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Ehrlich verdient – Geld und Überraschungen


Es mag ganz natürlich sein, dass so mancher Beobachter nach der Präsentation der Quartalszahlen der amerikanischen Internetkonzerne nach dem Haar in der Suppe zu suchen begann. Zu überraschend war der Geschäftserfolg von Amazon, Apple, Alphabet (Google) oder auch Facebook.

Von Reinhard Schlieker

Vor allem Amazon und Apple hatten sich selbst die Latte sehr niedrig gelegt und vor Corona-Folgen für ihr Geschäft gewarnt, die sich im zweiten Quartal des Kalenderjahres bemerkbar machen würden. Vielleicht war den CEOs der Konzerne der eigene Börsenerfolg in den letzten Monaten unheimlich geworden; außerdem wollte man vor der Kongressanhörung zur Marktmacht der Unternehmen keine triumphalen Gesten.

So kam nun etwa die Gewinnverdopplung bei Amazon gegenüber dem Vorjahresquartal am Donnerstag nach Börsenschluss: 5,2 Milliarden Dollar netto verdiente der einstige Internetbuchhändler und heutige Datenkrösus von April bis Juni. Schon vor der Bekanntgabe lag der Aktienkurs bei umgerechnet 2.600 Euro, nicht nur optisch ein Hingucker. Für Kleinanleger ist das ein ordentlicher Brocken mit Hang zu Übergewicht im Depot. Bei Amazon entwickelt sich weiterhin das Cloud-Geschäft rasant, dies und die Online-Verkaufssparten haben nun gerade nicht unter dem Corona-Desaster gelitten, das in den USA etwa ein Quartalsminus beim BIP von mehr als neun Prozent auflaufen ließ.

Das sind bittere Zahlen, aber nicht so dermaßen sensationell, dass man diesen Konjunktureinbruch nun unbedingt an der Politik des US-Präsidenten festmachen müsste. Schließlich zeigen die größeren Länder der EU, darunter natürlich Deutschland, Frankreich und Italien, gleiche oder gar noch negativere Wirtschaftsentwicklungen im selben Zeitraum. Wenn sich das in den kommenden Monaten wieder etwas bessern sollte, dann darf man natürlich die ungekannten Multimilliarden-Hilfspakete in der EU nicht unterschlagen – die USA kennen bislang Vergleichbares nicht. Lediglich die Notenbank Fed wirkt mit ihrer Geldpolitik unterstützend.

Der zweite Sensationsbericht im Reigen der US-Giganten kam von Apple. 11,3 Milliarden Dollar blieben dort als Nettogewinn hängen – warum das Unternehmen nicht eine Banklizenz beantragt, scheint fast ein Rätsel. Für die Börsen zählt dabei wohl am ehesten die Trendwende beim iPhone. Das renommierteste und wichtigste Produkt des Hauses mit dem angebissenen Apfel brachte einen gewachsenen Umsatz von 26,4 Milliarden Dollar bei Gesamtumsätzen von fast sechzig Milliarden. Vor Bekanntgabe der Zahlen lag die Aktie noch bei rund 385 Dollar, dann ging es weiter bergauf – für Apple scheint das optisch schon zu teuer zu sein, denn man will einen Split eins zu vier: Damit wird eine einzelne Aktie wieder günstiger und bei rund 100 Dollar liegen. Diese kleinanlegerfreundliche Maßnahme hat Apple regelmäßig im Programm – aus einer Aktie vor dreißig Jahren sind so inzwischen Dutzende geworden. Der Originalwert pro Papier wäre inzwischen schwindelerregend.

Schließlich kamen noch Facebook und Alphabet mit guten Zahlen, bei dem Google-Mutterkonzern fiel der bereits erwartete Umsatzrückgang deutlich geringer aus als man befürchtet hatte. Wo lässt das nun den deutschen Privatanleger? Zum einen erweist sich, dass die vielfältigen Warnungen vor einer Blase bei den Internetkonzernen und ihrem erstaunlichen Kurswachstum der jüngsten Zeit zumindest wohl verfrüht waren, denn die Unternehmen enttäuschen nicht. Ob die Bewertungen zu hoch sind? Nach Standard-Bewertungsmethoden sieht das so aus, aber gerade diese vier Amerikaner haben solche Standards immer wieder schlicht links liegen gelassen. Der schwächelnde Dollar macht sie nun auch in Euro attraktiver, und wenn man sich bei der Konkurrenz aus China umsieht, so lasten dort die chinesische Politik und die westlichen Reaktionen darauf auf den Kursen wie Blei. Von Europa ist da generell nicht viel zu hören – der deutsche Beitrag zu zukunftsträchtigen Branchen und Unternehmen machte sich jüngst vor allem durch den Megabetrugsfall Wirecard bemerkbar. Also weiterhin in diesem Sektor keine echte Weltgeltung in Sicht. Wer die USA auf einem absteigenden Ast sieht, ist damit buchstäblich auf dem Holzweg, und das Haar schwimmt jedenfalls nicht in der amerikanischen Suppe.

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31.07.2020 | 10:19

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