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Was ist los bei SAP?


Mitten in der Nacht, genauer am Freitag früh um 1:09 Uhr, kam die dpa-Meldung, dass Bill McDermott seinen Posten als Vorstandsvorsitzender von SAP mit sofortiger Wirkung niederlegt – nachdem ebenfalls dpa nur zwanzig Minuten zuvor noch über die ermutigenden Quartalszahlen des Konzerns berichtet hatte und dabei erwähnte, dass McDermott Mitte November auf einer Kapitalmarktkonferenz die künftige strategische Planung von SAP vorstellen werde. Daraus wird nun natürlich nichts, und während die Medien im wesentlichen hervorheben zu müssen glauben, dass nun erstmals eine Frau an der Spitze eines Dax-Konzerns stehe, rätselt die Fachwelt eher darüber, was da denn los ist bei SAP.

Von Reinhard Schlieker

Aufsichtsratschef und SAP-Mitgründer Hasso Plattner (75), gerade für drei weitere Jahre zum Aufsichtsratsvorsitzenden bestellt, hat sicherlich einen Plan, oder sogar mehrere, und dürfte auch zumindest eine wenig umgängliche Seite haben. Das Jahr 2019 markiert ein ungekannter Exodus: Anfang des Jahres verließ der als McDermotts „Kronprinz“ gehandelte Robert Enslin den Vorstand, kurz nach Technikchef Bernd Leukert, weitere Topmanager folgten. Im Frühjahr engagierte sich der aktivistische Hedgefonds „Elliott“ des Investors Paul Singer bei SAP – und las dem Management gleich mal die Leviten. Ohne viel bessere Erträge in der Zukunft gehe das wohl nicht, und nach einigen Runden „Gespräche“ erhöhte SAP denn auch die Prognosen. Die Quartalsergebnisse waren nun auch tatsächlich besser – wobei im Vorquartal hohe Abfindungen für Personalabbau (4400 Stellen fallen weg) mit einer Milliarde Euro zu Buche schlugen. Der jüngste Quartalsgewinn betrug nun 6,3 Milliarden, im Jahresvergleich 13 Prozent mehr. Das Cloud-Geschäft, eindeutig McDermotts Schwerpunkt, trug nun zu den Gewinnen bei, nachdem es zunächst nur gekostet hatte. Auch das Abonnement-System bei der Software-Vermarktung läuft.

Dennoch – die bisherigen Vorstandsmitglieder Jennifer Morgan und Christian Klein als Doppelspitze werden gut zu tun haben. Neben der neuen Zukunftsstrategie gilt es auch, zaudernde Großkunden bei der Stange zu halten. Denn die bisher aus Börsensicht zumindest sinnvollen Milliardenzukäufe der jüngsten Zeit erfordern Integration. Der in dieser Hinsicht wohl einmalige Nutzerverband DSAG kritisiert inkompatible Produkte und den erwähnten Aderlass bei erfahrenen Mitarbeitern. Die Kunden stünden teils vor halbfertigen Lösungen oder müssten sich mit der Integration von neuen Programmen in ihre vorhanden Architektur bemühen. Im betrieblichen Alltag vernimmt man in der Tat häufig als Begründung für nicht klappende Vorhaben nur die drei Buchstaben: SAP. Und jeder nickt verständnisvoll.

Zurück zu Bill McDermott. Der 58jährige hatte in diesem Jahr mehrfach verkündet, er wolle „noch dreißig Jahre“ Chef von SAP bleiben; im Frühjahr terminierte er die Verhandlungen über seine Vertragsverlängerung auf 2020, und schmiedete in Interviews mit Magazinen eifrig Zukunftspläne für SAP. Dass der Überzeugungstäter McDermott als umtriebiger Amerikaner und seit immerhin 2010 Co-Chef und dann Chef, einfach gegen Mitternacht mal beschließt, aufzuhören, glaubt kein Mensch. Ob Hasso Plattner mit seinen Überraschungscoups gut beraten ist, darf man bezweifeln. Und ist geneigt zu vermuten, dass er als Übervater im Aufsichtsrat auch an den übrigen für SAP schmerzhaften Abgängen des Jahres 2019 nicht unbeteiligt ist. Vielleicht wäre die Rolle als Elder Statesman an der Spitze eines noch zu gründenden Beirats keine schlechte Idee. Der Aufsichtsrat eines Weltkonzerns bräuchte heutzutage kommunikativere Vertreter, die außerdem nicht noch so viele Bälle in der Luft halten zu müssen glauben wie ein Hasso Plattner das tut mit zahlreichen Ehrenfunktionen als Mäzen und Gründer.

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11.10.2019 | 16:23

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