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Wenn es denn hilft ...



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Nur nicht so schnell. Die Börsenkurse haben sich so rasant aufgeschwungen, dass schon wieder Skepsis angebracht ist. Sicher, die Höchstwerte von einst sind so entfernt, wie die Zeit der Ritter und Drachen. Und auch zweistellige Zuwachsraten helfen nur, das groteske Minus etwas weniger grotesk aussehen zu lassen. Da sehen die Märkte offenbar schon das Ende der Krise am Horizont – ganz anders übrigens als die Praktiker. Befeuert wird der Optimismus schon dadurch, dass der G20-Gipfel in London kein völliger Fehlschlag wurde. Auch wenn die dort beschlossenen Vorhaben noch keineswegs in ihrer Ausgestaltung absehbar sind, so blieb doch ein Eindruck: Die Welt arbeitet irgendwie zusammen und rauft sich nur bis zu einem bestimmten Punkt. Dass sich die Kontinentaleuropäer mit ihren Vorstellungen zur Regulierung und zur Haushaltsdisziplin (ja, das Wort gibt es noch) gegen die angelsächsische Lockerheit in diesen Dingen behaupten konnten, gilt als Beleg für die Kooperationsthese. Mit Sicherheit dürften zwei Dinge der Weltkonjunktur nützen:

Die Milliardenbeträge für die Entwicklungsländer – auch wenn vermutlich der Wandel der bisherigen Strategie des reinen Scheckbuchhelfens nicht gelingen wird; nach wie vor fließt viel Geld in unsinnige Projekte und in die Taschen korrupter Regime. Aber immerhin. Und dann wäre da die kommende Regulierung von Hedgefonds und anderen riskanten Kapitalanlagevehikeln. Da könnte immerhin ein Frühwarnsystem entstehen. Gleiches gilt für die Ratingagenturen, die dem öffentlichen Zorn bisher völlig zu Unrecht entkommen sind – wohl weil kaum jemand die weitreichende Bedeutung des Geschäfts dieser selbsternannten Schiedsrichter der Märkte versteht. Gegen diese Gesellschaften sollte sich Amerika eine Anti- Trust-Gesetzgebung einfallen lassen. Mit ihren Triple-A-Bewertungen für schlichten Ramsch haben diese amerikanischen Oligarchen die Bankenwelt fast gezwungen, den Hypothekenmüll zu kaufen. Ein Gutes hat auch der Beschluss des Gipfels, keine uferlosen Konjunkturprogramme aufzulegen. Zwar wird weiterhin frisch gedrucktes Geld in die Märkte gepumpt, aber es sind keine unbegrenzten Summen mehr – auch das ein europäischer Wunsch. Das könnte den Befürchtungen einer baldigen Steuererhöhung und nachfolgender Inflation etwas den Stachel nehmen. Wobei sich, wohlgemerkt, viele noch Gedanken über eine drohende Deflation machen und ein Geldentwertungsrisiko nicht sehen – Anzeichen dafür, in welchem Ausmaß Märkte, Macher und Beobachter sich in unbekannten Gewässern befinden. Jetzt kommt es auf die schnelle und eindeutige Umsetzung der Gipfelbeschlüsse an. Was leider fehlt: Eine klare Strategie, wie man die Banken zu gegenseitiger Kreditvergabe bewegen will. Da haben die Billionen bisher noch nicht viel bewegt. Schließlich sehen der Handel und die Industrie einerseits rasant abnehmende Wirtschaftstätigkeit, andererseits eine wahre Kreditklemme bei den wenigen, die noch etwas investieren wollen. Das ist bedenklich und sollte auch den Aktienmärkten als Vorsichtssignal dienen. Auf eines ist jedoch Verlass, mit und ohne Krise: Auf deutsche bürokratische Gründlichkeit. Das Ausmaß, in welchem über Abwrackprämiendetails, Fristen und Summen, Vergabe von Neuwagen und das Wegschmeißen völlig funktionierender Autos Baujahr 2000 gestritten wird, und in welchem Umfang deutsches Regierungshandeln von diesem Thema 24/7 in Anspruch genommen wird, das alles kann uns eigentlich nur eines bedeuten: Was immer da draußen los sein mag, bei uns geht Gründlichkeit vor Sinn und Verstand. Da bricht auch nichts zusammen (außer dem Regierungs-Internetserver, und das war klar). Wenn das mal kein Zeichen von Verlässlichkeit ist.

10.11.2009 | 00:00

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