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Und täglich grüßt der Maiszünsler ...



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Die Wortschöpfer haben vermutlich bewusst diesen Begriff geprägt, weil er so schön Angst machen kann. Denn das ist ja das, was man erreichen will, wenn man eine Maissorte verbieten möchte, die der amerikanische Konzern Monsanto dergestalt modifiziert hat, dass sie resistent gegen den Schädling Maiszünsler ist. Dieser Schmetterling wäre in der Lage, ganze Ernten zu vernichten, und das Ausbringen von Pestiziden ist da eine durchaus unbeliebte Lösung. Das Problem: Wir alle wollen kein Gift im Essen, nein danke – gentechnisch modifizierte Pflanzen aber wollen wir auch nicht. Und natürlich keinen Hunger in der Dritten Welt. Was, bitte, wollen wir dann? Monsanto ist ein Unternehmen, das sich der biotechnologischen Erforschung und Behandlung von Nahrungsmitteln widmet – unter anderem. Ähnliches tut unter anderem die deutsche BASF, wenn auch sehr viel diskreter und in ständiger Furcht vor den typisch deutschen Maschinenstürmern, die in einer modifizierten Kartoffel zur Stärkegewinnung schon das Teuflische an sich erkennen können. Nun hat ja in der vergangenen Woche die tapfere Ministerin Aigner (CSU) ihren bayerischen Landsleuten den Schrecken genommen, indem sie die Monsanto-Sorte 810 verboten hat. Zwar wurde diese Maissorte in Bayern gar nicht angebaut, dennoch war man dort offenbar am schlimmsten beunruhigt. Anscheinend ist der Bayer so mitfühlend, dass er auch eine angebliche Gefährdung eines Marienkäfers fernab der herrlichen bayerischen Heimat so arg schlimm findet, dass er via Bauernschaft und Ministerpräsident Druck auf das CSUgeführte Ministerium in Berlin aufbauen muss. Die Maisbauern ganz woanders, die das bislang auf 0,2 Prozent der Fläche mal probiert haben mit diesem Korn, das seit mehr als 10 Jahren erlaubt war, werden sich vermutlich bedanken. Dann wird halt wieder Gift gesprüht, was soll’s. Das komplett Irrationale der Diskussion offenbart sich, wenn man mal nachsieht, was eigentlich beim „genetic engineering“ passiert: Es ist nämlich nichts anderes als das, was in der Natur sekündlich auch passiert – nur dort eben ohne erkennbare Zielsetzung. Der Mais, den wir heute essen, hat womöglich ganz andere Eigenschaften als der, den es gestern gab. Mutter Natur verändert nämlich ständig und völlig unbeeindruckt von CSU und anderen Kalamitäten. Geradezu chaotisch. Dass das den Deutschen bisher noch nicht aufgefallen ist, dieser Wildwuchs, der da herrscht? Wehe, Natur, wenn dir die Bürokratie erst einmal auf die Schliche kommt, dann setzt es aber was! Wir verdanken diesem natürlichen Experimentieren aber immerhin sehr interessante Dinge, von denen man viele auch essen kann. Da es in der Natur einen ständigen Wettlauf gibt zwischen fressen und gefressen werden, kämpft halt der Maiszünsler gegen die Maisabwehr, und die versucht sich zu stärken. Früher oder später würde auch die Natur etwas finden gegen den Schädling, und jener sich wappnen dagegen. Was den Unmut gegen Monsanto und andere Unternehmen wohl mit schürt, ist die Tatsache, dass die Firma eben Geld verdienen will. Das ist ja schon per se etwas Übles (außer, es geht um das Geld, das unsereiner verdienen will). Und schließlich herrscht da jenes weit verbreitete dumpfe Unbehagen, was keiner Argumentation zugänglich ist: Das gerade in Deutschland tief sitzende Gefühl, dass „die Natur“ doch irgendwie „gut“ sei, der Mensch hingegen „schlecht“ ist. Verstehe das, wer will. Monsanto ist keineswegs „der Gute“ oder auch nur besonders sympathisch – aber die Firma ist hier zumindest mal nicht im Unrecht. Sie wird weiter Geld verdienen, leidet nicht einmal besonders unter der Finanzkrise, der Aktienkurs sieht besser aus als vieles, was wir sonst so sehen an der Börse. Und in weiten Teilen der Welt kann man die Produkte der Grünen Gentechnik durchaus brauchen. Nur halt bei uns nicht, aber was geht uns auch anderer Leute Hunger an?

09.11.2009 | 00:00

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