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Dilemma ist gar kein Ausdruck!

Reinhard Schlieker (Bild: ZDF)

Bargeld hilft jetzt auch nicht mehr: die Inflation ist wieder da! (Bild: Fotolia / Weyo)

Der Zinsdampfer hat keine guten Aussichten, derzeit (Bild: Fotolia / Marco2811)


Da ist sie plötzlich wieder, die Inflation. Tagesgelder, Sparbriefe, Bargeld werden dahinschwinden wie austrocknende subtropische Seen. Und es gab nichts, was die Europäische Zentralbank dafür oder dagegen getan hat oder hätte tun können: Wie so oft kamen die Impulse und Anstöße von ferne, aus Weltgegenden, wo Kamele wohnen. Aus Ländern, die die Draghi-Truppe zwar beobachten, in denen sie aber nicht eingreifen kann, den Landen des Erdöls nämlich. Machtlos im Sand, auf dem Grund ausgetrockneter Gewässer, so stehen Draghis Mannen.

Dass sich die Preissteigerungsrate im Dezember gegenüber dem Vormonat plötzlich verdoppelte, hatte niemand so recht auf dem Schirm. Ahnen hätte man das können, wenn man zu jenen gehört, die noch selbst ihr Auto bewegen und betanken, oder Heizöl einkaufen. Da zeigte sich die Mischung aus Opec-Ankündigungen zur Produktionsdrosselung und einem starken Dollar gut gehebelt an den Tankstellen. Die Energiepreise in der Eurozone legten allein im Dezember um 2,5 Prozent zu – ihr Gewicht in der Preisstatistik sorgt dafür, dass dies nicht ohne Folgen für die Inflationsrate bleibt, die mit 1,1 Prozent (Deutschland: 1,7) gegenüber dem Vorjahresmonat sich in Richtung auf jene „bei oder etwas unter“ zwei Prozent bewegt, die man in der Volkswirtschaftslehre für gut verträglich hält.

Ob das singuläre Ereignis nun gleich das Ende der Null-Prozent-Teuerung bedeutet, wie Bankenvolkswirte prognostizierten, mag dahingestellt bleiben – seit 2013 gab es eine Trendwende jedenfalls nicht. Auf der anderen Seite rätseln die Verbraucher immer wieder über das Zustandekommen jener Statistiken, vor allem zum Jahreswechsel: Wohl keine Versicherung, keine Beitragspflicht, die nicht mehr Geld verlangte. Der Staat in seiner Ausprägung als Kommune langt regelmäßig zu, Grunderwerbsteuern der Länder, Dienstleistungen wie Müllabfuhr und Straßenreinigung, kurzum städtische Abgaben insgesamt steigen Jahr für Jahr, und schlagen sich in Nebenkostenrechnungen nieder.

Auch Strom legt zu, da man mit dieser Rechnung längst überwiegend politische Programme mitfinanziert anstatt reiner Energie. Und dann die Mieten und Immobilienpreise… Angesichts all dessen bleibt das Beharrungsvermögen der EZB noch unverständlicher als bisher schon. Aber die Notenbank hat sich ja festgelegt – bis Ende 2017 werden weiterhin Anleihen gekauft, und dafür muss der Zins niedrig bleiben, sonst würde es ja völlig absurd. Die reale Preisentwicklung also kann die EZB in ein Dilemma ohne Vorbild stürzen, denn wie heißt es so schön? Man steckt nicht drin.

Am Ende könnten die Bürger zum Schaden noch den Spott ernten: Dann nämlich, wenn ihr ertragsloses Geld auf Konten und Sparbüchern nicht mehr einfach nur bleibt was es ist, sondern sogar noch weniger wird: Bei „Zinsen“ von bestenfalls 0,2 Prozent könnte eine anziehende Preissteigerung schnell Verluste bringen. Und der Ausweg, eine klug organisierte Aktienanlage, scheint nach wie vor in Deutschland völlig ausgeschlossen, zumindest für weite Teile der Bevölkerung, für die so etwas unbedingt ratsam wäre. So werden Zinsentwicklungen folgerichtig in den angelsächsisch geprägten Ländern auch kaum mit so viel Nervenaufwand betrachtet wie hierzulande – sie sind ein Indikator unter vielen.

Bei uns hängt dagegen alles daran: Spargelder, Renten, Versicherungen. Eine Inflation von nur ein Prozent frisst jährlich 50 Milliarden Euro des Vermögens der Bürger. Weitere Zahlen kann man sich leicht ausrechnen. Zwei Prozent und null Zinsen: das wäre der Finanz-GAU fürs Leben. Geisel der EZB seien die Sparer, so die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Warum man die Tür zur Börse, also das Entkommen aus der misslichen Gefangenenlage, in Deutschland nicht erkennt, wird wohl nie jemand so richtig ergründen können.

10.01.2017 | 16:12

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