jedem und auch dem Gegenteil); und man hätte das, was jetzt sowieso ansteht, auch frühzeitig ankündigen können: Die Einstellung des Verkaufs des glyphosathaltigen Roundup an Privatleute, denn die sind mit der nötigen Vorsicht nicht so ausgestattet wir etwa die professionelle Landwirtschaft.

Schon frühzeitig wurde klar, dass der Verweis von Bayer auf Untersuchungen, die eine krebserzeugende Wirkung von Glyphosat bei bestimmungsgemäßer Anwendung verneinten, in den USA nicht durchdringen würde. Ebensowenig die Hinweise, dass krebskranke Privatanwender das Mittel in riesigen Mengen versprüht und dabei keine Vorsicht hätten walten lassen. Die Psyche der US-Öffentlichkeit ist anders gestrickt inzwischen, und längst geht es um Summen, die zugunsten zukünftiger Kranker und derzeit noch nicht bekannter Roundup-Kunden zurückgelegt werden sollen. Durch einen Vergleich hätte sich Bayer auf zwei Milliarden Dollar festgelegt und das wäre es dann gewesen, so erträumte man es sich. Nun aber bleibt Monsanto/Bayer im juristischen Labyrinth gefangen, wird immer wieder negative Schlagzeilen produzieren, und das Wohl und Wehe hängt Mitte nächsten Jahres an der erwarteten Entscheidung des obersten amerikanischen Gerichtshofes, des Supreme Court. Wer darauf wetten will, natürlich gerne.

Auch empfehlen zahlreiche Analysten Bayer zum Kauf (da kann es sich nur um Spekulation auf eine lukrative Aufspaltung des Konzerns handeln). Für Kleinaktionäre oder liebäugelnde Bayer-Fans wäre eine Dauerkarte im Leverkusener Stadion erheblich stressfreier zu erwerben, und das Verlustrisiko ist auch begrenzt.

28.05.2021 | 12:12

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