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Als wäre Joe Biden ein Zertifikat...



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Eine der zahllosen Zeichnungen und Karikaturen dieser Tage zeigt Joe Biden, mit Maske, Eimer und Schrubber vor dem Weißen Haus, das mit den Spuren von Farbbeutelwürfen übersät ist. Ein Mann der Säuberungen also nun im Amtssitz des Präsidenten?

Von Reinhard Schlieker

Es geht in die Richtung – bereits am ersten Tag erließ der Präsident Dutzende von Direktiven, deren zahlreiche eine Revision von Entscheidungen bedeuten, die noch Donald Trump am gleichen Schreibtisch erlassen hatte. Aber Samthandschuhe waren die modischen Erfordernisse in der Inauguration Speech, danach wurden sie ausgezogen. Auch erste Entlassungen wurden verfügt, sogar etwa die des Generalsekretärs der Nationalen Arbeitsbehörde – nicht einmal Trump hatte den Amtsinhaber aus Obamazeiten gefeuert.

Das „Wall Street Journal“ spricht von einer Amtsantritts-Säuberung der Biden-Administration, sehr freundlich klingt das nicht. Wer Joe Biden kennen wollte, konnte ihn allerdings kennen – als er das erste Mal für das Präsidentenamt kandidierte, war er 45 und man schrieb das Jahr 1987. Er war 36 Jahre lang Senator, acht Jahre Vizepräsident und nun schon tagelang Präsident. Man muss ihn also nicht unterschätzen. Die Probleme Amerikas allerdings auch nicht.

Allein einen großen Teil seiner ersten Entscheidungen widmete er dem konsequenten Kampf gegen Corona und den wirtschaftlichen Verheerungen der Pandemie. 400.000 Tote zählt man inzwischen, und millionenfachen Arbeitsplatzverlust. Das die US-Börsen nicht nur die endgültige Wahl Bidens am 6. Januar, sondern auch noch einmal die offizielle Amtseinführung mit Kurssprüngen begleiteten, als sei der Präsident eine Art Zertifikat mit einer Wette auf bessere Zeiten, hat man bei demokratischen Amtsinhabern eher selten gesehen. Trump hatte zwar mit Steuerreformen ebenfalls Punkte im New Yorker Finanzdistrikt machen können, aber seine erratischen Entscheidungswege ließen nicht recht nachhaltiges Vertrauen aufkommen. Man wusste nur, was er definitiv nicht schätzte: Technologiewerte, Unternehmen mit China-Fokus, alternative Energiekonzerne und ganz generell nicht viel aus Kalifornien.

Da ist nun die Aufholjagd im Gange. Was Biden auf der Habenseite vorfindet, sind die Auswirkungen einer beispiellosen staatlichen Förderung der Wirtschaft, allerdings mit gepumptem Geld. Verdient werden muss es erst noch, und das vor allem im Ausland; da gilt es, Beziehungen zu reparieren. Und damit es auch nicht stockt, wird die Biden-Regierung noch einmal 1,9 Billionen Dollar in den Kreislauf pumpen. Niedrige Zinsen also sind weiterhin fast eine Vorbedingung dafür, dass das Kalkül der neuen Administration aufgeht. Und die Mehrheiten im Kongress schaden auch nicht – auf diese Art hat das Oval Office dann wirklich keine Ecken und Kanten.

Das Angebot, statt finsterer Grabenkämpfe entlang der Parteilinien nun auch um Zustimmung der unterlegenen Republikaner zu werben, wenn es um Reformen geht, dürfte dazu dienen, die Parteilinke der Demokraten unter Druck zu setzen – ein weiteres wichtiges Signal an die Wirtschaft und vor allem die Banken, dass keine schädlichen Experimente drohen. Der Konsum als tragender Pfeiler der amerikanischen Konjunktur (das Wachstum für 2021 wird nun von den führenden Wirtschaftsforschern prompt auf 5,8 Prozent geschätzt statt zuvor rund 3,5) könnte seine Wirkung entfalten, wenn zum einen Corona dank Impfungen etwas an Schrecken verliert und gleichzeitig Direktzahlungen an amerikanische Haushalte die Ausfallquoten bei Krediten und Versicherungen verringern.

Die an den Börsen gehandelten Zukunftserwartungen begünstigen alles in allem derzeit die Technologiewerte gegenüber den herkömmlichen Industrien – Nasdaq contra Dow Jones, fürs erste 1:0. Anleger hoffen aber dann doch eher auf ein 5:3, soviel Fitness traut man derzeit dem 78jährigen Präsidenten zu, der vermutlich die Samthandschuhe nicht wieder anziehen wird, aber wenigstens nach Regeln kämpft.

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22.01.2021 | 09:06

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