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New Yorker Sorgen


Es wurde schnell auch für Außenstehende sichtbar, warum die USA sofort reagieren, wenn sich eine Schwäche der Wirtschaft einzustellen droht und warum alle Medien inklusive lokaler Sender und Zeitungen das Thema Börse jederzeit im Blick haben: Es ist im Wesentlichen die Altersversorgung der Amerikaner, die unmittelbar am Wirtschaftswachstum hängt. Und keine Regierung würde lange überleben, die angesichts einer solch massiven Finanz- und Vertrauenskrise nicht unverzüglich radikale Schritte einleiten würde. Deshalb traf es auch die beiden Präsidentschaftskandidaten aus heiterem Himmel – beide waren nicht darauf gefasst, auf dem Gebiet der Volkswirtschaft nun Führungsqualitäten zu zeigen. Man glaubte bei Barack Obama da die größeren Kenntnisse zu sehen, weshalb er in den Umfragen sehr schnell und sehr deutlich zulegte. Die Verbraucher jedenfalls wappnen sich gegen große Verluste bei ihren erwarteten Renten. Besonders betroffen sind jene, die kurz vor der Pensionierung stehen. Auf allen Kanälen sendet das amerikanische Fernsehen Ratgeberprogramme und gibt Tipps zum Umgang mit der Krise. Witzbolde empfehlen die Aktie von Campbell Soup, Inc. – falls es bald wieder öffentliche Suppenküchen auf Amerikas Straßen geben sollte, würde der Umsatz von Campbell alle Rekorde sprengen. Weil niemand nach dem berühmten fallenden Messer greifen will, werden kurze Erholungspausen an der Wall Street sofort zu Verkaufsgelegenheiten. Und man kann die Akteure auch verstehen: Wer seit mittlerweile zwei Wochen dem Verfall des Dow Jones zugesehen hat, verliert einfach irgendwann die Nerven und ist neidisch auf alle, die ihre Nerven schon eine Woche früher verloren haben. Der Ernst der Krise ist aber noch nicht überall angekommen. In den USA macht eine große Sause Schlagzeilen, in die der Versicherer AIG irgendwie verwickelt ist – jedenfalls haben Vertriebsleute aus der Branche ein gigantisches Fest in Kalifornien gefeiert, für hunderttausende Dollar Hotel, Wellness und Galadinners genossen, die AIG-Manager mittendrin. Kurz nachdem ihre Firma vom Staat vor dem Untergang gerettet werden musste. Dabei wären solche Schlagzeilen gar nicht nötig, um die Krise zu verschlimmern. Wie man hört, herrscht in Politikerkreisen diesseits und jenseits des Atlantik eine wirklich düstere Stimmung, zumal die drastischen Maßnahmen, die man ergriffen hat, ganz offensichtlich keinerlei Wirkung zeigen. Die Appelle, diese werde schon noch eintreten, geraten mehr und mehr zum Pfeifen im Walde. Die Schritte, ganze Großbanken zu verstaatlichen oder für ihre Kredite zu bürgen, zeigen den Anlegern deutlich, wie panisch an den Regierungssitzen gedacht wird und befeuern noch zusätzlich den Börsenausverkauf. Es scheint kein Kraut gewachsen. Wahrscheinlich wären noch dramatischere Maßnahmen denkbar – etwa staatlicher Zwang zur Kreditvergabe unter Banken. Aber mutmaßlich will der Bär sich austoben, ehe er Ruhe gibt. Von daher spricht einiges für die These, dass eine richtige Panik an den Börsen noch auf sich warten lässt, aber genau das ist, was noch fehlt, ehe alle wieder in Ruhe Vernunft annehmen können. Bis dahin allerdings wird noch eine Menge Porzellan zerschlagen werden, und viele werden dafür von Papptellern essen müssen, wenn das alles erst einmal vorbei ist.

03.12.2009 | 00:00

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