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On Holding-Börsengang: Schuhe laufen wie geschmiert



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Das Schweizer Start-up On hat die Glocke an der New Yorker Börse geläutet. Der Aktienkurs stieg am ersten Handelstag rasant an. Was dürfen Anleger vom Sportausstatter erwarten?

Von Reinhard Schlieker


Wer eine Apple Watch beständig nutzt, wasserdicht und höhentauglich, ob river deep, mountain high, deren jüngste Version kürzlich vorgestellt wurde, kann natürlich seine Lauffortschritte stetig messen und gewichten, und womöglich anhand EKG, Blutsauerstoff und ähnlichen Werten feststellen, ob die neuesten Trend-Schuhe dort hinter dem Komma einen Unterschied machen: Denn das behaupten die absolut in Mode gekommenen Sportschuhhersteller unisono.

Die genauere und ausgedehnte Betrachtung der Medizin-Uhr samt Apps und Telefonanschluss empfiehlt sich allerdings unterwegs und bei hohem Tempo nur dem routinierten Läufer, wobei gute Schuhe natürlich auch helfen, wenn man derweil vom rechten Weg abkommt, denn Federung gehört zum Mindeststandard, auch in rauher Umgebung. In Zeiten des ungeselligen Lockdowns haben die Computeruhren- wie die Trimm-dich-Ausrüster an der Börse wie im Einzelhandel ungeahnte Höhen erklommen, was neben den Platzhirschen innovative Startups begünstigt, die entweder Investorengelder oder gleich Aktionärskapital einsammeln können.

Der jüngste Spross der Sportausstatter war die Schweizer On Holding, die kürzlich beim Börsengang einen Anfangskursgewinn von 48 Prozent erzielte und damit auf einen Schlag mit mehr als elf Milliarden Dollar bewertet wurde. Die Firma aus dem Kanton Zürich beruft sich als Alleinstellungsmerkmal auf Laufschuhe, die mithilfe Schweizer Ingenieurskunst den Jogger und Athleten wie auf Wolken gehen und womöglich gelenkschonend noch ein paar Extrameilen herausholen lassen. Aber elf Milliarden Dollar? Die Notierung erfolgte an der New Yorker Börse, beliebt bei Wachstumsfirmen unterschiedlicher Provenienz, etwa Biontech als prominentes Beispiel. Die Gründer und Manager von On Running, darunter der Deutsche Martin Hoffmann, präsentieren sich als gestählte und sportaffine Innovatoren, selbstverständlich, und bei der Eigenwerbung sind alle Buzzwords da, inklusive der unvermeidlichen „Cloud“: Hier schwebt sie aber nicht über allem, sondern ist mehrfach in die Schuhsohle eingebaut und vermeidet so die harte Landung des Läuferbeins auf unnachgiebigem Grund und Boden. Eine Zwischenschicht des „Cloudtec“-Schuhs enthält das sogenannte Speedboard, eine technologische Geheimwaffe ähnelnd dem Flitzebogen, die den Läufer auf ungeahntes Tempo beschleunigen soll (so dass das Ein- und Überholen eines gewöhnlichen Lastenfahrrads kein Traum bleiben muss). Dies also ist im wahrsten Sinne des Wortes das Alleinstellungsmerkmal des On-Produkts, wofür die Eigner und Investoren bereit waren, Millionen Aktien (gegen Geld) mit dem Publikum zu teilen und offenbar selbst über die Nachfrage staunen mussten, denn der Ausgabepreis wurde erheblich nach oben angepasst, als es auf dem Parkett zur Sache ging.

Derweil expandiert die Produktpalette, abgerundet ohnehin durch Kleidung und Accessoires, etwa mit dem nach Roger Federer benannten und von ihm in zweijährigem Marathon mitentwickelten Tennisschuh „Roger Pro“, der offenbar, denn die Wahrheit ist auf dem Platz, schneller ans Netz hilft und wieder zurück als vordem üblich. Das alles klingt danach, als könnten Adidas und Puma und Nike nun zurück in die Tüftlerstube, aber die Börse sieht es anders. Denn auch Adidas verfügt – natürlich – über eine „Boost Zwischensohle“ seiner Spitzenschuhe, wenn die auch jüngst wegen gewöhnungsbedürftiger Verarbeitung ins Gerede kamen, wobei eine Menge Klebereste dem Läufer kurzzeitig die Schnappatmung antrainierten, aber das ist halt ein großer Konzern, der sich das Schild eines Startups nur umhängt, zumindest in der Webpräsenz. Die Aktie jedenfalls notierte unlängst nahe dem Allzeithoch. Gleiches oder Ähnliches lässt sich über Puma, den Erzfreund-Feind, und Nike, den globalen Forerunner, sagen. Die haben also alle einen Lauf, ein wenig saisonbedingt wohl wegen der diversen Einschränkungen des Corona-Zeitalters, wo das Fitnesscenter restriktiv arbeitet und der Sportverein Tage des Missvergnügens ausrufen musste, denn Mannschaftssport war nicht angesagt.

Der Aufschwung der Sportartikelhersteller jedenfalls scheint derzeit ungefährdet und keineswegs nur in den warmen, teils aber eben einsamen Monaten der nördlichen Hemisphäre begründet. Offenbar hat sich ein großer Teil der Welt, der wohlhabenderen Gefilde derselben jedenfalls, zu repräsentativer Leibesertüchtigung entschlossen oder überreden lassen, und messbar ist das Ganze natürlich – mit der Apple Watch und anderen Fitness-Apparaturen. Dabei weiß der Aktionär doch, sportlich hoffentlich gestählt und gleichwohl meist auf dem Bürostuhl, ebenso wie der Volksmund: Das Glück lässt sich eher erschleichen denn erlaufen.

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17.09.2021 | 11:10

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